Zum Hauptinhalt springen

Tag der Wahl: Alles bleibt anders

Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

Politik
© © WZ-Grafik: Stefan Koch, Moritz Ziegler, Fotos: Klaus Stimeder

Rundreise durch New York und New Jersey: Sechs Stationen - sechs Welten.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

8.03 Uhr - Public Charter School, Spanish Harlem, 106th Street/Madison Avenue

Wer, wenn nicht sie? Die Latinos, so das Urteil der Weissager in Funk und Fernsehen, sollen Barack Obama jene Stimmen verschaffen, die ihm diesmal viele weiße Amerikaner verweigern. Spanish Harlem wird mittlerweile von gebürtigen Mexikanern dominiert - sie haben die Einwanderer aus Puerto Rico als wichtigste Kraft abgelöst. Es liegt noch Morgentau, als sich die Ersten zur Stimmabgabe aufmachen. Als Wahllokal dient die East Harlem Scholars Academy.

Eltern prügeln sich, um ihre Kinder in dieser Mischung aus Privat- und öffentlicher Schule unterzubringen. Fünfjährige werden in Spanisch und Englisch unterrichtet, für Teenager herrscht Uniformzwang, wer öfter als zehn Tage unentschuldigt fernbleibt, fliegt. Den Latinos des Barrio gilt sie als Sprungbrett zu jener Art höherer Bildung, die die Republikaner so teuer machen wollen, dass sie sich kein Normalsterblicher mehr leisten kann. "Hier stellt sich nicht die Frage, ob Obama gewinnt oder nicht. Nur, wie hoch sein Sieg ausfällt", sagt die junge Wahlhelferin, die vorm Eingang eine Rauchpause einlegt. Gerade noch hat sie Hinweisschilder aufgehängt, in fünf Sprachen: Englisch, Spanisch, Chinesisch, Koreanisch, Arabisch.

New York City mit seinen rund 8,3 Millionen Einwohnern ist eine Demokraten-Hochburg. 40 Prozent der Bewohner wurden im Ausland geboren, die meisten in Lateinamerika. Millionen Teile eines ethnischen Fleckerlteppich, die an diesem Tag eines eint: das Bekenntnis zur Politik des Amtsinhabers.

10.19 Uhr - Freizeitzentrum 92Y, Upper East Side, 92nd und Lexington Avenue

Auf der Upper East Side von Manhattan ist das große Geld zuhause - das alte und neue. Sein inoffizielles Rathaus ist das 92Y. Ein jüdisches Kulturzentrum samt Fitnessklub, das dank erstklassiger Diskussionsveranstaltungen zu Politik, Wirtschaft und Kultur weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Kaum ein Nobel- oder Pulitzer-Preisträger ist hier nicht Stammgast.

Auch wenn der Wähleranteil der Republikaner zwischen 59. und 96. Straße für New Yorker Verhältnisse hoch ist, dürfen sich Mitt Romney und Paul Ryan keine Hoffnungen machen. Die Geldelite der Stadt pflegt mehrheitlich eine liberale Gesinnung.

Am Vormittag drängen sich im zum Wahllokal umfunktionierten 92Y die Leute. Die Schlange reicht bis auf die sonnenüberflutete Straße. Kaum zu glauben, dass vor ein paar Tagen durch diese Straßen ein Hurrikan gefegt ist. Die Upper East Side hat wenig gelitten. "Wir hatten hier nur ausgerissene Bäume, die ein paar Autos demoliert haben", sagt Hannah Bercow. Die 67-Jährige hat noch keine Wahl ausgelassen, "seit ich denken kann". Wie lange sie warten wird? "Eine, vielleicht zwei Stunden. Es macht mir nichts aus. Auch wenn es viele Leute nicht kapieren wollen: Das ist die wichtigste Entscheidung für dieses Land seit Jahrzehnten."

12.59 bis 14.45 Uhr -Hoboken, New Jersey

Der unterirdische Zugbahnhof an der Kreuzung 6th Avenue und 14. Straße, den sonst tausende Pendler bevölkern, ist fast verwaist. Die Ticketmaschine ist außer Betrieb. Ein Mitarbeiter der Port Authority, die den Zugverkehr regelt, weist den Weg: "Keine Angst, nur hereinspaziert. Die Fahrt ist gratis, bis alle Sturmschäden behoben sind." Auf Monitoren, die die Wartezeit vertreiben sollen, verkündet der Schauspieler John Cusack, in seinem neuen Film den ultrarechten Hetzer Rush Limbaugh zu spielen. Es ist immer noch das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten.

Der Zug lässt auf seiner Fahrt von Downtown Manhattan ans Ostufer New Jerseys drei Stationen aus, grindige Geisterbahnhöfe, die am Samstag noch unter Wasser standen. Eine Viertelstunde später, zurück im Tageslicht offenbart sich mit jedem Schrittdie Katastrophe, der Meteorologen den Namen "Sandy" gaben. Hoboken, Hudson County: ein kleiner, aber im kollektiven Gedächtnis fest verankerter Ort. Frank Sinatra wurde hier geboren, Marlon Brandos Klassiker "Verdammt in alle Ewigkeit" gab er die Kulisse. Wie hoch das vom Hurrikan aufgewirbelte Wasser des Hudson in der 50.000-Einwohner-Stadt stand, davon zeugen grün-graue Linien, die fast die Hälfte aller Häuser zieren.

