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Ein Lesetest, den neunjährige Kinder in drei Minuten erledigen sollten, erhitzt die Gemüter. Als der Autor den Test bei einem Elternabend zwanzig Erwachsenen vorlegte, wurden zwölf von ihnen nicht in der vorgeschriebenen Zeit damit fertig.
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Ich bin Sprecher einer Elterninitiative an einer Volksschule in Wien. Ich möchte Sie kurz über die Praxis jenes "Lesescreenings" informieren, das laut Erlass des Bildungsministeriums im April in ganz Österreich in allen 3. und 5. Schulstufen verpflichtend durchzuführen war, um die "basale Lesefähigkeit" festzustellen.
Anbei finden Sie den Lesetest, der in Wien in den 3. Volksschulklassen durchzuführen war. Er enthält auf vier A4-Seiten 76 Sätze, die Kinder binnen drei Minuten nicht nur lesen müssen, sondern bei denen sie auch - durch Einringeln - angeben müssen, ob die Aussage des Satzes richtig oder falsch ist. Versuchen Sie es bitte einmal selbst! Nehmen Sie sich diese drei Minuten Zeit, um zu erfahren, was von neunjährigen Kindern verlangt wird, und ob Sie "lesefit" sind! Wenn Sie den Test in drei Minuten schaffen, sind Sie gut! (Ich habe es knapp geschafft.)
Wenn nicht, dann geht es ihnen wie etlichen Eltern, mit denen ich diesen Lesetest kürzlich bei einem Elternabend unserer Klasse gemacht habe. Mehrere Eltern haben den Test nicht in den vorgeschrieben drei Minuten fertig gebracht. Einige haben einen oder mehrere Fehler bei den Antworten gemacht.
Meine - ich würde sagen normalbegabte - neunjährige Tochter hat etwa 15 Minuten dafür benötigt, um alle Sätze zu lesen und deren Aussagen als richtig oder falsch zu beurteilen. Wenn Sie diesen Test nicht in drei Minuten schaffen, haben Sie nach Ansicht des Bildungsministerium noch nicht eine Lesefertigkeit, die (angeblich) in 3. Volksschulklassen erreicht werden kann. Dann sind Sie "leseschwach" und sollten - wie das Ministerium auch den Klassenlehrern vorschlägt - Förderlehrer anfordern (die es bekanntlich kaum noch gibt.)
Sie können den Test aber auch einfach wegschmeißen. Denn auch das Ministerium wertet die Ergebnisse nicht aus! Auch nicht die Landes- und Stadtschulräte! Dieses österreichweite Lesescreening verbleibt in den Schulklassen, soll nur den Lehrenden zeigen, wie gut oder schlecht ihre Schüler und Schülerinnen lesen. Ich denke, wenn die das bis jetzt nicht beurteilen konnten, haben sie ohnehin den falschen Beruf.
Ein Lesetest, der von den Kindern nicht zu schaffen ist und sie frustriert, der für Neunjährige geschaffen wurde, aber selbst von durchschnittlich begabten und geübten Erwachsenen nur schwer zu schaffen ist, der aber vor allem von den Bildungsverantwortlichen nicht ausgewertet wird - was soll der? Der einzige Zweck dieser Aktion kann wohl nur der sein, vorzugeben, man würde auf die schlechten PISA-Ergebnisse reagieren.
Sie sollen anhand dieses konkreten Beispiels sehen, was - so oft - hinter vollmundigen Ankündigungen und Erklärungen steckt. Wenn die Bildungsreform in Österreich so aussieht, dann gibt es in Wahrheit keine Reform, keine Veränderung, keine Verbesserung, sondern nur sinnlose Beschäftigungstherapien. Mir ist die Zukunft unserer Kinder zu wichtig, dass man solche sinnlose Aktionen unwidersprochen über sich ergehen lässt.
Dr. Andreas Höferl ist Sprecher der Elterninitiative der GTVS 23 in Wien Alt Erlaa.
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