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Tante Jolesch und der Krieg

Von Thomas Seifert

Leitartikel

Wer stoppt die Eskalation zwischen China und den USA?


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"Seid besorgt! Brief folgt." Wer so ein Telegramm erhielt, durfte sich schon einmal fürchten. Die Passage aus Friedrich Torbergs "Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlandes in Anekdoten" ist köstlich, aber in der heutigen Zeit der Instant-Information und der zeitverzögerungslosen Nachrichtenübermittlung kaum noch vorstellbar.

Und heute? "Seid besorgt!

Leitartikel folgt."

Es geht um Russland und die Ukraine, China und die USA und warum die Gefahr eines großen Krieges rasant anwächst.

Indem Russland die Ukraine mit einem Krieg überzogen hat, werden Europa und die Welt daran erinnert, dass ein Landkrieg epischen Ausmaßes auch heute geführt werden kann. Militärs lernen, wie der moderne Kampf verbundener Waffen auf Korpsebene funktioniert und wie innovatives Kriegsgerät eingesetzt wird.

Für Militärstrategen und Waffentechniker ist die Ukraine derzeit ein Versuchslabor für den Weltuntergang. Und damit macht dieser Krieg zwischen Russland und der Ukraine auch einen möglichen bewaffneten Konflikt zwischen China und den USA wahrscheinlicher. Im polarisierten US-Kongress ist man sich in kaum einer Sache einig - in einer aber schon: China wird als die große Bedrohung betrachtet. In der US-Öffentlichkeit zeigt sich dasselbe Bild: Laut einer jüngsten Gallup-Umfrage sehen 50 Prozent der befragten US-Bürgerinnen und US-Bürger China als den größten Feind ihres Landes, 32 Prozent nannten Russland. Nordkorea - das 2018 an der Spitze stand - wird von 7 Prozent der Befragten als größter Feind betrachtet. Die Rhetorik zwischen den beiden geopolitischen Rivalen wurde zuletzt ruppiger.

US-Präsident Joe Biden hat die China-Hysterie ebenfalls erfasst: Er ließ vor kurzem einen chinesischen Ballon in einem medienwirksamen Feuerwerk von Kampfjets abschießen.

Nun wird auch der Ton in Peking immer rauer: Chinas Präsident Xi Jinping beklagte vor kurzem, dass die USA eine "Strategie der Eindämmung, der Einkreisung und des Niederhaltens" gegen China verfolgen würden. Sein Außenminister Qin Gang ging am Dienstag noch einen Schritt weiter und warnte vor "Konflikt und Konfrontation". Mit dem ständigen Weiterdrehen an der Eskalationsspirale droht in gar nicht allzu ferner Zukunft ein schreckliches Kriegsszenario. Jemand muss die Stop-Taste drücken.

Der angesehene "Washington Post"-Kommentator David Ignatius bringt es auf den Punkt: "Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um als Präsident Courage zu zeigen: Ein Besuch in Kiew mitten im Krieg ist eine. Eine andere Möglichkeit ist, zum Telefon zu greifen und Xi Jinping zu einer Zeit der sich rasant verschlechternden Beziehungen anzurufen."