Abseits der Washington Street, der pittoresken Hauptstraße mit ihren Sandsteinhäusern und Stadtvillen, deren erhöhte Lage sie rettete, brummt es an allen Ecken: Notstromaggregate, Pumpen, die Wasser aus den Kellern saugen. Ständig fahren Lastwagen und Jeeps der Armee vorbei. Sie bringen das Nötigste in die Aufnahmezentren zu Menschen, denen "Sandy" das Heim genommen hat: Trinkwasser, Decken, Schlafsäcke, Windeln, Klopapier.

Am Wahltag waren in der Region 40.000 Menschen obdachlos. Wählen gingen viele trotzdem. In Hoboken dient ein Quartier der Berufsfeuerwehr als Wahllokal. "Wir sind vom Andrang sehr überrascht. Wir hatten wegen der Umstände mit viel weniger gerechnet", sagt Mary Bruckner. "Die Leute sind extrem motiviert. Wir haben jetzt schon gut 45 Prozent der registrierten Wähler abgearbeitet, und wir haben noch mindestens sieben Stunden offen." Wie sich die Mittfünfzigerin, die seit 15 Jahren als Wahlhelferin fungiert, das erklärt? "Vielleicht hat der Hurrikan den Menschen gezeigt, dass die Regierung nicht nur dazu da ist, ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen."

Zufrieden sind nicht alle. Laut der Lokalzeitung "The Record" haben sich manche in New Jersey heftig über die Federal Emergency Management Agency beschwert, nachdem ihr Ansuchen um finanzielle Hilfe verweigert wurde. In fast allen Fällen handelte es sich um wohlhabende Bürger, die nicht einsahen, warum sie für den Wiederaufbau ihrer Zweit- und Drittwohnsitze keine Unterstützung bekommen.

15.52 Uhr - World Trade Center

In ein, zwei Jahren wird der Zugbahnhof am World Trade Center einer der wichtigsten Knotenpunkte des Nahverkehrs sein. Momentan ist er sturmbedingt gesperrt. Rund um die größte Baustelle Manhattans herrscht das alltägliche Treiben. Zeugen Jehowas erklären denen, die es hören wollen, die "richtige" Lesart der Bibel und verteilen ihren "Wachtturm". Touristen knipsen den Freedom Tower und seine kleinen Brüder und Schwestern, Bauarbeiter machen sich zum Schichtwechsel bereit.

"Ich war nicht wählen, ich hab dazu keine Zeit", antwortet einer. Und: "Es macht doch eh keinen Unterschied, welcher von den Typen im Weißen Haus sitzt. Ich konzentrier’ mich aufs Wesentliche: Geld verdienen." Einen Steinwurf weiter liegt der Zuccotti Park, jenes kleine, betonierte Stück Erde, dem die "Occupy Wall Street"-Proteste Weltruhm brachten. Tausende, vorwiegend junge Amerikaner hielten hier monatelang aus, um ein Zeichen gegen die menschenverachtenden Mechanismen der Finanzindustrie zu setzen. Am Wahltag 2012 ist er praktisch menschenleer.

17.46 Uhr, East Village, 7th Street, zwischen 1st Avenue und Avenue A

Wenige Minuten, bevor in den ersten wichtigen Bundesstaaten die Wahllokale schließen, ein Dialog zweier Hipster Anfang 30 - jener globalen Jugendbewegung, die die Bush-Jahre hervorbrachten und deren Konzept von Ironie ganze Stadtviertel von New York unbewohnbar gemacht hat: "Mann, was machen wir, wenn Romney wirklich Präsident wird?" "Was meinst du? Dann haben wir wenigstens vier Jahre was zu lachen. Wäre doch echt cool." In der Ferne leuchtet des Empire State Building in den Landesfarben.

10 bis 12 Uhr, Times Square

Welcher Bildschirm darf es sein? Der von Fox News, auf dem sich dicke, dumme Männer, die einst Präsidentschaftsberater waren, über das Problem der Republikaner mit den ethnischen Minderheiten auslassen, die partout nicht kapieren wollen, dass es für sie das Beste ist, Politik und Wirtschaft den Weißen zu überlassen?

Der von NBC, auf dem die einzige bekennende lesbische Moderatorin eines großen TV-Senders aus dem Grinsen nicht herauskommt, nachdem Elizabeth Warren zur Senatorin von Massachussetts gewählt wurde? Der von ABC, auf dem rote und blaue Balken den Stand der Dinge anzeigen? Oder doch der von Comedy Central, auf dem sich Jon Stewart und Stephen Colbert ein Match um die Lachmuskeln liefern? Der Times Square, einst gefürchteter Sündenpfuhl, hat seinen Schrecken lange verloren. An diesem Tag wird kollektiv ferngeschaut, je nach politischem Geschmack oder Bewegungsfreiheit, und, ja wirklich, Alkohol getrunken.

Langsam aber sicher wird klar, wie das Rennen ausgeht. Wisconsin, Heimat des republikanischen Chefideologen? Obama. Westküste? Obama. Iowa? Obama. Als gewiss ist, dass der Präsident Ohio, den Swing State aller Swing States, eingetütet hat, bricht es aus Hunderten hervor: "Obama! Obama! USA! USA!" Das Abgeordnetenhaus? Fest in republikanischer Hand. Alles bleibt anders, im fortschrittlichsten und zugleich rückständigsten Land der Welt.