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Taliban: Rückkehr der Verfemten?

Von Georg Friesenbichler

Politik

Kaum Chancen auf Versöhnung. | Situation im Land ist chaotisch. | Kabul/Wien. "Warum zerstören sie das Land?", fragte der afghanische Präsident verzweifelt. Gerade hatte einer der schwersten Anschläge in Kabul seit 2001 rund 30 Menschen in den Tod gerissen. Dass Hamid Karzai daraufhin den Terroristen nicht den Kampf erklärte, sondern ihren Führern Mullah Omar und Gulbuddin Hekmatyar Friedensverhandlungen, ja sogar Posten in seiner Regierung anbot, hat international Diskussionen ausgelöst.


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Die einen rügten die Verhandlungsbereitschaft mit jenen Radikalislamisten, die durch die US-Intervention nach dem 11. September 2001 erst von der Macht vertrieben worden waren. Andere sehen hingegen keine andere Möglichkeit mehr, als durch die politische Einbindung der Verfemten Ruhe und Stabilität im Land zu erreichen.

Anfang September hatten die Taliban erstmals Gesprächsbereitschaft gegenüber Karzais wiederholten Angeboten signalisiert. Wenig später präzisierten sie, dass solche Verhandlungen den Abzug ausländischer Truppen zum Ziel haben müssten. Auf Karzais jüngstes Angebot der Regierungsbeteiligung wurde am Wochenende mit der Rückkehr zur alten Position reagiert: Als Erstes müsse der Abzug der Ausländer erfolgen. Und wenige Tage später explodierte eine weitere Bombe in Kabul.

Experten rätseln, ob die zunächst signalisierte Gesprächsbereitschaft ein Zeichen für die Stärke oder für die Schwäche der Taliban sei. Denn die Aufständischen sind seit dem Frühjahr in rund der Hälfte des Landes, vor allem im Süden und Osten, in Kämpfe mit der nationalen Armee und internationalen Streitkräften verwickelt. Spektakuläre Anschläge auch in der Hauptstadt sollen ihren Erfolg demonstrieren. Anderseits haben sie bei den Kämpfen auch hohe Verluste erlitten, wenn man den Angaben der internationalen Truppen glauben darf. Die Regierung sieht jedenfalls unterschiedliche Fraktionen innerhalb der Taliban und hofft, einige von ihnen der Al-Kaida-Fraktion entfremden zu können.

Taliban haben keinen Nachwuchsmangel

Im Gegensatz zu den offiziellen Truppen leiden die Taliban nicht an Nachwuchsmangel. US-Verteidigungsminister Robert Gates soll in internen Gesprächen eingeräumt haben, dass der Truppenaufwand im Irak das Engagement in Afghanistan beeinträchtigt. Rund 25.000 Soldaten stellen die USA in dem Land, 10.000 im Rahmen der seit 2001 andauernden "Operation Enduring Freedom", 15.000 weitere innerhalb der Nato-geführten Isaf-Truppen (International Security Assistance Force) - viel zu wenig für die gestellten Aufgaben. Die US-Regierung wird deshalb nicht müde, die europäischen Nato-Verbündeten zu größeren Truppenentsendungen aufzufordern. Zwar hat die Nato eine Aufstockung beschlossen, die Begeisterung ist aber gering, zumal die Bilder von getöteten Soldaten (zuletzt in Spanien und Dänemark) die europäischen Bevölkerungen schockieren.

Die Taliban dagegen können sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen. Einerseits üben sie Repression aus: Zuletzt wurde in der Südprovinz Helmand, Zentrum der Kämpfe, ein 15-Jähriger erhängt, weil er für die Koalitionstruppen spioniert haben soll, aus anderen Landesteilen wurden drei weitere Hinrichtungen gemeldet.

Andererseits kommen viele auch freiwillig, weil sie über das Vorgehen der Ausländer empört sind. Denn bei ihren Einsätzen aus der Luft, aber auch am Boden geraten immer wieder unschuldige Zivilisten unter Beschuss. Das nährt den Eindruck, der Westen würde hier beliebig gegen Muslime vorgehen. Rund 80.000 Menschen wurden durch die Kämpfe in die Flucht getrieben - von der versprochenen Sicherheit ist man weit entfernt.

Mohnanbau, Korruption und schwaches Kabul

Zudem wird mit Misstrauen gesehen, dass der Westen den Anbau von Schlafmohn, Basis für Opium und Heroin, verbieten will. Gerade die ärmsten Bauern sind darauf als sichere Einkommensquelle angewiesen. Laut einem vor kurzem veröffentlichten UNO-Bericht ist Afghanistan für 93 Prozent der weltweiten Opiumproduktion verantwortlich. Sämtliche Maßnahmen dagegen haben versagt, der Anbau ist in diesem Jahr sogar um 34 Prozent gestiegen. Die Taliban lassen ihn nicht nur zu, sondern profitieren auch von den lukrierten Geldern. Die meisten Angebaugebiete liegen im heiß umkämpften Süden.

