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Tanz auf dem Vulkan

Von Christof Habres

Politik
Mazal tov: eine traditionelle jüdische Hochzeit in Tel Aviv 2012.
© © Nati Hadad

Reise von einer traditionellen Hochzeit bis zum unkonventionellen Sederabend.


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Tel Aviv-Jaffa/Jerusalem. "Wer ist schon Günter Grass?" Diese Gegenfrage bekam man in Israel in den letzten Tagen des Öfteren gestellt, wenn man Israelis nach ihrer Meinung zu den kontroversiellen Äußerungen des Literaturnobelpreisträgers fragte. "Meschugge!", kam oft als Antwort. Und das war nicht nur auf den Autor gemünzt, sondern auch auf die internationale Diskussion, die dieses unreflektierte Gedicht ausgelöst hat. Israelis sind diesbezüglich schon einiges gewohnt, von internationaler Kritik angefangen, hinter deren Intention sich häufig ein verbrämter Antisemitismus verbirgt, bis hin zu übertriebenen Reaktionen der eigenen Regierung, die dann trotzig den Schriftsteller zur Persona non grata erklärt.

Was viele Bewohner des Landes an solchen Diskussionen aber am meisten stört, ist das fehlende Wissen über die Verfassung und Verfasstheit des Landes, die vielfältige Gesellschaft und deren aktuelle Befindlichkeit. Da spielt zurzeit der "Weltfrieden" nicht unbedingt die Hauptrolle, sondern eher der soziale Friede im Lande, wie etwa die friedlichen Massenproteste gegen überhöhte Miet- und Lebensmittelpreise im letzten Sommer bewiesen haben. Themen, die zurzeit in fast jedem westlichen demokratischen Land an der Tagesordnung stehen. Die aber bei der medialen und politischen Rezeption des Staates Israel rund um den Globus meist unter ferner liefen abgehandelt werden. Ein kurzer Einblick in das mannigfaltige Meinungsspektrum des Landes.

Unter der Chuppa in Jaffa

Eine traditionelle jüdische Hochzeit in der Altstadt von Jaffa. In jener jahrhundertealten Hafenstadt, deren Bevölkerung bis heute mehrheitlich arabisch-palästinensischer Abstammung ist.

Judith Scheer arbeitet in einem Ministerium in Wien und leitet den Kulturverein "Jewish Salon Vienna", Arie Rabfogel ist Unternehmensberater und kommt aus Tel Aviv. Kennengelernt haben sie sich in Wien, klassisch über einen Schadchen (Vermittler). Bei Judith und Arie hat diese Rolle der Wiener Oberrabbiner Eisenberg übernommen.

Geheiratet wird nach traditioneller Zeremonie in Tel Aviv-Jaffa: Dabei umkreist die Braut den Bräutigam, die Ketuba (Ehevertrag) und der Shewa Brachot (die sieben Segenssprüche) werden verlesen, ein Weinglas wird zertreten und die schnellen, fast ekstatischen und nach Geschlechtern getrennte Tänze werden getanzt. Hinzu kommt ein Shabbat Chatan, eine eigene Feier des Bräutigams im Tempel, danach ein Shabbes-Dinner in einem Tel Aviver Hotel.

Ein mehrtägiges Fest der Freude, des Tanzes, neuer Freundschaften und natürlich der Liebe.

Nichtsdestotrotz stellen sich dem Paar nach den Feierlichkeiten ganz profane, aber wichtige Fragen, die unmittelbar mit der Situation des Landes zu tun haben. Das beginnt mit den beruflichen Perspektiven der Braut in einem ihr fremden Arbeitsmarkt und reichen bis zum Aufwachsen zukünftiger Kinder in Israel. Teilweise sehr emotionale Fragen, die es für das frisch verheiratete Paar noch zu lösen gilt.

Aber wie heißt es so schön nach dem Zertreten des Glases: "Mazal tov! Alles Gute!"

Shabbat-Night-Fever in Tel Aviv

Von der traditionellen Hochzeitsfeier ins abwechslungsreiche Nachtleben in Tel Aviv. In den unzähligen Lokalen, Bars und Clubs ist am Wochenende die sprichwörtliche Hölle los.

Das intensive Feiern hat die "Weiße Stadt" weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt gemacht und viele Touristen kommen nur deswegen ins Heilige Land. Die Ausgelassenheit gleicht manchmal einem Tanz auf dem Vulkan. Ein Vergleich, dem der Künstler Elad Koppler nur zustimmen kann. Einerseits ist es natürlich die permanente militärische Bedrohung von außen, die die Israelis so ausgelassen feiern lässt, als gebe es kein Morgen, andererseits kommen die aktuellen finanziellen und sozialen Probleme hinzu, die einer breiten Mittelschicht zu schaffen machen.

