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Teheran droht mit Vergeltung für Anschlag

Von Arian Faal

Politik
Trauerkundgebung der Revolutionsgarden für die Opfer des Anschlags in der Provinzhaupstadt Zahedan, 1600 Kilometer südöstlich von Teheran. Foto: ap

42 Tote an der unruhigen Grenze. | Drogengeschäfte als Hintergrund? | Teheran/Wien. Die an Spannungen nicht arme Dreiländer-Region Iran-Pakistan-Afghanistan ist um ein Konfliktfeld reicher: Nach dem verheerenden Selbstmordanschlag auf die iranischen Revolutionsgarden (Pasdaran) beschuldigt das Regime in Teheran das Nachbarland Pakistan, seine Finger im Spiel gehabt zu haben und droht Vergeltung an. Der Abgeordnete Paiman Forusesh meinte sogar, der Gegenschlag könne auch auf pakistanischem Gebiet erfolgen.


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Forusesh vertritt im Parlament die südostiranische Provinz Sistan-Belutschistan an der Grenze zu Pakistan und Afghanistan, wo das Attentat stattfand. Dabei starben am Sonntag 42 Menschen. Unter den Toten sind einige hochrangige Pasdaran-Kommandeure. Auch dutzende Verletzte wurden bei dem Blutbad beklagt. "Die Rebellengruppe Jundallah, die sich zu dem Selbstmordanschlag bekannt hat, hat ihre Basis in einigen Nachbarländern Irans. Ihre Mitglieder werden von britischen und US-Geheimdiensten ausgebildet und auch Pakistan hat mit der Sache zu tun", kommentierte der Heereschef der Revolutionsgarden, Mohammed Pakpur am Montag die Ereignisse. Er kündigte ebenso wie Präsident Mahmoud Ahmadinejad Vergeltung an.

Pakistan weist Irans Vorwürfe zurück

"Die festgenommenen Terroristen haben ausgesagt, dass sie von ausländischen Geheimdiensten ausgerüstet werden. Wir werden der Sache nachgehen Die terroristischen Elemente hinter der Tat bekommen bald eine entschiedene Antwort", ergänzte der Staatschef.

Die Gruppe "Jundallah" ("Gottes Soldaten"), die schon in der Vergangenheit Anschläge auf die Garde verübt hatte, kämpft nach eigenen Angaben für die Rechte ihrer Minderheit in dem überwiegend schiitischen Land.

Besonders auf Pakistan war man in iranischen Regierungskreisen am Montag nicht gut zu sprechen. Ahmadinejad hatte am Wochenende erklärt, der pakistanische Geheimdienst hätte mit den verantwortlichen Personen zusammengearbeitet. Innenminister Mostafa Mohammad Najar forderte Pakistan auf, "schnellstmöglich die Terroristen an den Iran zu übergeben und die Gruppe zu zerschlagen". Pakistan wies die Vorwürfe am Montag zurück. Ministerpräsident Syed Yusuf Raza Gilani verurteile den "schrecklichen Terrorakt", teilte sein Büro in Islamabad mit.

Da die Kommandanten zu einem Treffen mit Stammesvertretern unterwegs waren, liegt der Verdacht nahe, dass Jundallah eine Aussöhnung zwischen der sunnitischen Minderheit und der schiitischen Mehrheit im Gottesstaat verhindern will. Aber nach Ansicht der Behörden könnte die Tat auch einen kriminellen Hintergrund haben. Denn der Organisation wird eine Verstrickung in den Drogenhandel vorgeworfen.

Das Drei-Länder-Eck im Südosten des Iran gilt als Hauptroute von Drogenhändlern, die Rauschgift aus Pakistan und Afghanistan nach Europa schmuggeln. Derzeit sitzt Abdul-Hamid Rigi, der Bruder von Jundallah-Chef Abdulmalik Rigi, wegen Mordes, Entführung und Drogenhandels in der Todeszelle. Erst im Juli waren 13 Jundallah- Mitglieder in Zahedan hingerichtet worden. Iran fordert von Pakistan die Auslieferung von Abdulmailk Rigi, Islamabad leugnet aber, dass sich der Rebellenführer innerhalb Pakistans aufhält.

