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Tag und Nacht auf dem Hochseil

Von Bernhard Kathan

Reflexionen
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Schreiben ist oft auch eine bedrückende und anstrengende Tätigkeit . . .
© Cartoon: Jugoslav Vlahovic

Die Lebenserwartung österreichischer Schriftsteller ist mit 63,69 Jahren erstaunlich niedrig.


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In letzter Zeit häufen sich Tode von Freunden, unter ihnen viele Schriftsteller und Künstler. Da ich seit langem Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) bin, machte ich mir die Mühe, anhand der Liste der verstorbenen Mitglieder die durchschnittliche Lebenserwartung von Autoren und Autorinnen auszurechnen. Diese liegt zurzeit bei 63,69 Jahren, also deutlich unter jener der Gesamtbevölkerung, die bei Männern 75,5, bei Frauen 81,5 Jahre beträgt.

Meine Statistik kennt gewisse Unschärfen. Ich habe dazu alle Todesfälle von Mitgliedern herangezogen. Während wir es hier mit einem Zeitraum von 29 Jahren zu tun haben, wird die durchschnittliche Lebenserwartung üblicherweise nach den Sterbestatistiken eines Jahres berechnet. Weiters lässt sich die durchschnittliche Lebenserwartung einzelner Berufsgruppen nur bedingt mit jener der Gesamtbevölkerung vergleichen. Wirklich vergleichen lassen sich nur Berufsgruppen. Man muss also Statistiken heranziehen, die Auskunft über die durchschnittliche Lebenserwartung von Bäckern, Automechanikern, Krankenschwestern oder Beamten geben.

Soziale Unterschiede

Sterbestatistiken belegen nach wie vor erhebliche soziale Unterschiede. Arbeiter sterben früher als Angestellte und selbstständig Erwerbstätige. Besonders hoch ist das Risiko frühzeitiger Sterblichkeit bei Hilfsarbeitern, während Universitätsprofessoren eine auffallend hohe Lebenserwartung haben, ganz zu schweigen von buddhistischen Mönchen. Bemerkenswerterweise liegt die Lebenserwartung von Krankenschwestern unter jener von Kaminkehrern, aber deutlich über jener von Schriftstellern.

Deren niedrige Lebenserwartung erstaunt, können sie doch weder von einem Dach fallen noch in ihrer Arbeit an einer Stichverletzung verbluten. Im Gegenteil, sie scheinen die sicherste Tätigkeit der Welt auszuüben. Sie sitzen an einem Schreibtisch, oder legen sich ins Bett, wenn sie Lust haben, ein Buch zu lesen. Sie können ihre Zeit frei einteilen. Sie werden, so sie freiberuflich arbeiten, von keinen Vorgesetzten drangsaliert.

Auf eine Aussendung zur durchschnittlich niedrigen Lebenserwartung österreichischer Autoren gingen überraschend viele Antworten von Kollegen ein. Manche waren ironisch gemeint: "ich genier mich wirklich. bin ich also doch keine schriftstellerin, weil, nämlich: ich werd schon 80. keine red mehr von sozialverträglichem frühableben. den 67er hab ich offenbar übersehen, dabei wär der ja schon überzogen gewesen, wie kann ich mich herausreden? (. . . ) im nächsten leben such ich mir buddhistische mönche als freunde."

Es ist verständlicherweise bedrohlich, kriegt man als Autor oder Autorin mitgeteilt, die durchschnittliche Lebenserwartung betrage gerade einmal 63,69 Jahre. Man kann darauf mit dem Hinweis auf Kollegen reagieren, die sich in einem hohen Alter befinden. Das lässt an Raucher denken, die Statistiken, die nur zu gut belegen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Rauchern niedriger ist als jene von Nichtrauchern, etwa mit dem Hinweis auf den 94-jährigen Kettenraucher Helmut Schmidt zu widerlegen suchen.

