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Thomas Angyan, der Generalsekretär des Wiener Musikvereins, über die Neuen Säle, Privatsponsoring hier und anderswo - und wie man junge Menschen mit attraktiven Programmen für Musik interessiert.
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Wiener Zeitung:Allgemein wird heute immer wieder die Krise der klassischen Musik beklagt. Sehen Sie diese Krise auch? Und wenn ja: Was ist Ihre Strategie, um ihr entgegenzuwirken?Thomas Angyan: Ja, die Krise der klassischen Musik wird viel beredet. In den Wiener Konzerten spüre ich aber nichts davon, im Gegenteil. Sehr wohl sehe ich eine Krise der CD-Branche. Aber ich weiß nicht, ob sie die klassische Musik betrifft oder ob nicht einfach das Herunterladen von musikalischem Material aus dem Internet die CD langsam verdrängt.
Wie steht es mit der Auslastung der Neuen Säle im Musikverein?
Seit Anfang 2006 gibt es einen deutlichen Anstieg der Auslastung. Das Konzept wurde etwas verändert: Wir bieten jetzt Abonnements in den Neuen Sälen an und ermöglichen dadurch dem Publikum eine Gliederung in gewissen Bereichen. Es gibt 105 Veranstaltungen in den Neuen Sälen. In der letzten Saison hatten wir 870 Buchungen - von Proben, Konzerten, Pressekonferenzen, bis hin zu Vermietungen und Abendessen. Wir sind jetzt schon wieder an dem Punkt gelandet, an dem das Haus zu klein wird. Wir werden uns mit diesen rund 100 Veranstaltungen pro Saison wahrscheinlich auch in der Zukunft begnügen. Jedenfalls hat sich das Defizit durch genaues Rechnen bei den Ausgaben und durch erhöhte Einnahmen deutlich gesenkt. Das heißt, die Neuen Säle werden vom Publikum angenommen. Sie sind hervorragend gebucht bei Fremdveranstaltungen und vor allem bei Proben. Hier sind wir schon an der Auslastungsgrenze angelangt.
Worauf führen Sie diesen sprunghaften Anstieg zurück?
Der Bekanntheitsgrad der Neuen Säle ist stark gewachsen. Deshalb werden sie von Firmen für Pressekonferenzen, Produktpräsentationen, Geburtstagsfeiern oder Firmenevents gebucht. Wir bekommen natürlich auch verstärkt Anfragen auswärtiger Ensembles, die bei uns proben wollen. Dies muss leider wegen der hohen Auslastung in den meisten Fällen abgelehnt werden. Es sind ja auch schon alle Singvereinsproben in die Neuen Sälen verlegt worden, weil der Gottfried-von-Einem-Saal jetzt Pausenraum und kein Probenraum mehr ist. Auch das ist ein wichtiger Aspekt. Wir wollten die Pausenräume erweitern, die vom Architekten Theophil Hansen nicht vorgesehen waren, da es damals bei den Konzerten keine Pausen gab.
Wie schaut es mit den Gewinnen in den Neuen Sälen aus? Was ist lukrativ, was weniger?
Geld verdient man, wenn man den Saal für Weihnachtsfeiern, Produktpräsentationen oder - überspitzt gesagt - Modeschauen vermietet. Ein Konzert in den Neuen Sälen kostet mehr, als wir durch Kartenverkäufe einnehmen können. Und wenn wir jetzt noch die Marketing- und Personalkosten dazu rechnen, kann es sich nicht ausgehen. Aber ich habe die Neuen Säle ja nicht bauen lassen, um Gewinne zu machen! In Bereichen wie Jazz oder Chanson haben sehr viel gelernt. Am Anfang wussten wir nicht, dass wir uns gegen Jazzmusiker wehren müssen, weil die uns eine Verstärkeranlage einreden wollen, die zwar in die Stadthalle passt, aber im Gläsernen Saal nichts verloren hat. Die Technikkosten haben uns in den ersten zwei Jahren stark belastet. Das haben wir geändert: mit Koproduktionen, einer stärkeren Auslastung und der Rücknahme der Technik.
