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Teheraner Turbulenzen

Von Arian Faal

Reflexionen

Die überwiegend junge Bevölkerung hat Mittel und Wege gefunden, um mit den Tücken des islamischen Alltags umzugehen.


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Teheran ist eine moderne Stadt mit einem demonstrativ zeitgenössischen Stadtbild.
© © Wikipedia

Es ist kurz nach zehn Uhr. Im südlichen Teheraner Stadtteil Baharestan kommt der Verkehr wieder einmal in einem Chaos zum Erliegen. Die Menschen nehmen es gelassen. Der Oberbürgermeister von Teheran, Mohammad Bagher Ghalibaf, hat eine Menge getan, um seine Millionenmetropole lebenswerter zu machen.

So dürfen in den vielbefahrenen Stadtteilen abwechselnd im Tagesrhythmus nur Autos mit einer geraden bzw. ungeraden Endziffer fahren, um den Verkehr einzudämmen. Das Stadtbild ist überall gleich. Es wechseln sich überlebensgroße Abbilder von Märtyrern der Revolution und der großen Revolutionsväter Ayatollah Ruhollah Khomeini und Ayatolla Seyed Ali Khamenei mit großen Werbeplakaten von westlichen Markennamen wie Benetton, Braun und LG ab.

Auf der Straße begegnet man überwiegend Menschen, die zumeist gefakte Markenware tragen und trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage, der Überteuerung und der westlichen Sanktionen versuchen, ihr Leben bestmöglich zu meistern. Überall hört man das Lied "Unser Traum" der beiden in Los Angeles lebenden persischen Sänger Ebi und Shadmehr. Der Titel dieses Songs scheint eine Art Lebensmotto für die Perser zu sein.

Improvisationskunst

"Wir hören Ebi und Shadmehr, aber auch Homeyra, eine der berühmtesten Sängerinnen, kaufen uns manchmal kopierte Sportbekleidung von Nike, Adidas und Puma und versuchen, Nischen zu finden, um das Leben trotz aller islamischen Restriktionen genießen zu können. Sie können uns alles nehmen, aber nicht unseren Lebenswillen und unsere Gabe, zu improvisieren. Abends, wenn der Verkehr nachlässt, dann gehen wir den Freuden des Lebens nach: einen Melonen- oder Granatapfelsaft trinken, ins Theater oder ins Kino gehen, Bowling oder Billard spielen oder einfach nur auf den Straßen herumlungern und die Zeit totschlagen", berichtet Amin Hossein ganz aufgeregt. Seinen Haare hat er ganz nach seinem Idol Cristiano Ronaldo schneiden lassen, der genauso wie Enrique Iglesias von den meisten jungen Persern verehrt wird.

Das größte Problem ist aber die Teuerungswelle, die über Teheran hereingebrochen ist. Wenn zwei junge Menschen in ein Café gehen und Tee und Kuchen bestellen, müssen sie umgerechnet rund zehn Euro bezahlen, was rund 30.000 Tuman entspricht und für die Mittelschicht bei einem Durchschnittseinkommen von rund 500 Euro eher unleistbar ist. "Alles ist teuer. Jeden Tag steigen die Preise und ich weiß nicht, wohin das alles führen soll, sie saugen uns das Blut aus den Adern. Man hört hier oft den Witz, dass sogar das Atmen in Teheran bald kostenpflichtig werden wird. Doch wir lassen uns nicht unterkriegen", gibt sich Azadeh, eine Jusstudentin aus dem Stadtteil Jordan siegessicher.

Szenenwechsel: In der Shariati Strasse gibt es einen Komplex, der sich Bowling Abdol nennt. Hier trifft sich Jung und Alt, um den Tag ab 20 Uhr ausklingen zu lassen. Die Zeit in Teheran hat einen anderen Rhythmus. Hier gibt es Kino und Theatervorstellungen, die erst um 23 oder 24 Uhr beginnen. Das richtige Ausgehen beginnt sowieso erst nach 21.30, denn bis dahin wird man überall Opfer der Rushhour und des Verkehrs. Im Bowling Abdol gibt es neben Theater und Kinosälen auch ein Herrenschwimmbad mit Sauna und Wellnessbereich, sowie dutzende Geschäfte und ein Internetcafé.

Die Filterbrecher

Wichtigstes Stichwort innerhalb der jungen Bevölkerung ist das VPN-System: die Filterbrecher. Mit ihrer Hilfe kann man im Internetcafé auch westliche Seiten wie Youtube, Facebook usw. öffnen. Sie sind das Tor der iranischen Jugend zur westlichen Kommunikationsgesellschaft. Einziger Wermutstropfen: Diese Filterbrecher werden nur in Internetcafés im Norden und in der Stadtmitte angeboten. Im ärmeren Süden müssen die Menschen ohne Seiten wie Facebook und Youtube auskommen, denn dort sind keine VPN Systeme installiert.

Ganz gleich, welcher Schicht man angehört, ein Facebook-Account und ein passables Handy gehören ebenso zum guten Ton wie die operierte Nase. Vorbei sind die Zeiten, wo man sich in Teheran kaum außer Haus traute, an jeder Straßenecke die Sittenpolizei lauerte und das Leben für die überwiegend junge Bevölkerung (12,5 von 16 Millionen Einwohnern sind unter 27 Jahre alt!) unerträglich war.

