)
Mitte März 2011 brach in Syrien der Bürgerkrieg aus. Gibt es fünf Jahre danach erstmals Hoffnung auf Frieden?
Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 9 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.
Damaskus/Wien. Es begann mit einer Dose gelben Lacks und Graffiti auf den Wänden. Fünfzehn bis zwanzig Schüler der Al-Quneitra-Schule in Daraa, einer Stadt im Süden Syriens, sprühten es an jede Wand: "Jetzt bist du dran, Doktor", drohten sie dem studierten Augenarzt, "Du hast das Land geplündert, oh Al-Assad" oder "Das Volk will den Sturz des Regimes!" Geheimdienstler kamen in die Schule, über einen Rechtschreibfehler identifizierten sie einen der Sprüher, Abdulrahman, und nahmen den damals 10-Jährigen mit zur Polizeistation. Die "Süddeutsche Zeitung" hat den heute 15-Jährigen in al-Ramtha, im Norden Jordaniens aufgespürt und diese ersten Tage des Aufstands in Syrien noch einmal minutiös nachgezeichnet.
Die Verhaftungen in Daraa, die ersten Proteste, bei denen am 18. März 2011 drei Menschen von Sicherheitskräften erschossen wurden, die Verzweiflung der Familien, die sich in der Omari-Moschee trafen, um über ihre weiteren Protestmaßnahmen zu beraten, die Beschwichtigungsversuche von Präsident Bashar al-Assad, der versprach, die Todesschützen vor ein Tribunal zu stellen. Und schließlich die Erstürmung der Omari-Moschee, Begräbnisse, 35 Tote allein nach der Beerdigung eines Arztes, der bei Protesten Tage zuvor erschossen worden war. Eine Todesspirale wurde in Gang gesetzt: Tote, Proteste, Niederschlagung der Proteste, mehr Tote, mehr Proteste. Die ersten Schritte auf den Weg in den Abgrund.
Denn die Bilder aus Daraa verbreitenen sich via Internet und lösten nun in ganz Syrien Proteste aus - freilich ohne die Ausmaße einer Massenbewegung wie in Tunesien oder Ägypten zu erreichen. In der Hauptstadt Damaskus und der Wirtschaftsmetropole Aleppo blieben die Anti-Assad Kundgebungen auf die Außenbezirke beschränkt.
Neben der Region um Daraa entwickelte sich Hama, Syriens viertgrößte Stadt zu einer Hochburg der Revolte. Die Armee verliße im Juni Hama, kehrten aber einige Wochen später mit gepanzerten Fahrzeugen zurück. Schon im Februar 1982 ließ Bashar al-Assads Vater Hafez al-Assad große Teile Hamas nach einem Aufstand der Muslimbruderschaft dem Erdboden gleichmachen, 20.000 bis 40.000 Bewohner der Stadt sollen bei der Strafaktion des Regimes ihr Leben verloren haben.
Syriens arabischer Frühling begann bis zum Sommer zum Bürgerkrieg zu metastasieren: Denn das Regime reagierte auf die zuerst gewaltfreien Demonstrationen immer rücksichtsloser, nach und nach begannen sich auch die Demonstranten zu bewaffnen. Im Juli riefen Deserteure die "Freie Syrische Armee" aus und der Konflikt begann eine konfessionelle Dimension anzunehmen, internationaler Vermittlungsversuche, unter anderem durch den vormaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan, scheiterten.
Nun verliefen die Frontlinien zwischen den den Schiiten zuzurechnenden Alawiten (sie stellen zehn bis 15 Prozent der syrischen Bevölkerung), die seit der französischen Mandatszeit das Militär und die Sicherheitskräfte dominieren und deren Glaubensrichtung auch der Assad-Clan zuzurechnen ist, und der sunnitischen Mehrheit.
Sunniten begannen, Alawiten umzubringen, und umgekehrt. Für Assad kam Kompromiss und Entgegenkommen nicht in Frage, denn das könnte ja als Schwäche interpretiert werden, vielmehr sollte der Gegner völlig vernichtet werden. Die Unterstützung, die ihm die vom Iran unterstützte schiitische Hisbollah bot, bestärkte Assad in seiner Entschlossenheit. Die sunnitischen Milizen, die sich inzwischen gebildet hatte und vor allem von den USA und Saudi-Arabien unterstützt worden waren, folgten allerdings derselben Logik.
Syriens Fragmentation
Syriens Fragmentation begann: Aleppo wurde zur geteilten Stadt: Der Westteil wird von Assads Leuten kontrolliert, der Ostteil von den Rebellen. Verarmte Sunniten aus den ländlichen Regionen bilden das Rückgrat der Rebellion, darunter viele Bauern und Landflüchtlinge, die als Folge von Dürre und Verelendung den sunnitischen Milizen zugeströmt sind. Die Milizen konnten Sold bieten und Gelegenheit zum Plündern. Die meisten politischen Aktivisten, liberale Städter, sitzen im Gefängnis, liegen in ihrem Grab oder sind längst nach Jordanien, in die Türkei oder den Libanon oder nach Europa geflüchtet.
Diese urbanen Optimisten, die zuerst noch auf Freiheit und Demokratie hofften, waren bald längst enttäuscht, so mancher bereute nach dem ersten Aufflackern der Gewalt, bei den ursprünglichen Protesten dabeigewesen zu sein. Denn diese Menschen wollten einen Wandel zu einem modernen Syrien, aber keinesfalls einen Bürgerkrieg. "Sie hatten den konfessionellen Faktor und die Entschlossenheit des Assad-Regimes, die eigene Macht um jeden Preis zu verteidigen, vollkommen unterschätzt, wie Michael Lüders in seinem Buch "Wer den Wind sät" schreibt.
In Syriens Nachbarland Irak weigerte sich Premier Nuri al-Maliki, die politische Macht mit anderen politischen Gruppen zu teilen, und festigte stattdessen seine eigene Machtbasis mittels einer religiös verbrämten Kampagne, die auf die Zerstörung seiner Rivalen abzielte. Daesh, der sogenannte "Islamische Staat", eine seltsame Allianz aus alten Baath-Verbündeten von Saddam Hussein und Smartphone- und Pop-Dschihadisten, nutzte die Unzufriedenheit der sunnitischen Bevölkerung in Syrien und im Irak und dominierte bald weite Teile beider Länder.
Aus dem Bürgerkrieg wurde spätestens 2012 ein Stellvertreterkrieg: Assad gewährt der russischen Flotte den Zugang zum Mittelmeer, Syrien ist Irans wichtigster Verbündeter in der Region und die golfarabischen Staaten, einige westliche Mächte sowie die Türkei unterstützen aus unterschiedlichen Gründen die gegen das Assad-Regime kämpfenden Rebellen und Dschihadisten.
Nach 1824 Tagen ist die Bilanz von 1,9 Millionen Verwundeten und 470.000 Toten, sowie 10,8 Millionen Flüchtlingen horribel. Immerhin: Die jüngsten Versuche, zumindest einen Waffenstillstand zu erreichen, scheinen halbwegs erfolgreich zu sein, nach fünf Jahren gibt es erstmals so etwas wie eine vage Hoffnung auf Frieden.
)
)
)