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IS-Anführer al-Baghdadi will im sunnitischen Teil des Irak rasch ein Kalifat errichten - und fordert damit auch Washington heraus.
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Als Abu Bakr al-Baghdadi seinen terroristischen "Islamischen Staat" (IS) ausrief, ignorierte er die Warnung Osama bin Ladens, dass Dschihadisten damit vorsichtig sein sollten, zu schnell ein Kalifat zu errichten. Indem er im Irak und in Syrieneinen Feuersturm entfachte, hat Baghdadi seine Feinde vereinigt und ihnen ein Angriffsziel gegeben - wie von bin Laden vorhergesagt.
Baghdadis Blutbad hat das Unmögliche möglich gemacht: Er hat für Saudis und für Iraner, für Türken und für Kurden einen gemeinsamen Gegner geschaffen. Er hat viele irakische sunnitische, schiitische und kurdische Politiker hinter einer neuen Einheitsregierung vereinigt. Und er hat den bisher zögernden US-Präsidenten Barack Obama zum Handeln gezwungen.
Der Gegenangriff, der letztes Wochenende begonnen hat, könnte "Monate, wenn nicht Jahre" dauern, wie Verantwortliche aus den USA und dem Irak das ausdrücken. Obama muss begreifen, dass die USA auf den rutschigsten Abhang der Welt zurückgekehrt sind. Er mag ein begrenztes Militärengagement anstreben, aber Baghdadi wird Selbstmordattentäter gegen US- Ziele einsetzen, wo immer er sie finden kann. Mit seinen Verbündeten wird er versuchen, die USA zu Hause anzugreifen. Was damit begonnen hat, irakische Flüchtlinge zu retten, wird sich wahrscheinlich ausweiten.
Obamas Strategie ist es, die IS davon abzuhalten, den Westen anzugreifen. Aber Terroristen abschrecken zu wollen, ist riskant, weil es auf deren Vernunft setzt. Wenn Obama ein Signal setzen will, dass es ihm ernst damit ist, einer neuen irakischen Regierung zu helfen, sollte er überlegen, den pensionierten General David Petraeus und den früheren Botschafter Ryan Crocker - die beiden US-Bürger, die den Irak wahrscheinlich am besten kennen - als Sondergesandte nach Bagdad zu schicken.
Ein irakischer sunnitischer Führer erklärte in einem Videointerview mit der Aspen Strategy Group: "Am Anfang sympathisierten die Sunniten mit der IS als Beschützer der Sunniten. Nun sehen sie, dass sie Moscheen sprengen und Menschen töten." Und ein sunnitischer Regierungsbeamter sagte: "Sie sind der Feind aller."
Vor dieser Abkehr von der IS, wenn ihre Anhänger sehen, wie sie Muslime tötet, warnte bin Laden. In einer Aufzeichnung, die in seinem letzten Versteck in Abbottabad, Pakistan, nach seinem Tod 2011 gefunden wurde, warnte bin Laden, dass solche Taktiken "uns dazu führen können, mehrere Schlachten zu gewinnen, aber den Krieg am Ende zu verlieren." Bin Laden glaubte, dass seine Unterstützer am ehesten im Jemen ein Kalifat ausrufen könnten, war aber besorgt, dass sie das zu rasch tun würden. Auch in einem undatierten Brief, vielleicht von bin Laden, wird gewarnt: "Wir wollen einen Islamischen Staat errichten, aber zuerst wollen wir sicherstellen, dass wir die Kontrolle darüber gewinnen können. Auch wenn wir unseren größten Feind vor und nach [den Terroranschlägen vom 11. September 2001] militärisch und wirtschaftlich schwächen konnten, kann der Feind noch immer jeden Staat, den wir errichten, stürzen."
Baghdadi konnte nicht warten. Seine Kämpfer bemächtigten sich skrupellos des sunnitisch-irakischen Kernlands. Nun werden wir sehen, ob bin Ladens Einschätzung der Macht der USA noch stimmt.
Übersetzung: Redaktion

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