Im Teheran des Jahres 2012 tragen die Mädchen einen Hauch von einem Schal als Kopfbedeckung, sind trotz der islamischen Kleidungsvorschriften, unabhängig von ihrer sozialen Schicht, größtenteils sehr gepflegt und elegant hergerichtet und sehen auch tagsüber so aus, als ob sie gleich zu einer Party gehen würden. Da werden sogar die Kurzmäntel und die Kopftücher immer modischer und bunter, die Nasen immer stupsiger (operiert) und die Haare immer sichtbarer. Die Jungs stehen ihnen um nichts nach. Die Augenbrauen gezupft, bestens über das Weltgeschehen informiert und betont stolz ziehen sie abends durch die Straßen, um das Leben zu genießen.

Doch die Stadt hat auch ihre Schattenseiten: Beim Autofahren gibt es nur die eine Regel, dass es keine Regeln gibt. Über 1500 schwere und insgesamt 18.000 Unfälle täglich in Teheran sind ein Indiz dafür, dass größte Vorsicht geboten ist. Viele Menschen, die aus Europa anreisen, trauen sich in der Millionenmetropole gar nicht selbst ans Steuer.

Alltagsbelästigungen

Auch mit der Sicherheit ist es nicht überall zum Besten bestellt. Vor allem in den südlichen Stadtteilen lauern Taschendiebe. Im Schwimmbad kann es passieren, dass man erst beim Gehen bemerkt, dass einem aus der verschlossenen Garderobe Geld gestohlen wurde. Viele junge Menschen ohne Arbeit schlagen sich mit kriminellen Machenschaften durch den Alltag.

"Wissen Sie, es ist eine wundervolle Stadt, man muss nur einige Regeln beachten, damit man in diesem Konglomerat aus dem Wunsch der Jugend, westlich zu leben, und den harten Realitäten des Alltags überleben kann. Zu letzteren gehört mit Sicherheit das Behördenwesen im Iran. Nichts ist geregelt, oft obliegt ein Behördenweg einzig und allein dem Willen des Sachbearbeiters. Manchmal wundert man sich ob der Arbeitsmoral der Behörden. Man wird von Pontius zu Pilatus geschickt und am Ende wird der gewünschte Vorgang dann doch nicht erledigt. Auch Telefonleitungen zu Behörden sind immer maßlos überlastet, eine Antwort bekommt man, wenn überhaupt, dann nur sehr sporadisch.

Ein Stimmungsbild der Stadt ist der berühmte Bazar von Teheran. Während das Lied "Tehroon" (Teheran) von Homeyra erklingt, werden die Preise reguliert. Hier befindet sich die Hauptschlagader des Handels. Der Bazar ist mit einer Länge von knapp zehn Kilometern und über 11.000 Läden der größte überdachte Bazar der Welt. In den kleinen Läden wird dem Besucher eine große Auswahl an Waren aller Art angeboten, von kostbaren Teppichen über Silber- und Kupferarbeiten bis zu Lebensmitteln und exotischen Gewürzen. Der Bazar hat täglich außer freitags und an religiösen Feiertagen geöffnet. Angelegt wurde er in der Kajaren-Zeit.

Neben dem Einkaufen wird am Bazar vor allem geflirtet, was das Zeug hält. Neben dem großen Bazar von Teheran verschlägt es die Jugend auch an den großen Bazar von Tajrish im Norden der Metropole. Er ist das Spiegelbild für das soziale Gefüge der Stadt. Im Norden scharen sich die noblen Reichenviertel wie etwa Zafaranie, Kamranie, Elahie, Velenjak, Fereshte und Farmanie mit ihren luxuriösen Villen, im Süden findet man die ärmlichere Bevölkerung.

Gehen oder Bleiben?

"Teheran ist eine Stadt der Gegensätze, doch wer Geld hat, kann hier königlich leben", fasst Behnam zusammen. Er ist 24 Jahre alt, arbeitet tagsüber als Bote mit dem Motorrad und bringt ab und zu Leute von A nach B, um sich über Wasser zu halten. Viele der 74 Millionen Perser träumen vom Ausland. "Das Leben hier geht mir schon auf die Nerven. Wir arbeiten und arbeiten und müssen uns wirklich zusammenreißen, um zwei Jahre auf ein Motorrad um 2000 Euro zu sparen, und am Ende bleibt dann doch nichts übrig. Ich will ein besseres Leben und ich will nach Europa", klagt Behnam. Sein bester Freund, Arash, ist ganz anderer Meinung: "Ich war in London und in Paris, und ich würde um kein Geld der Welt ins Ausland ziehen. Hier ist unsere Kultur, hier ist unser Zuhause, hier gehören wir her und hier fühle ich mich wohl. Es ist unsere Heimat. Dort drüben werden wir immer als Ausländer abgestempelt, das ist nichts für mich."

Auch wenn die jungen Perser es nicht immer leicht haben, die Tücken des Alltags zu meistern, so haben sie doch Wege und Mittel gefunden, um sich das Leben so angenehm als möglich zu gestalten. Eine wichtige Hilfe leistet hierbei der allseits beliebte Bürgermeister Ghalibaf. Er hat neue Parks und neue Radwege geschaffen, fünf neue U-Bahn-Linien zu den bestehenden vier in Auftrag gegeben und tut sehr viel dafür, dass der Verkehr erträglicher wird und die Jugend ihre Möglichkeiten bekommt, sich sportlich auszutoben. Mehr als 5000 Fitnesscenter und 4000 Internetcafés hat er genehmigt, dazu hunderte Parks und rund 300 öffentliche Bäder. Die Teheraner wissen es ihm zu danken.