Nicht wenige Antworten hatten folgenden Tenor: ". . .man weiß ja nie / wie viel Unschönes dem verbleibt / der mit 63,69 nicht ‚abkratzen‘ kann. / Verzeih meinen heutigen Sarkasmus!" Etwas versöhnlicher: "Ich muss allerdings gestehen, dass die Arbeit oft auch nur sehr harzig vorangeht. In den letzten Tagen habe ich oft 4 oder mehr Stunden an einigen Zeilen herumlaboriert, bevor ich einigermassen zufrieden war. (. . . ) Dir muss ich aber nicht weiter von der Mühseligkeit des Schreibens berichten, und ich will ja auch keineswegs jammern. Heute sich leisten zu können, täglich einige Stunden sich einer so unproduktiven Tätigkeit zu widmen, ist ja eigentlich ein Privileg. Frage ist, welchen Preis man dafür bezahlt."

Manche Antworten stimmten traurig: "eine seit 20 monaten würgende depression, die mir die rede und das (persönliche) schreiben benimmt. gäbe es nicht den hund, ginge ich gar nicht mehr ausser haus: ein ständiger kampf darum, die flucht in ein sozusagen unterirdisches dasein zu dekonditionieren". Oder: "ich bin nur mehr umgeben von exekutionsklagen und ähnlichem!!! (voller finanzieller breakdown) das ist alles total und überhaupt und sowieso destruktiv und zerstörerisch für jede art von inspiration! "

Die niedrige Lebenserwartung von Autoren erstaune sie nicht, erklären Menschen, die selbst keine Bücher schreiben: sie sei Folge von Depressionen, exzessivem Alkohol- oder Tabakkonsum. Und als würde man nicht selbst genügend Beispiele aus der Literaturgeschichte oder dem eigenen Lebensumfeld kennen, werden einem Autoren aufgelistet, die sich das Leben nahmen: Paul Celan, Peter Szondi, David Foster Wallace, Walter E. Richartz, Franz Innerhofer, Hertha Kräftner, Brigitte Schwaiger . . .

Leidensdruck

Erstaunt war hingegen ich davon, dass auch Kollegen dazu neigen, die niedrige Lebenserwartung unter "tragischer Literaturgeschichte" zu rubrizieren: "Betrachtet man die Mortalität von Schreibenden, so findet sich ein ursächlicher Zusammenhang der Abweichung vom durchschnittlichen Alter Verstorbener eher in den Gründen, aus denen einige der Schreibenden überhaupt erst zu schreiben beginnen: Leidensdruck."

Trotz aller individuellen Dispositionen lässt sich das Problem nicht privatisieren. Kränkungserfahrungen unterschiedlichster Art mögen zwar von Bedeutung sein, damit jemand mit dem Schreiben beginnt, es steht aber außer Frage, dass das Schreiben selbst mit vielfältigsten Kränkungen verbunden ist. Schreiben ist per se eine Tätigkeit, die nicht nur Konflikte zum Inhalt hat, sondern von Konflikten begleitet wird. Mit Schreiben verdient man außerdem zumeist nicht viel, vor allem dann nicht, wenn man um ein gewisses Niveau bemüht ist, und damit nur kleine Gruppen ansprechen kann. Selbst dann, wenn eine Zeitung den Abdruck eines Textes zusagt, heißt das noch lange nicht, dass dieser tatsächlich abgedruckt wird. Wird er nicht gedruckt, sieht man auch kein Geld. Beklagen darf man sich nicht, sonst bringt man in dieser Zeitung keinen Text mehr unter.

Schreiben wird oft als Liebhaberei, als Privatangelegenheit abgetan. Man könne sich doch jederzeit eine andere Arbeit suchen. Dabei wird freilich vergessen, dass die erbrachten Leistungen keineswegs wertlos sind, wie etwa deren oft indirekte Nutzung durch Werbeagenturen zeigt.

