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Das Psychosomatische Zentrum Eggenburg wurde vor fünf Jahren gegründet - ein Grund zum Feiern. Zwischen 25. und 27. Mai trafen sich internationale Referenten zum Jubiläumskongress mit dem Thema "Gesundheit, Beziehung & Entwicklung". Im Gespräch mit der Wiener Zeitung gibt der medizinische Leiter, Andreas Remmel, Auskunft über bereits Geschafftes, Zukunftspläne und was es bedeutet, dass die Patienten in Eggenburg in "Achtsamkeit" geschult werden.
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"Wiener Zeitung": Sie feiern heuer das fünfjährige Bestehen des Psychosomatischen Zentrums Waldviertel - Klinik Eggenburg mit einem Jubiläumskongress - wie sieht Ihre Bilanz nach 5 Jahren Arbeit aus?
Andreas Remmel: Die Bilanz nach 5 Jahren Psychosomatisches Zentrum Waldviertel - Klinik Eggenburg (PSZW) sieht durchwegs positiv aus: Wir konnten das PSZW in der Zeit zu einem österreichischen Kompetenzzentrum für Psychosomatik, Gesundheitswissenschaften und Psychotherapie entwickeln. Und wir sind seit Beginn zu über 100 % ausgelastet. Zwischen 2006 und 2011 haben wir mehr als 3600 Patienten betreut. Mit dem Forschungszentrum EICoN (Eggenburg Institute for Complex Systems, Health, and Neuroscience) haben wir 2008 ein der Klinik angegliedertes wissenschaftliches Forschungsinstitut gegründet, das es sich zum Ziel gesetzt hat, innovative Therapie-, Präventions- und Gesundheitsforschung zu psychischen und psychosomatischen Erkrankungen zu initiieren.
Welche Patientengruppen behandeln Sie?
Wir bieten Therapien für schwerpunktmäßig fünf Patientengruppen an, nämlich für Patienten mit Somatisierungsstörungen und chronischen Schmerzerkrankungen, affektiven Störungen (Angst- und Panikstörungen, soziale Phobie, Depressionen und bipolar-affektive Erkrankungen), Persönlichkeitsentwicklungsstörungen (Schwerpunkt: Borderline-Störungen) und Traumafolgeerkrankungen, Essstörungen (Anorexie, Bulimie, Binge eating disorder und Adipositas) und Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen (Alkohol, Spielsucht, Internetsucht, Medikamentenabhängigkeit).
Welche Behandlungskonzepte kommen bei Ihnen zur Anwendung?
Mittelpunkt unserer Arbeit steht eine intensive Psychotherapie durch entsprechend qualifizierte Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten, ergänzt um zahlreiche weitere Therapien, wie physikalische Therapie, Physiotherapie, psychosomatische Bezugspflege, und ebenso um Spezialtherapien, wie Kunst- und Kreativtherapie, Musiktherapie, Tanz- und Bewegungstherapie, Körpertherapien, Entspannungsverfahren und Meditation sowie tiergestützte Therapie.
Unsere Mitarbeiter sind in zahlreichen therapeutischen Verfahren und Methoden ausgebildet, die wir individualisiert und aufeinander bezogen einsetzen. Dazu gehören etwa: kognitive Verhaltenstherapie, systemische Therapie, körperorientierte Verfahren, Gestalt- und integrative Therapien, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Unsere Leitidee ist dabei das Konzept der Achtsamkeit (Mindfulness).
Was meinen Sie genau damit, wenn Sie von Achtsamkeit sprechen?
Das Prinzip der Achtsamkeit entstammt zwar traditionell der buddhistischen Psychologie und Philosophie, ähnliche Konzepte finden sich aber auch in der abendländischen Tradition.
Mit Achtsamkeit ist eine gezielte und gelenkte Form der Aufmerksamkeit auf alle Inhalte unseres Bewusstseins gemeint, eine Art "Monitoring-Bewusstsein". Das heißt, Menschen lernen, ihre Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken, Bedürfnisse und Impulse wahrzunehmen, wie etwa die Wellen des Meeres vom Strand aus.
Diese Form der Bewusstseinsforschung bedeutet mehreres: Zum einen lernen Menschen, sich von überflutenden Gefühlen und Empfindungen, etwa auch Ängsten oder Schmerzen, zu dezentrieren beziehungsweise zu distanzieren. Ich lerne, dass ich im Moment ein bestimmtes Gefühl oder Empfinden habe, und dass ich nicht das Gefühl an sich bin. Somit kann ich auch nicht darin untergehen.
Zweitens lernen Menschen, diese Bewusstseinsinhalte wahrzunehmen ohne sie gleich nach bestimmten Mustern oder Kategorien zu bewerten, im Sinne von gut oder schlecht, weiß oder schwarz. Sie lernen, sie in ihrer Veränderlichkeit zu beobachten und zu akzeptieren.
