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Den meisten Menschen dürfte beim Stichwort Textil Bekleidung als Synonym einfallen. Einleuchtend: T-Shirt, Jacke, Baumwollunterwäsche - alles Textilien. Doch in den gewebten Stoffen steckt weit mehr Potenzial, als einen guten Eindruck zu machen oder vor Wetterunbill geschützt zu sein.
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Forscher der TU Dresden bereiten das Feld für künftige Einsatzmöglichkeiten: von der Bewehrung in Betonbauteilen bis hin zu Verpackung von Neuwagen für den Schiffstransport. Auch im Karosserie- oder Flugzeugbau sind die leichteren Alternativen längst kein Geheimtipp mehr.
"Textil sorgt ergänzend zu Stahl für eine stärkere Tragkraft von Bauwerken ohne nennenswertes zusätzliches Eigengewicht", sagt der Leiter des Instituts für Textil- und Bekleidungstechnik, Peter Offermann. Kostengünstig und einfach können mit High-Tech-Textilien Betonmasten aller Art, Fassadenelemente an Häusern oder Brüstungsplatten effektiv gestützt werden. Was bisher Stahlbeton war, kann sich in Zukunft mehr und mehr zum Textilbeton mausern. Für die Landesgartenschau 2006 in Oschatz (Sachsen) haben die Wissenschafter die Idee, als Blickfang eine ganze Brücke aus Textilbeton zu bauen.
"Textil ist besser als sein Ruf", sagt Offermann. Die Anwendung von Spezialstoffen scheint grenzenlos. Karosserieteile im Automobilbau, Raumfahrtanzüge, künstliche Herzklappen und Prothesen oder textilbewehrte Dämme zum Hochwasserschutz - Textilien spielen nicht nur am Bau eine zunehmend tragende Rolle. Etwa 40 Prozent der in Deutschland produzierten Textilien kommen bereits auf technischem Gebiet zum Einsatz.
Bestes Beispiel, herkömmliche Konfektion und Ansprüche der Technik miteinander zu verschmelzen, sind die in Dresden entworfenen und hergestellten Schutzanzüge für Arbeiten an Hochspannungsanlagen. Wie ein Faradayscher Käfig schützt die Kleidung den Menschen vor elektrischen Feldern.
"Wer in dieser beige-braunen Art von Skaphander steckt, wird garantiert nicht unter Spannung stehen", sagt Hartmut Rödel, Professor für Konfektionstechnik an der TU. Der Vorteil: Für Handgriffe an Hochspannungsleitungen, durch die bis zu 800.000 Volt jagen, müssen die Anlagen nicht ausgeschaltet werden. Ergänzt wird das ungewöhnliche Outfit durch Socken, Handschuhe und einen Spezialhelm.
Der Schutzfaktor spielt auch auf anderen Gebieten eine Hauptrolle beim textilen Einsatz. Etwa in Operationssälen, wo zwischen Ärzten, Schwestern und Patienten eine wirksame Barriere aufgebaut werden muss, um Mikroorganismen zu stoppen. Kleidung und Abdecktücher aus Polyester können diese Sperre übernehmen.
Ein Test der Dresdner Forscher über die Beschaffenheit von 20 verschiedenen Geweben hat deutlichen Nachholbedarf gezeigt. Mikrokugeln von einem Mikrometer - etwa die Größe des Bakteriums Staphylococcus aureus - gingen um so häufiger durch den Stoff, je länger sie gegen das Gewebe prallten. Der in Krankenhäusern häufig anzutreffende Erreger ist nicht zu unterschätzen. Er produziert ein Gift, das Magen- und Darmschleimhautentzündungen verursacht.
Selbst beim Denkmalschutz machen sich Stoffe bezahlt. Wer in der kalten Jahreszeit beispielsweise um das Schloss Moritzburg bei Dresden spaziert, findet die barocken Putten unter einer zweiten Haut aus Textilien, die die Figuren vor dem kalten und feuchten Wetter schützen. Die alten Holzverschläge, die bisher als Winterversteck herhielten, haben ausgedient. DPA
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