Systematisch erschöpft

Von Cathren Landsgesell

Wissen

Menschen mit Kindern, die in Gesundheitsberufen arbeiten, sind besonders Burnout-gefährdet. Geschlossene Schulen und Kindergärten fordern besonders die heraus, die schon überfordert sind.


Mit 206 belegten Intensivbetten, 158 sind noch frei, rücken die Pflegekapazitäten in Wien ihrer Grenze immer näher. Die Auslastung liegt derzeit bei fast 57 Prozent der Intensivbetten, bei den Normalbetten sind 63 Prozent.

Die Zahlen werfen ein Schlaglicht auf das unmittelbare Leid, das Covid-19 verursacht und den Stress, dem die Pflegenden ausgesetzt sind. Eine neue Studie der Universität Utah zeigt nun, dass die Belastungen der Pandemie und der Lockdowns für das Gesundheitspersonal generell so dramatisch sind, dass ein großer Teil überlegt, Stunden zu reduzieren oder den Beruf ganz aufzugeben. Diejenigen unter den Befragten, die sich in Ausbildung befinden, überlegen, diese wieder abzubrechen. Angesichts der ökonomischen Krise sei es "ernüchternd", dass "mindestens ein Fünftel aufgrund von Stress aufgeben will", sagt die Psychologin und eine der Autoren der Studie, Angela Fagerlin in einer Aussendung. Vor dem Hintergrund, dass die befragten Ärzte und Krankenpfleger bis zu 15 Jahre lang anspruchsvolle Ausbildungen absolviert haben, seien die Erkenntnisse besonders erschreckend.

So relevant wie unterbezahlt

Obzwar die Online-Erhebung unter 27.700 Angestellten eines Medizinverbundes beschränkt ist, zeigt sie - anders als andere Untersuchungen zu dem Thema -, dass Burnout-Erfahrungen und Überforderung besonders unter denjenigen verbreitet sind, die sich zusätzlich zu ihrem Beruf um Kinder kümmern. Wenn Schulen und Kindergärten geschlossen sind, wird der Alltag zunehmend unbewältigbar. Das trifft nicht nur für diejenigen zu, die unmittelbar an der Sorge für Patienten beteiligt sind, sondern auch für das nichtmedizinische Personal: "Die Ergebnisse sind alarmierend und ein Warnzeichen", so die Erstautorin Rebecca Delaney.

Der empfundene Stress drückt sich in Burnout, in Depressionen und Angstgefühlen aus. 49 Prozent der Studienteilnehmer mit Kindern berichten, dass ihre Elternrolle und Homeschooling ihnen besonderen Stress bereitet. 55 bis 60 Prozent sagen, ihre Produktivität habe gelitten. Die Studienautoren betonen mit einiger Dringlichkeit, dass, werden keine adäquaten Rahmenbedingungen geschaffen, die Gesundheitssysteme nach der Pandemie vor dem Kollaps stehen.

Sich nicht ausreichend um die Familie kümmern zu können, ist eigenständiger großer Stressfaktor speziell für Pflegende in Krankenhäusern und Pflegeheimen, so eine Studie aus Frankreich. Die Top-6 der Stressoren sind außerdem: Die Angst, selbst an Covid-19 zu erkranken, die Unmöglichkeit, sich auszuruhen, der innere Kampf mit widerstreitenden Gefühlen, das Bedauern über Einschränkungen bei Besuchen und der Zeitdruck bei Entscheidungen am Lebensende von Patienten. Diese Faktoren führen zu psychischen Erkrankungen wie Depression und Angststörungen.

Auch die Wissenschafter, die diese und andere Studien im Zusammenhang mit dem Coronavirus durchführen sind nach über einem Jahr der Pandemie ausgebrannt und erschöpft. In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science berichten Wissenschafter von dem enormen Arbeitsdruck: "Jeder arbeitet nachts udn an den Wochenenden durch, in jeder freien Minute. Es gibt keine extra Bezahlung oder Anerkennung", sagt dort etwa Emma Hodcroft, eine Bioinformatikerin an der Universität Bern. Sie hat in den letzten Monaten unter anderem das Mutationsgeschehen von Sars-CoV-2 für Nextstrain, eine Datenbank, sequenziert. Ihre Arbeit ist unverzichtbar für die Bekämpfung der Pandemie und die Impfstoffentwicklung. "Ich bin prekär beschäftigt und habe keinen fixen Arbeitsvertrag", sagt sie. Sie hofft, dass ihre Arbeit dennoch für sie zu einem wissenschaftlichen Durchbruch führt. Seit Februar 2020 hat sie 18 wissenschaftliche Arbeiten zu Sars-CoV-2 publiziert.

Die Stimmung ist nach einem Jahr der Pandemie insgesamt traurig, das zeigt ein Blick auf das Dashboard des Complexity Science Hub Vienna, das auf Basis von Social Media-Postings die allgemeine Stimmung in der Pandemie dokumentiert. Besonders dramatisch ist die Situation unter den so genannten "systemrelevanten" Berufen, wie eine AK-Studie zeigt: Wer im Supermarkt Kassierer ist oder Pfleger in einem Pflegeheim, erhält vielleicht nach einem Jahr Pandemie mehr Anerkennung, aber nicht mehr Geld: Diese Gruppen tragen besondere Risiken und sind zugleich besonders gering bezahlt.