Die Finanzen betreffend haben Sie letztes Jahr gesagt, Sie würden das Programm streichen und die Säle nur mehr für Proben verwenden, wenn Sie keine Subventionen erhalten.
Ja, das habe ich gesagt. Aber es geht ja jetzt besser. Es wäre schade, wenn nur mehr Fremdveranstaltungen stattfinden würden. Wir haben die Neuen Säle ja nicht gebaut, um sie nur zu vermieten, sondern auch, um im Musikverein andere Konzertformen zu ermöglichen.
Was wäre Ihnen lieber: Eine volle Abdeckung Ihrer Kosten durch den Staat, oder würden Sie aus Überzeugung auch Hauptsponsoren suchen?
Auch wenn ich die Chance hätte, alles mit Sponsoren zu finanzieren, würde ich den Staat nicht aus seiner Verantwortung entlassen. Ich würde ihn aber auch nie als ausschließlichen Geldgeber sehen. Ich möchte mir weder von Sponsoren noch von der öffentlichen Hand gerne vorschreiben lassen, was dem Musikverein gut tut. Ich glaube, ein Mix von öffentlichen Subventionen und privaten Sponsoren ist richtig.
In Amerika, wo Konzerthäuser praktisch nur von Sponsoren erhalten werden, klagen die Veranstalter über starken Druck. Sie haben gesagt, dass auf Sie kein solcher Druck ausgeübt wird . . .
Stimmt. Aber der Unterschied zu Amerika liegt erstens in der Größenordnung. Zweitens glaube ich, dass nicht die Sponsoren Druck ausüben, sondern allenfalls die Mäzene. In Amerika, wo man Spenden nicht nur steuerlich absetzen, sondern zum Teil sogar steuerbefreiend Geld geben kann, legt ein Mäzen einem Konzertsaal auch zwei Millionen Dollar auf den Tisch. In Wien sind maximal ein bis fünf Prozent dieser Summe möglich. Da ein Privater hier keine Chance hat, eine Spende steuerlich abzusetzen oder steuerbefreiend zu zahlen, sind private Gelder die Ausnahme.
Wird man da neidisch oder freut man sich, dass man in Österreich lebt?
Ich bin nicht neidisch auf die USA. Ich würde mich aber freuen, wenn es in Österreich eine ähnliche Gesetzgebung gäbe, wonach man Spenden für kulturelle Zwecke bis zu einem gewissen Betrag steuerlich geltend machen könnte. Die Amerikaner haben aber auch einen ganz anderen Zugang zum Mäzenatentum und zu Spenden als die Europäer.
Kommen wir zu Ihrem jüngsten Projekt, "Lied.Bühne", das der Musikverein gemeinsam mit der Staatsoper in Angriff genommen hat. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen? Und warum?
Ioan Holender und ich haben immer schon überlegt, was wir zusammen machen könnten. Dann kam der Gedanke einer punktuellen Zusammenarbeit. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass junge Opernsänger die Chance bekommen, einen Liederabend zu geben. Wenn ein unbekannter Sänger im Brahmssaal auftritt, bleibt das Publikum aus. Wir müssen also andere Wege beschreiten. Mit dem Marketing der Staatsoper wird ein interessiertes Opernpublikum in den Gläsernen Saal/Magna Auditorium gebracht. Auf der anderen Seite gehen Liedinteressierte in die Neuen Säle. Es ist ein Versuch. Das Lied ist ja leider nicht die populärste Form des Musikgenusses. Wenn man sich nur darauf konzentriert, weltberühmte Liedsänger zu präsentieren, bleibt man bei einer Handvoll Künstlern stehen. Auch bekannte Opernsänger müssen nicht unbedingt begnadete Liedsänger sein. Deshalb ist das Projekt "Lied.Bühne" ein Weg in die richtige Richtung.
Die Gretchenfrage für jeden Konzertveranstalter: Wie halten Sie es mit der Neuen Musik? Glauben Sie, dass es noch zeitgemäß ist, Neue Musik in einem kleinen Saal mit einem "Telefonorchester" zu präsentieren - bei aller Wertschätzung des Ensembles Kontrapunkte? Oder wäre es nicht eher zeitgemäß, spezialisierte Ensembles wie das Klangforum zu holen, oder Orchester zu bitten, die moderne Musik in ihre Programme zu integrieren?
