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Theater ums Theater

Von Christina Böck

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Lange hat Suhrkamp einen Rechtsstreit über die Machtverteilung im Verlag geführt. Man möchte meinen, irgendwann hat man genug von Gerichten. Doch mitnichten. Zuletzt zog Suhrkamp, als Vertreter der Erben von Bert Brecht, gegen das Münchner Residenztheater vor den Kadi. Dort hatte nämlich Frank Castorf Brechts "Baal" inszeniert - und keineswegs zur Zufriedenheit der Erben des Dichters.

Die sahen in der Castorf-"Fassung" des Stücks, in die der Regisseur etwa auch Texte von Rimbaud einflocht, eine "unautorisierte Bearbeitung" und somit eine Urheberrechtsverletzung. Am Mittwoch kamen die Gegner nun in einer sechseinhalbstündigen Verhandlung - eine Beobachterin schrieb ironisch "so lange dauert nicht einmal Castorfs ,Baal‘-Inszenierung" - auf eine Einigung. "Baal" darf nur noch einmal in München und dann noch einmal beim Theatertreffen in Berlin gezeigt werden. Dann nicht mehr. Bisschen inkonsequent, aber das haben Vergleiche ja oft an sich.

Eine gerichtliche Einigung - das ist eine für Kulturinteressierte nicht sehr befriedigende Antwort in der alten Diskussion: Wie weit dürfen Regisseure gehen im Umgang mit Texten? Und muss man nicht Suhrkamp auch fragen, warum man nicht gleich von vornherein gesagt hat: Ja schon, aber mit Castorf nicht. Immerhin ist der Regisseur nicht direkt als braver Text-Herunterbeter bekannt.

Residenztheater-Chef Martin Kuej hat am Donnerstag angekündigt, man suche nach einem "kreativen Umgang mit der entstandenen Situation". Klingt ein bisschen, als wäre bei diesem Theater ums Theater der Vorhang noch nicht ganz gefallen.