Manches deutet aufkriminellen Hintergrund

Der Parlamentsabgeordnete Forusesh erklärte am Montag, "Feinde der islamischen Revolution" wollten Zwietracht zwischen Schiiten, die im Iran in der Mehrheit sind, und Sunniten im Südosten des Landes säen. Experten sehen die religiösen Differenzen jedoch als weniger gravierend an. Das eigentliche Problem sei der florierende Rauschgiftschmuggel, zumal Berichten zufolge nur ein geringer Teil der illegalen Ware von den Gardisten tatsächlich beschlagnahmt werde, der größte Teil lande auf dem Schwarzmarkt in Europa.

Jundallah dürfte in dieser Spirale fleißig mitmischen. Zwischen ihr und Sicherheitskräften kommt es regelmäßig zu Zusammenstößen. Die Gruppe wurde in der Vergangenheit auch für Terroranschläge in der Provinz verantwortlich gemacht. Im Mai starben bei einem Anschlag auf eine Moschee in Zahedan 25 Gläubige, rund 80 wurden verletzt.

Der Anschlag könnte nun ausgerechnet zu Beginn der Atomgespräche zwischen Teheran und dem Westen auch international hohe Wellen schlagen. In einer ersten Reaktion teilte US-Außenamtssprecher Ian Kelly mit, dass die USA diese terroristische Tat betrauern würden und Berichte über eine angebliche amerikanische Beteiligung falsch wären. Auch Großbritannien wies die Vorwürfe einer Verwicklung als absurd zurück.

Die EU verurteilte den Anschlag gleichfalls, ebenso der russische Präsident Dmitri Medwedew, der dem Iran die Unterstützung seines Landes im Kampf gegen Terroristen zusicherte: "Wir sind bereit, mit der Islamischen Republik des Iran zu kooperieren, um diesen Bedrohungen entgegenzutreten."

Wissen: Revolutionsgarden und Bassij-Milizen

(af) Der Iran hat zum Schutz der Islamischen Revolution gegen in- und ausländische Feinde erzkonservative, schlagkräftige paramilitärische Einheiten, die Revolutionsgarden ("Pas daran"). Sie bilden neben der regulären Armee ("Artesh") die zweite wichtige Stütze der Streitkräfte.

Koordiniert werden beide Gruppen von einem gemeinsamen Generalstab unter der Führung des obersten geistlichen Führers, Ayatollah Ali Khamenei. Es gibt rund 130.000 Revolutionsgardisten und etwa 530.000 Mann des offiziellen Militärs. Die "Pasdaran" unterhalten eigene Heeres- und Marineeinheiten, haben moderne Waffensysteme und die Kontrolle über das iranische Raketenarsenal. Gegründet wurden sie im Zuge der Islamischen Revolution 1979, als sich einzelne Kampfverbände zu einer unabhängigen Streitmacht für das Khomeini-Regime formierten. In den 1980er Jahren kämpften die "Revolutionswächter" auch im Krieg gegen den Irak und im Libanon.

Doch seit Mahmoud Ahmadinejad Präsident ist, also seit 2005, haben sie eine einzige Hauptaufgabe: Gegner im Inneren zu "eliminieren". Ahmadinejad verhalf ihnen zu zunehmendem politischen Einfluss. So wurden ehemalige "Pasdaran"-Kommandeure zu Ministern oder Provinzgouverneuren.

Hinzu kommen rund eine Million Kämpfer einer den "Pasdaran" unterstellten Volksmiliz, genannt "Bassij" (Freiwillige). Sie stehen nicht nur im Kriegsfall zur Verfügung, sondern auch, falls das Mullah-Regime durch Gegner im Inneren - wie bei den Protesten nach der letzten Präsidentschaftswahl im Juni 2009 - in Bedrängnis gerät. In Betrieben, Schulen und bei Straßenkontrollen prüfen sie, ob die strengen Regeln der Islamischen Republik befolgt werden, zum Beispiel ob Frauen die Bekleidungsvorschriften einhalten. Besonders berüchtigt sind sie dafür, mit Knüppeln und Messern gegen "Störenfriede" der islamischen Republik vorzugehen.