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Syrische Armee wittert ihre Chance

Von Michael Schmölzer

Politik

Rebellen starten Rückzug aus Homs. Immer mehr Assad-Gegner geben militärischen Widerstand auf und ziehen sich zurück.


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Damaskus/Wien. Nach der Eroberung Aleppos durch Streitkräfte der syrischen Regierung im Dezember sind die Rebellen fast überall auf dem Rückzug. Machthaber Baschar al-Assad hat mit russischer und iranischer Hilfe die Oberhand gewonnen, seine Gegner geben in zahlreichen belagerten Gebieten den Widerstand auf. "Assad ist eindeutig in der stärkeren Position, er geht davon aus, dass er das ganze Land zurückerobern kann", erläutert der österreichische Militärexperte Brigadier Walter Feichtinger die Lage. Die Opposition könne den Krieg nicht mehr gewinnen, zumal auch untereinander gekämpft werde.

In dem von Rebellen kontrollierten Stadtteil von Homs, einer ihrer letzten Hochburgen, ist eine große Evakuierungsaktion angelaufen. Allein am Samstag sollen 1500 Menschen in Bussen die Stadt verlassen haben, darunter hunderte Kämpfer, die ihre leichten Waffen mitnehmen durften. Damit scheint es nur eine Frage der Zeit, bis auch die drittgrößte Metropole Syriens komplett an Assad fällt. Bereits im Februar gab es Luftangriffe auf den von Rebellen gehaltenen Stadtteil.

Auf dem Vormarsch

Die Armee, die schon so gut wie geschlagen in den Seilen hing, wittert jetzt überall ihre Chance. Auch die Rebellen-Region Ghouta unweit von Damaskus soll erobert werden. Die bedrängten Assad-Gegner versuchen, den Belagerungsring der Armee zu sprengen. Sie haben am Dienstag in der Früh mit einem Autobomben-Angriff eine verzweifelte Offensive gestartet und sind in die syrische Hauptstadt vorgedrungen. Seitdem wird Damaskus von den heftigsten Kämpfen seit zwei Jahren erschüttert. Die Armee schlägt zurück. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte hat am Mittwoch massive Luftangriffe und Granatenbeschuss auf die von Rebellen gehaltenen Viertel Jubar und Al-Kabun im Nordosten der Hauptstadt gemeldet. Rebellen, darunter radikale Islamisten, feuern ihrerseits mit Raketen auf Stadtteile in der Nähe des Zentrums, die von der Armee kontrolliert werden. Videos, die unter anderem vom TV-Sender Al-Arabiya online gestellt wurden, belegen das.

Damaskus wird von Regierungstruppen massiv gesichert und ist seit Beginn nicht unter den Hauptkriegsschauplätzen. Die Gegner der Regierung beherrschen ein Gebiet östlich der Hauptstadt, das blockiert wird. Zehntausende Menschen sind eingeschlossen, versorgt wird die Region über Schmugglertunnel. Die Rebellen versuchen nun, aus der Umklammerung zu entkommen, um nicht das Schicksal von Ost-Aleppo zu erleiden.

In Homs, wo sich früh Widerstand gegen Assad regte, wollen unterdessen auch nach der großen Evakuierungsaktion vom Wochenende die meisten Bewohner bleiben. Laut Opposition sollen in den kommenden Wochen zwischen 10.000 und 15.000 Rebellen und Zivilisten abziehen. Ein blutiger Kampf um Homs steht wohl trotzdem noch bevor.

Das syrische Regime hat zuletzt Rebellen in mehreren belagerten Gebieten gedrängt, sich auf "Versöhnungsabkommen" einzulassen und ihren Widerstand aufzugeben. Die Aktion in Homs wird von der Hilfsorganisation Roter Halbmond sowie von der syrischen und russischen Armee koordiniert. Der regimetreue Gouverneur von Homs meint, die Evakuierungen dürften noch etwa sechs Wochen dauern. Man sei "zuversichtlich", dass der "vollständige Abzug der Bewaffneten aus diesem Bezirk den Boden für weitere Versöhnungen und Umsiedlungen bereitet", so Talal Barasi. Die Busse fahren von Homs in die Region Dscharabulus, wo Rebellen an der Macht sind, die von der türkischen Regierung unterstützt werden.

Angesichts der verworrenen Situation sind auch bereits Geflüchtete längst nicht in Sicherheit. Am Mittwoch wurden bei einem Luftangriff auf ein Schulgebäude im Norden Syriens mindestens 33 Zivilisten getötet. Es handelte sich um Flüchtlinge. Offenbar waren Jets der US-geführten Koalition für den Angriff verantwortlich, nur zwei Überlebende sollen aus den Trümmern geborgen worden sein. Bestätigt sind diese Angaben nicht, das Pentagon hat eine Untersuchung angekündigt.

Verhandlungen in Genf

Derweil startet am heutigen Donnerstag in Genf die nächste Runde der Syrien-Gespräche unter UN-Vermittlung. Das Besondere dabei daran ist, dass diesmal sowohl Vertreter der Regierung als auch der Oppositionsgruppen ihre Teilnahme zugesagt haben. Allerdings werden sie nicht direkt miteinander, sondern getrennt mit dem UN-Sondergesandten Staffan de Mistura sprechen.

Konkret soll es um vier Themen gehen: eine zu bildende Regierung der nationalen Einheit, eine neue Verfassung, Wahlen und Maßnahmen gegen den Terror. In der vergangenen Verhandlungsrunde, die Anfang März endete, gab es keine Annäherung. Jetzt wird erneut eine Lösung am Verhandlungstisch angestrebt. Möglich ist, dass die Rebellen, die auf dem Schlachtfeld wohl nicht mehr gewinnen können, Schritt für Schritt einlenken müssen.

Was die Erfolgsaussichten der Gespräche angeht, ist Experte Feichtinger allerdings sehr skeptisch. Sie würden "mit Sicherheit mühsam", meint der Brigadier in seinem Video-Blog. Aber jedes Ergebnis sei besser, als den blutigen Kampf in Syrien nach mehr als 400.000 Todesopfern weiter fortzusetzen.