Angeschrieben wurden auch politisch Verantwortliche: neben anderen Claudia Schmied, Rudolf Hundstorfer und Christoph Leitl, der einem auf den Aussendungen der SVA stets lachend entgegenblickt und die "Anstalt" als modernes Dienstleistungsunternehmen preist. Von all den angeschriebenen Politikern erreichte mich nur eine einzige Antwort. Werner Faymann ließ mir über sein Büro ausrichten, "dass ob der - prozentuell gesehen - verschwindend geringen Anzahl an Autoren in Österreich deren unterdurchschnittliche Lebenserwartung kaum ins sozialökonomische Gewicht falle."

Diese Antwort spiegelt wie die ausgebliebenen Antworten sehr gut, welchen Stellenwert die Politik der Literatur zuweist. Unter allen Spartenförderungen von Bund und Ländern rangiert die Literaturförderung an letzter Stelle. Den wenigsten Schriftstellern gelingt es, ihre Einkommensverhältnisse mit ihren Lebens- und Arbeitsverhältnissen auch nur einigermaßen in Einklang zu bringen. Gerhard Ruiss von der IG-Autor/inn/en: "Forcieren sie ihre literarische Tätigkeit, verarmen sie, forcieren sie ihre Brotbeschäftigungen, werden ihre literarischen Tätigkeiten zu Begleiterscheinungen ihres sonstigen Lebens, ob als ganz privates Hobby oder steuerrechtlich so eingestufte ‚Liebhaberei‘."

Geringer Selbstwert

Viele Autoren und Autorinnen leben somit in prekären Verhältnissen. Andauernde Prekariate lassen sich etwa am Zahnstatus oder an bestimmten Krankheitsbildern wie Erschöpfungszuständen oder Panikattacken ablesen - aber eben auch an der Lebenserwartung. Es wäre allerdings zu einfach, all das nur an der schlechten Bezahlung festzumachen. Lebt man nur von Konservendosen, Kartoffeln oder Reis, dann braucht man nicht viel zum Leben. Ein diesbezüglicher Selbstversuch machte mir allerdings deutlich, dass sich die Stimmung dann innerhalb weniger Wochen grundlegend ändert, und an Arbeit nicht mehr zu denken ist.

Andauernde Prekariate bedeuten Dauerstress, sie gehen mit einem Verlust an Selbstwertgefühl einher, was in einer Gesellschaft nur zu verständlich ist, in der sich Identität maßgeblich der Teilhabe am Konsum verdankt. Dazu machen freischaffende Autoren oft genug die Erfahrung von Absagen, was sich höchst dämpfend auf das Selbstwertgefühl auswirkt: "Da Sie bisher keine Rückmeldung von uns erhalten haben, konnten wir Ihre Einsendung leider nicht berücksichtigen. Aus Datenschutzgründen werden unverlangt eingesandte Manuskripte von uns vernichtet."

Einer meiner schreibenden Freunde suchte wegen eines anhaltenden Erschöpfungszustandes einen Arzt auf. Dieser meinte, wenn man so lebe, könne man nur krank sein. Das sei ja, als brächte man Tag und Nacht auf einem Hochseil zu. Er solle doch den Beruf wechseln, eine Ausbildung machen! - Hätte er als 55-Jähriger vielleicht mit einem Medizinstudium beginnen sollen?

Überraschend an meiner Statistik ist die atypische Streuung. Todesfälle finden sich gehäuft zwischen dem 40. und 45., dem 56. und 67., dem 76. und 85. Lebensjahr. Dazwischen gibt es "Zeitfenster". Dass so viele zwischen dem 56. und 67. Lebensjahr sterben, dürfte ursächlich mit prekären Lebensbedingungen und ihren Begleiterscheinungen zusammenhängen. Wer es dagegen bis zum 67. Lebensjahr schafft, der hat gute Chancen, noch zehn oder mehr Jahre zu leben.

Bernhard Kathan, geboren 1953, lebt als Sozialwissenschafter, Publizist und Künstler in Innsbruck. Er arbeitet im Spannungsfeld von Kulturwissenschaft, Literatur und Kunst. Internet: www.hiddenmuseum.net