Aber auch der opium-freie Norden profitiert vom Drogengeschäft: Viele Handelsrouten führen dort durch, und viele politische Führer profitieren davon. Sie sind nicht unmittelbar in den Handel verwickelt, bekommen aber gute Bezahlung dafür, dass sie wegschauen, manche Lastwagen nicht durchsuchen lassen oder Vertraute der Drogendealer in hohe Postionen hieven, erläutert Barnett Rubin vom New Yorker Centre for International Cooperation.

Die einfachen Polizisten, die rund 50 Dollar Monatssalär erhalten, sind besonders empfänglich für die allgegenwärtige Korruption, die zu den größten Problemen des Landes zählt. Daher will die EU die Zahl ihrer Polizisten in Afghanistan auf 200 aufstocken, um die örtlichen Kräfte besser ausbilden zu lassen. Für einen Drogenbaron ist es freilich noch angenehmer, wenn die Regierung in Kabul einen ihm willfährigen Polizeichef in die Südprovinzen schickt - 400.000 Dollar sollen dafür zu zahlen sein.

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon hat in einem nun vorgestellten, äußerst negativen Bericht zu Afghanistan, der eine neue Strategie einfordert, neben Korruption und Drogenwirtschaft auch die Schwäche der Zentralregierung gerügt. Tatsächlich können die heimischen Streitkräfte nicht einmal selbständig Ruhe und Ordnung aufrechterhalten, wenn die Isaf-Truppen ein Gebiet von den Taliban freigekämpft haben, räumte der Nato-Kommandeur in Afghanistan, US-General Dan McNeill, kürzlich ein. Die Rückkehr der Gotteskrieger ist daher abzusehen.

Aber auch im ruhigeren Norden ist nicht alles eitel Wonne. Zwar funktioniert dort das Konzept besser, mit Hilfsprojekten die Unterstützung der Bevölkerung zu finden. Aber sogar die bescheidenen Fortschritte sind von Unzulänglichkeiten durchsetzt. In den Provinzen kommt nur ein kleiner Teil der ausländischen Milliardenhilfen an. Das ist nicht nur der Korruption, sondern auch der Überforderung der Beamten geschuldet.

Rund 50 Prozent der Kinder kommen ihrer Schulpflicht nach, ein Drittel davon Mädchen - weit mehr als vor fünf Jahren. Aber das Schulsystem ist durch den Ansturm überfordert, die Lehrer, oft ohne Matura, wissen kaum mehr als ihre Schüler.

Und auch hier wird die Sicherheitslage schlechter. Zwar ist die Zahl der Anschläge gesunken, aber sie sind spektakulärer und blutiger geworden, weil sie durch Selbstmordattentäter und Sprengfallen verübt werden. Die Situation für die Helfer von Nichtregierungsorganisationen wird heikler, die Entführungen häufen sich.

Schreckensherrschaft der Warlords

Dabei ist die Bevölkerung schon jetzt von der mangelnden Sicherheit enttäuscht. Dazu tragen nicht zuletzt die Machthaber in den Provinzen bei. Denn sie rekrutieren sich zu einem guten Teil aus jener multiethnischen Nordallianz, die einst die Taliban bekämpft hat. Die damaligen "Warlords" sind weiter an der Macht, die Regierung hat nicht die Kraft, sich gegen sie durchzusetzen. Willkür ist an der Tagesordnung. Die Frauenrechtlerin Malalai Joya wirft den Kriegsfürsten die Verantwortung für Morde und Vergewaltigungen vor, laut ihren Angaben sind 80 Prozent der Ehen erzwungen. Auf dem Land, wo die meisten Afghanen leben, ist die Situation besonders schlimm.

Auch der einstige "Warlord" Hekmatyar, den Karzai in seinen Appell einschloss, hat einst im Norden als muslimischer Fundamentalist die Sowjettruppen bekämpft. Kurzfristig war er nach dem Abzug der Russen sogar Premierminister, ehe das Land unter seiner kräftigen Mithilfe in einem blutigen Bürgerkrieg versank, den erst die Machteroberung durch die Taliban beendete. Hekmatyar floh vor den Taliban in den Iran, freundete sich nach der Invasion seines Landes aber mit ihnen an und unterstützt heute die Al Kaida.

Wenn Karzai ihn und die Taliban ins Boot holen will, erinnert das in fataler Weise an jene bald zersplitterte Koalition aller Milizen und Volksgruppen, die sich nach dem Rückzug der Sowjetunion gebildet hat. Angesichts der verzweifelten Lage in seinem Land glaubt der Präsident aber wohl, keine andere Wahl zu haben.

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