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Tacheles über den Frieden

Von Árpád W. Tóta

Gastkommentare
Árpád W. Tóta (43) ist unabhängiger Journalist in Ungarn. Er wurde mit dem Josef Pulitzer Gedächtnispreis ausgezeichnet.
© privat

Die einzige Lösung für die Ukraine ist, Putins Armee zu besiegen.


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Wie man hört, wollen die Ungarn Frieden, und zuallererst will das ihr Ministerpräsident. Die gute Nachricht kommt auf Raupenketten daher: Frieden ist auf dem Weg, dazu braucht man Panzer, ungefähr dreihundert. Frieden wird es in der Ukraine erst dann geben, wenn eine ausreichende Anzahl von Russen ihr Leben lassen in einem Land, in das sie eingedrungen sind. Dann erst werden die übrigen darüber nachdenken, ob sie auch ihr Leben lassen wollen, und schließlich nach Hause gehen. Sie belagern dann meinetwegen den Kreml oder beschäftigen sich anderweitig. Wichtig ist nur, dass sie keine anderen Länder mehr angreifen.

Andere Rezepte führen nicht zum Frieden, sondern nur zu einer Verschnaufpause für die Eindringlinge - zum Leidwesen der in Geiselhaft genommenen Bevölkerung. Und bald kämen ähnliche Aggressionen weltweit, weil es sich ja lohnt. Diejenigen, die über Frieden faseln, ohne die Grenzen zu benennen, sind entweder naiv oder Agenten Wladimir Putins. Sie wagen es nicht zu sagen, dass sie eigentlich die Kapitulation der Ukraine wollen, damit sie nicht als Bösewichte gelten. Sie können aber auch nicht klar dazu stehen, weil sie damit ihre rechtsextremen Unterstützer verprellen würden.

Für den Frieden müsste also Putins Armee besiegt werden, so wie Adolf Hitler ein für alle Mal besiegt werden musste. Der Vergleich ist in mehreren Punkten richtig: Der Westen hat bereits Putins "spezielle militärische Operation" zigmal abgelehnt. Das war es aber dann erst einmal. Erst nach einer gewissen Zeit kamen begrenzte Waffenlieferungen hinzu, und dann endlich betraten die Panzer das Schlachtfeld. Sie kommen spät, aber hoffentlich nicht zu spät.

Das endlose Leid der Zivilbevölkerung, das russische Morden, der Beschuss ukrainischer Wohnsiedlungen dauern nun schon mehr als ein Jahr an. Das ist eine geballte faschistische Barbarei. Der Kreml hielt den Westen monatelang zum Narren, die Drohungen des geistigen Tieffliegers Dmitri Medwedew wurden ernstgenommen. Man fürchtete sich vor einer weiteren Eskalation.

Dem russischen Bären die Zähne ausgeschlagen

Doch diese blieb aus. Die Russen mussten die Lieferung von Waffen an die Ukraine und die Ausbildung ukrainischer Soldaten im Westen hinnehmen. Zwar stießen sie von Zeit zu Zeit Schmerzensschreie aus - aber sonst geschah nichts. Was hätte auch geschehen sollen? Putin hat seine besten Kräfte in diesem Krieg bereits verheizt, und die früheren Kolonien an den südlichen Grenzen Russlands begehren bereits auf - sie sehen ja, dass dem russischen Bären die Zähne ausgeschlagen wurden.

Da wir wirklich so schnell wie möglich Frieden wollen, liegt es in unserem eigenen Interesse, dass die Russen so schnell wie möglich aus der Ukraine abziehen. Und dafür braucht man Leopard-Panzer, Flugzeuge, eine stärkere Flugabwehr, also alles, was helfen kann, Putins Amoklauf zu stoppen. Tarnkappenbomber gehen noch nicht, weil das Training der Piloten mehrere Monate in Anspruch nimmt. Westliche Waffen wurden entwickelt, um Russland im Notfall zu besiegen. Und dieser Notfall ist jetzt eingetreten. Die Gelegenheit, Putin in die Schranken zu weisen, ist für den Westen einmalig - freilich um den Preis ukrainischen Blutes.

Eine andere Lösung sehe ich nicht, Russlands "Sicherheitsbedürfnis" kann man nicht akzeptieren. Putin ist unersättlich, erst will er den Nachbarn beherrschen, dann annektieren und dann auch den nächsten Nachbarn beherrschen, denn dort ist ja nun seine neue Grenze.

Die Front verläuft im Osten - da gehören die Waffen hin

All diese Waffen gehören in die Ukraine. Nicht nach Frankreich, Deutschland oder Spanien, die aktuell nicht unmittelbar bedroht werden. Die Front verläuft im Osten, und wir alle stehen dahinter, unser elementares Interesse ist es, sie zu halten und die Ukrainer bis zum Sieg zu unterstützen. Die meisten der gelieferten Waffen sind ohnehin nicht mehr brandneu, doch sie sind den russischen immer noch weit überlegen, so wie die westliche Demokratie Putins Diktatur überlegen ist.

Warum? Laut dem ungarischen Premier Viktor Orbán darf Putin den Krieg nicht verlieren, weil er dann auch die Wahlen im nächsten Jahr verlieren würde, und das wäre für ihn fatal. US-Präsidenten, deutsche Kanzler, britische Premiers beklagen eine verlorene Wahl zunächst, aber dann schlafen sie sich aus, halten weltweit Vorträge, schreiben Bücher oder gärtnern. Sie hinterlassen aber keine Leichenberge, keine ermordeten Rivalen samt deren Familien, sodass sie auch nach dem Machtverlust relativ ruhig leben können. Sie haben bereits während ihrer Amtszeit regelmäßig über ihr Vermögen Rechenschaft abgelegt, daher müssen sie auch nicht in Angst leben.

Putin kann sich nicht würdevoll zurückziehen

Woran liegt es aber, dass Putin sich nicht so würdevoll zurückziehen kann? Bestenfalls stirbt er später unter unwürdigen Umständen. Was kümmert uns das? Mit seinem grenzenlosen Größenwahn und seiner Skrupellosigkeit hat er in einem einzigen Jahr den Tod von mindestens 200.000 Menschen verursacht. Dieses System hat er nur für sich erfunden. Vielleicht lernt sein Nachfolger daraus - das ist nicht unmöglich: Nikita Chruschtschow schmollte, als er zurücktreten musste, aber er konnte danach sein Leben in Frieden leben, weil er eben nicht weiterführte, was Josef Stalin begonnen hatte.

Vielleicht können auch andere davon lernen. Orbán spürt, wie es ist, wenn es bei der Macht um Leben und Tod geht, wenn man zu weit gegangen ist und es keinen Ausweg mehr gibt, zumindest nicht auf freiem Fuß. Kein Wunder, dass er mit dem russischen Schlächter sympathisiert, dessen Populismus und Diktatur ihn in eine Sackgasse geführt haben. Sie verstehen sich gut. Aber wir, die Völker Europas, müssen sie nicht verstehen. Schickt einfach die Leos los, um das Ganze so bald wie möglich zu beenden!