Drittens erkennen Menschen, dass sinnliches Erleben immer nur in der Gegenwart möglich ist, unsere Gedanken und unser Geist sich aber zumeist und fortwährend entweder in der Zukunft oder grübelnd in der Vergangenheit bewegt. Menschen lernen, im Hier und Jetzt zu sein und zu bleiben.
Und viertes lernen Menschen eine wohlwollende und akzeptierende Haltung sich selbst gegenüber. Die meisten Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen sind ihre stärksten Kritiker; sie haben die "Kritiker" beziehungsweise negativen Bewertungen häufig ihr Leben lang internalisiert. Etwa in dem Sinne: "Du musst perfekt sein, du darfst keine Fehler machen, du musst dich immer richtig verhalten, du darfst nicht faul sein oder deine eigenen Bedürfnisse leben, et zetera … "
Zu welcher therapeutischen Richtung würde man das Prinzip der Achtsamkeit zählen?
Das Prinzip Achtsamkeit selbst ist keine Therapie, kann aber als eine Form der "Bewusstseinsforschung" wichtige Basis für therapeutische Veränderungsprozesse sein.
Geübt werden kann Achtsamkeit über die formale Praxis der Meditation, aber auch informell im alltäglichen Handeln.
Achtsamkeit ist kein spirituelles oder religiöses Phänomen, sondern ein allgemein menschlich-existentielles Vermögen des Gewahrwerdens.
Wie groß ist der Andrang in Ihrer Klinik?
Wir haben derzeit zirka 1000 Patienten auf unseren Warte- und Anmeldelisten, die wir allerdings sehr bedarfsbezogen führen und Menschen, die eine dringendere und frühere Aufnahme benötigen, nach Möglichkeit auch eine frühzeitigere, gezielte Aufnahme ermöglichen.
Inwiefern haben sich die psychosomatische Medizin beziehungsweise ihre Behandlungsmethoden in den letzten Jahren verändert?
Die psychosomatische Medizin und Psychotherapie sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten wesentlich empirischer und transparenter geworden. Während früher noch bestimmte theoretische Konzepte ohne hinreichende empirische Evidenz dominierten, hat heutzutage sehr viel mehr empirische und interdisziplinäre Forschung in die Psychosomatik Eingang gefunden.
Dabei zeichnen sich vier Tendenzen ab:
Zum einen profitiert die Psychosomatik und Psychotherapie in hohem Maße von der neuro- und psychobiologischen Grundlagenforschung.
Zum zweiten verstärken sich Bemühungen, Zusammenhänge zwischen genetischen Faktoren, frühen Beziehungsentwicklungen, Persönlichkeitsmerkmalen und körperlichen Faktoren aufzuklären.
Zum dritten wird deutlich, dass Menschen nicht nur als "körperliche und seelische Wesen", sondern auch in ihren sozialen, kulturellen und Umweltbezügen gesehen und verstanden werden müssen.
Schließlich erhalten Forschungen zur Gesundheit, zu Schutzfaktoren, zur Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten, et zetera in der Forschung endlich ein deutlich stärkeres Gewicht gegenüber primär krankheitsdominierten Ansätzen.
Was sind in Ihren Augen im Moment die häufigsten psychosomatischen Erkrankungen?
Die häufigsten psychosomatischen Erkrankungen sind sogenannte somatoforme Erkrankungen oder Somatisierungsstörungen beziehungsweise stressbezogene Erkrankungen. Ferner sind aber auch Depressionen, Angst- und Panikstörungen, Essstörungen unter anderem psychosomatisch bedingt.
Es gilt zu verstehen, dass die simple Aufteilung in psychische oder somatische Erkrankungen nicht wirklich hilfreich ist. Wenn wir etwa sehen, dass Menschen mit Herz-Kreislauferkrankungen und/oder massivem Übergewicht dann, wenn sie gleichzeitig unter einer mittel- bis schwergradigen Depression leiden, ein mehrfach erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt oder andere lebensbedrohliche körperliche Ereignisse haben, zeigt dies, dass wir einerseits ein erweitertes, andererseits aber ein deutlich spezifischeres Verständnis von Psychosomatik brauchen.
Wie soll es in den nächsten fünf Jahren weitergehen?
Klares Ziel für die nächsten 5 Jahre ist es, das Psychosomatische Zentrum Waldviertel - Klinik Eggenburg als Kompetenzzentrum für Psychosomatik, Gesundheitswissenschaften und Psychotherapie in Österreich weiter auszubauen.
Wir wollen die Patientenbehandlung durch abgestufte Versorgungsmodelle zwischen ambulanten, teilstationären, stationären, rehabilitativen und reintegrativen Behandlungen noch weiter entwickeln und differenzieren.
Wir werden die Therapieforschung im Bereich Psychosomatik und Psychotherapie noch weiter vertiefen und internationalisieren.
Insgesamt dienen unsere Bemühungen dazu, das Verständnis und die Kompetenz im Bereich Psychosomatik und Psychotherapie weiter zu erhöhen und in Österreich weiter zu institutionalisieren.
Psychosomatische Zentrum Waldviertel (PSZW)
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