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Ein neues Online-Tool macht die Entrechtung und Ermordung der Opfer des NS-Regimes virtuell erfahrbar.
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Wien. Die Theorie dahinter ist, dass man mit Blick auf sein Smartphone durch die Straßen geht und überall dort, wo Opfer des NS-Regimes gewohnt haben, deren Namen und Schicksale auf dem Bildschirm aufscheinen. In der Praxis ist es so, dass die Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der österreichischen Juden in ihrer ganzen Intensität sichtbar werden - allein in der Wiener Innenstadt waren das mehr als 5000 Menschen. Das neue, zweisprachige Online-Tool "Memento Wien" (mementowien.at und mementovienna.at) des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) hat diese Menschen erfasst. In Gedenken an die Novemberpogrome in der Nacht von 9. auf 10. November 1938 ist das Tool ab 5. November abrufbar.
Das DÖW wollte die Schicksale, die hinter den ermordeten Juden des NS-Regimes stecken, in Erinnerung rufen, sagt Wolfgang Schellenbacher vom DÖW, der das Projekt durchgeführt hat. Man wollte "das Archiv auf die Straße bringen", ein lebendiges Archiv schaffen. Derzeit sei das Tool nur mit Informationen über ermordete Menschen aus der Wiener Innenstadt gefüttert, sagt Schellenbacher. Noch lebende Opfer seien aus Datenschutzgründen nicht erfasst. Es sei geplant, das Tool erst einmal auf ganz Wien und später österreichweit auszudehnen.
Fotos, Häuser,Geschichten
Die Anwendung ist kostenlos. Das aktuelle Projekt für die Innere Stadt sowie die technische Basis für eine österreichweite Ausrollung wurden vom Wissenschaftsministerium, dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und dem Zukunftsfonds finanziert.
Konkret funktioniert das Tool nun so, dass man auf seinem Computer zuhause oder auf mobilen Geräten wie dem Smartphone oder Tablet den Stadtplan sieht, auf dem die letzten Wohnadressen der Opfer eingezeichnet sind. Klickt man darauf, erhält man Fotos der Menschen und der Häuser, in denen sie wohnten, und kann in deren Lebensgeschichte eintauchen. Über eine Suchfunktion kann man nach Orten oder Namen suchen. Wer in der Stadt unterwegs ist, kann aber auch über GPS alle Informationen über die ermordeten Juden der Umgebung erhalten.
Die Auswahl der Namen und Daten sei dabei nicht zufällig gewählt, sagt Schellenbacher. "Memento Wien" verweise derzeit auf jedes einzelne ermordete Opfer, dessen letzte Wohnadresse in der Wiener Innenstadt lag. Dabei habe man sich an Transportlisten und den bereits vorhandenen Dokumenten am DÖW orientiert, aber auch weitere Daten aus anderen Archiven hinzugefügt.
Das Schockierende daran: "Wenn man beim Gehen durch die Stadt sieht, dass in jedem zweiten Haus Menschen wohnten, die ermordet wurden", sagt Schellenbacher. Die Wahrnehmung sei dann doch eine andere, als wenn man nur Zahlen und Datenbanken vor sich habe.
In der Nacht von 9. auf 10. November 1938 waren es Hunderte, die starben. Nationalsozialisten zündeten mehr als 1400 Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen an oder zerstörten sie. Unzählige Jüdinnen wurden vergewaltigt. Nachweislich 26.000 Juden kamen in der Folge ins Konzentrationslager.
Joseph Goebbels hatte dazu aufgerufen. Er war einer der engsten Vertrauten Adolf Hitlers. Goebbels hatte diese Anweisung als Spontanreaktion auf das Schussattentat auf NSDAP-Mitglied Ernst Eduard vom Rath durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan getarnt. Tatsächlich aber war das Attentat wohl ein willkommener Grund für die entscheidende Wende von der Diskriminierung der Juden seit 1933 hin zur Judenvernichtung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete.
Gedenkveranstaltungenin Österreich
In Österreich finden jährlich Veranstaltungen in Gedenken an die Novemberpogrome statt. Heuer hält zum Beispiel das Jüdische Museum in Wien am 9. November um 17 Uhr eine Gedenkminute ab, um an die Opfer zu erinnern.
In St. Pölten, wo die Synagoge in der Pogromnacht 1938 schwer beschädigt wurde, wird am 8. November um 17 Uhr vor der ehemaligen Synagoge dessen gedacht. Danach gibt es einen Dokumentarfilm im Cinema Paradiso über ein Treffen von 92 Nachkommen ermordeter und vertriebener jüdischer Familien aus St. Pölten und Umgebung im Juni dieses Jahres. Der Film entstand in Kooperation mit dem Institut für jüdische Geschichte in Österreich. Anschließend findet eine Podiumsdiskussion statt, der Eintritt ist frei. In Linz wird am 7. November, eingebettet in eine Gedenkveranstaltung, die Ausstellung "Jüdische Spuren" im Wissensturm eröffnet.
Wo auch immer man sich also auf Spurensuche begibt - die Geschichten von Widerstand und politischer Verfolgung werden wieder aufflammen.

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