Die Mieten stiegen in den letzten Jahren exorbitant. Elad Koppler hat deswegen seine Wohnung in Tel Aviv aufgeben und ist nach Bat Yam südlich von Tel Aviv gezogen. Er und seine Freundin sind führende Vertreter der neuen sozialen Bewegung in Israel, die im August 2011 unter anderem damit Aufsehen erregte, eine Zeltstadt entlang des bekannten Rothschild-Boulevards errichtet zu haben, um auf das eklatante Mietproblem aufmerksam zu machen. Obwohl die Regierung Netanyahu als Reaktion darauf eine eigene Kommission, die Trachtenberg-Kommission, eingesetzt und versucht hat, die Preise für Mieten, Eigentumswohnungen, Lebensmittel und Benzin zumindest zu stabilisieren, ist für die meisten Mitglieder dieser Bewegung noch viel zu wenig geschehen. Daher planen sie, den Protest im Sommer wieder aufzunehmen.

Ausländische Investoren beeinflussen die Marktlage

An den Protestkundgebungen 2011, die in der Geschichte Israels einzigartig waren, was Größe und gesellschaftliche Wirkung betrifft, hat auch Esther Dollinger, eine Freundin von Elad Koppler, teilgenommen.

Obwohl sie als Immobilienmaklerin für ausländische Investoren eigentlich auf der "anderen" Seite steht. Denn ausländische Investoren sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Mieten und Wohnungspreise rasant angestiegen sind. Was Dollingers Beruf erschwert, sind die Bedenken der internationalen Kunden, in ein vermeintlich unsicheres Land wie Israel zu investieren. Oft sind hunderte Anrufe, Angebote und Beschwichtigungen notwendig, bevor es zu einem Geschäftsabschluss kommt. Trotzdem sind auch ihr die Anliegen der parteiunabhängigen Bewegung eine Herzensangelegenheit, gerade weil ihre beiden Kinder mit den gegenwärtigen Bedingungen zu kämpfen haben.

Von der Aufgeregtheit in Tel Aviv ist im ultra-orthodoxen Stadtteil Kirjat Mattersdorf in Jerusalem absolut nichts zu spüren. Ruhig und bedächtig gestaltet sich hier das tägliche Leben, fast weltabgewandt, tief verwurzelt in einer seit Jahrhunderten gepflegten und bis heute tradierten talmudischen Lehrtradition. Nur in der neu errichteten, erst vor einigen Monaten eröffneten und weithin bekannten Jeshiwa der Gemeinde trübt der Lärm der Schüler und Studenten ein wenig die Ruhe dieses Viertels.

In den Gesprächen mit den Rabbinern Akiba und Yitzchak Ehrenfeld geht es nicht um die sozialen, gesellschaftlichen Probleme des Staates Israel, nicht um die internationale Reputation des Landes. Es geht vielmehr um religiöse Tradition und Geschichte und natürlich um die laufenden Vorbereitungen zum bevorstehenden Pessachfest. Eine in sich geschlossene Enklave, die ihre Probleme, die mit Sicherheit ebenfalls vorhanden sind, vor der Außenwelt verborgen hält.

Sederabend in einer pulsierenden Stadt

Ungeheuer ruhig ist es auch am Nachmittag vor Beginn des Pessachfestes in Tel Aviv. Fast unheimlich. Kaum Passanten und Autos auf den Straßen dieser sonst lauten und pulsierenden Stadt. Die Künstlerin Maya Zack und der französisch-stämmige Schriftsteller Laurent Cohen laden zum Sederabend in ihre Wohnung. Die Pessach-Haggada wird mittels Beamer an die Wand projiziert, die Gesänge teilweise mit der Gitarre begleitet. Der Dichter Benjamin Kaufmann führt durch den Abend, der den Beginn des Pessachfests darstellt - das Erinnern an die Geschichte der Befreiung aus der Sklaverei und den Auszug der Juden aus Ägypten.

Kaufmann versucht, in diesem unkonventionellen Umfeld die Ordnung (Seder) zu bewahren. Was nicht einfach ist, denn schon nach dem zweiten Becher Wein entwickelt sich ein philosophisch-politischer Diskurs über die Vergangenheit und das Heute in Israel, über Gefangenschaft, Migration, Integration und Identität - bis zur Aktualität und zeitgemäßen Interpretation der Tora in einer säkularen Gesellschaft.

Diskussionen, die so lebhaft geführt werden, dass manchmal auf die Fortführung des Rituals vergessen wird. Daher wird in dieser Runde erst in den frühen Morgenstunden der vierte und letzte Becher Wein getrunken und danach zum Abschluss der Haggada das aramäische Volkslied "Chad gadja" (das kleine Lämmchen) gesungen.

Nach all diesen nachhaltigen Gesprächen, Diskussionen und Erlebnissen in diesem so wunderbaren wie widersprüchlichen Land spukt einem auf dem Weg nach Hause dann eine Frage durch den Kopf: Wer ist noch einmal Günter Grass?