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Tempolimits? Ja, bitte!

Von Günther Lichtblau

Gastkommentare

Ein Plädoyer für Tempo 80 auf Landstraßen in Österreich.


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Was in der Schweiz seit Mitte der 1980er-Jahre Realität ist, gilt hierzulande nach wie vor als heißes Eisen und wird fast ausschließlich in Fachkreisen diskutiert: Tempo 80 auf Landstraßen. Dabei wäre diese Maßnahme für die Verkehrssicherheit wichtig, für die Gesundheit der Bevölkerung sinnvoll, wäre dazu ganz einfach einzuführen und obendrein kostengünstiger für Autofahrerinnen und Autofahrer als andere ähnlich wirksame Maßnahmen wie Steuererhöhungen oder Fahrverbote. Technikerinnen, Verkehrspsychologen, Planer und Planerinnen sowie Umweltmediziner sind sich jedenfalls darüber einig, allein die Akzeptanz der Bevölkerung stößt an ihre Grenzen. Vorbehalte, die auf zu wenig Wissen basieren, und die Einschränkung des subjektiven Freiheitsgefühls spielen für die Popularität von Tempolimits eine größere Rolle als technische Fakten.

Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass seit der Einführung des Tempolimits auf Landstraßen in der Schweiz ein deutlicher Rückgang der tödlichen Unfälle zu verzeichnen ist. Im europaweiten Vergleich sterben in der Schweiz die wenigsten Personen im Straßenverkehr - dies ist auch ein Effekt von Tempo 80.

Tempo 80 führt zudem zu besserer Lebensqualität: Die Luftqualität zählt nach wie vor zu den Umweltfaktoren mit dem größten negativen Einfluss auf die menschliche Gesundheit. Auch an die 400.000 Österreicherinnen und Österreicher leben in Gebieten, in denen Luftgütegrenzwerte für Stickstoffdioxid überschritten werden - und der Beitrag des Verkehrs dazu ist erheblich. Weniger Tempo bedeutet geringere Schadstoffemissionen: Ein durchschnittlicher Pkw stößt bei 80 statt 100 Kilometern pro Stunde um 15 Prozent weniger Stickoxide und um 8 Prozent weniger Feinstaub aus, noch dazu verbraucht das Fahrzeug um 5 Prozent weniger Kraftstoff. Noch höher ist der Effekt bei leichten Nutzfahrzeugen, also etwa Kleintransportern. Eigentlich ein Doppeljackpot - für Gesundheit und Geldbörse. Seit Tempo 80 - wenn auch nur zeitweilig - auf der Salzburger Stadtautobahn gilt, werden dort niedrigere Stickstoffdioxid-Konzentrationen gemessen. Davon profitieren die Anrainer und Anrainerinnen langfristig gesundheitlich. Zählt man den Beitrag zum Lärmschutz dazu, wird Tempo 80 sogar zum Dreifachjackpot.

Fehlt noch die Frage nach dem Zeitverlust. Hier spielt uns das subjektive Empfinden einen Streich: Bei 20 Kilometer freier Fahrtstrecke beträgt der Unterschied zwischen Tempo 80 und 100 gerade einmal drei Minuten. Bei einem Abstand von einem Kilometer zwischen zwei Ortschaften - und das ist in Österreich nicht unüblich - beträgt er 6,6 Sekunden. Rechnen Sie nach, probieren Sie es aus.

Die Fakten sprechen für sich, Bewusstseinsbildung und Akzeptanz allerdings brauchen Zeit - auch in der Schweiz war dies nicht von heute auf morgen zu erreichen. Bei der Einführung 1987 waren noch 40 Prozent dagegen. Wenn man allerdings jetzt fragt, dann stößt man auf eine überraschend hohe Akzeptanz von 87 Prozent. Was auch klar ist: Geldsparend und entspannter ans Ziel kommen wirkt langfristig eben doch positiv, wenn die Umwelt aufatmen kann, umso besser. Es wäre durchaus an der Zeit für diesen Schritt, die Politik ist aufgefordert hier den Fakten zu vertrauen. Die Akzeptanz wird folgen.

Günther Lichtblau ist Leiter der Abteilung Mobilität und Lärm im Umweltbundesamt.