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Es sind keineswegs alle Taiwaner für die Sezession von China.
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Als ich im Oktober 2014 vom chinesischen Festland aus nach Taiwan flog, war ich gespannt auf die Unterschiede zum Festland. Aber außer dem Shinkansen-Zug und den japanisch gestylten heißen Quellen nicht viel Nicht-Chinesisches zu sehen. Die Tradition ist chinesisch, Sprache und Schrift sind chinesisch, die Musik ist chinesisch, die Aufschriften sind chinesisch, die Speisen sind chinesisch, die Religionen sind chinesisch. Die "National Dr. Sun Yat-sen Memorial Hall" in Taipeh weist auf den Gründer der chinesischen Republik hin. Das prächtige "Nationale Palastmuseum" in Taipeh mit den von Tschiang Kai-shek bei seiner Flucht auf die Insel gestohlenen Kunstwerken beinhaltet die weltweit größte Sammlung chinesischer Kunst. Eine der Fluglinien heißt Chinese Airlines.
Warum nennt sich Taiwan offiziell, aber verschämt, "Republic of China", wenn es doch angeblich kein Teil Chinas ist und mit China nichts zu tun hat? Befürworter der Unabhängigkeit führen manchmal als Argument an, dass sich die politischen Systeme auseinanderentwickelt haben. Das ist sicher richtig, ist aber nur ein Argument für "Ein Land, zwei Systeme".
Steht die ganze Bevölkerung hinter der eine Sezession Taiwans anstrebenden Präsidentin Tsai Ing-wen, die ja durch ihre Politik seit 2015 die jetzige Krise ausgelöst hat? Bei den Präsidentschaftswahlen 2020 erreichte Tsai 57 Prozent der Stimmen, der Kuomintang-Kandidat Han Kuo-yu immerhin 39 Prozent. Die Kuomintang steht zum zwischen dem chinesischen Präsident Xi Jinping und dem damaligen taiwanesischen Führer Ma Ying-jeou ausgehandelten "1992 Consensus. Hier wird das beiderseitige Einvernehmen festgelegt, dass es ein China gibt und Taiwan Teil Chinas ist. Das heißt, es ist keineswegs so, dass alle Taiwaner für die Unabhängigkeit eintreten - die 5,5 Millionen Kuomintang-Wähler sicherlich nicht. Hier geht das Spektrum von Befürwortern der Aufnahme von Gesprächen über eine friedliche Wiedervereinigung auf Basis von "Ein Land zwei Systeme" bis zu Verfechtern eines Status quo mit Anerkennung des "1992 Consensus" und einer Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen. Die sezessionsfeindliche Kuomintang hat 300.000 Mitglieder. Man darf nicht erwarten, dass diese im Fall einer Sezessionserklärung Tsais die Hände in den Schoß legen. Das könnt einen Bürgerkrieg auslösen. Dass die Offiziere und Soldaten der taiwanesischen Armee sämtlich für die Unabhängigkeit sind und dafür sterben wollen, kann man auch nicht annehmen. Die taiwanesische Armee wird vor einem im Fall einer Sezessionserklärung zu erwartenden Krieg mit dem Festland zerfallen und teilweise kampfunfähig werden. Und was die USA erwartet, wenn sie militärisch zu Hilfe kommen und eine chinesische Invasion bekämpfen, hat das Pentagon in Simulationen 2018 und 2019 schon durchgespielt. Fazit: Eine Invasion in Taiwan kann nicht abgewehrt werden; Niederlage, Rückzug, vernichtende Verluste an Flugzeugträgern, anderen Kriegsschiffen, Kampfflugzeugen, bis sechsstellige Zahl getöteter US-Soldaten. Die bessere, friedliche Lösung: USA und Europa sollten mit Aufmunterungen zur Sezession und Kanonenbootpolitik im Westpazifik aufhören und zusammenwachsen lassen, was zusammengehört.
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