Orchester werden ständig gebeten, moderne Werke in ihre Konzerte zu integrieren, seien es die Symphoniker, das RSO oder manches Gastorchester. Ich glaube nicht, dass wir zu wenig Neue Musik machen. Was das Ensemble Kontrapunkte betrifft, so muss ich Ihre abwertende Meinung, das sei ein "Telefonorchester" korrigieren. Die Frage, ob es zeitgemäß ist, Orchesterensembles zu engagieren, stellt sich hier genauso wie bei Orchesterquartetten. Ensembles, die ausschließlich miteinander musizieren, spielen die Werke möglicherweise exakter.
Ich finde es aber wichtig, dass Orchestermusiker auch Kammermusik spielen, denn das bereichert das Orchesterspiel. Wenn ein Musiker beim Ensemble Wien oder bei den Kontrapunkten mitspielt, hat er plötzlich einen ganz anderen Zugang zur Musik. Das Klangforum hat sein Zuhause im Konzerthaus. Das jetzt aufzusplitten, halte ich für nicht sinnvoll. In Ausnahmefällen kann ich mir durchaus vorstellen, dass das eine oder andere Konzert mit dem Klangforum auch im Musikverein stattfinden könnte. Und ich halte es für ungeheuer wichtig, bei einem Orchesterkonzert auch ein zeitgenössisches Stück einbauen zu können.
Machen Sie auch die Erfahrung, dass sich Kammermusik immer schlechter verkauft?
Nein. Ich habe begonnen, hier einiges zu verändern: Es werden nicht mehr nur bestehende Ensembles engagiert, sondern in einem Zyklus auch das eine oder andere Konzert angeboten, in dem sich Solisten zu einer Kammermusikformation zusammenfinden. Schwieriger ist es bei den Zyklen, die von einem Ensemble bestritten werden. Hier kann eine Durchmischung viel schwerer erfolgen.
Wie finden Sie das Interesse von jungen Menschen am Programm des Musikvereins? Und was ist Ihre Strategie, um junge Leute für den Musikverein zu begeistern?
Das fängt bei den Neuen Sälen an. Dort kommt vor allem ein junges Publikum. Junge Menschen werden ja auch von der "Jeunesse" betreut. Danach sollte sich dieses Publikum für unsere Konzerte entscheiden. Dass das bei 26-Jährigen nicht immer funktioniert, ist klar. Aber ich glaube, dass uns die früheren Besucher wieder entdecken, wenn sie einmal den Einstieg ins Berufslebens gemeistert haben.
Sie haben über das Publikum in den Neuen Sälen gesprochen. Gibt es da eine Spaltung? Junge Leute ins Untergeschoss . . .
Nein, absolut nicht. Aber ich glaube nicht, dass es uns sofort gelingt, 17- oder 18-Jährige für Bruckners Siebente zu begeistern. Aber so wie wir es etwa mit Thomas Quasthoff gehandhabt haben - Jazz im Gläsernen Saal/Magna Auditorium, "Winterreise" im Großen Saal - war es gut. Da haben wir ein neues Publikum hinzugewonnen. Auch die "Family-Konzerte" mit den Symphonikern, mit denen wir letztes Jahr begonnen haben, wurden begeistert aufgenommen. Diese Einstiege funktionieren. Heuer hatten wir im Großen Saal den Jazzer Till Brönnerzusammen mit Thomas Quasthoff.
Wie sehen Sie Ihre internationale Konkurrenz? Was tun Sie, um den Musikverein in die Riege führender Häuser zu bringen?
Wir haben eine relativ kleine Vereinigung - die European Concert Hall Organisation . In dieser sind 14 der führenden Konzertsäle Westeuropas und die Carnegie Hall zusammengeschlossen. Die Gruppe trifft sich zwei Mal im Jahr und bespricht gemeinsame Konzepte. Ein Projekt ist ein gemeinsamer Auftrag an einen Komponisten. Das Werk wird anschließend in einer Tournee an den verschiedenen Häusern gezeigt. Das zweite Projekt ist die Serie "Rising Stars", die es jungen Musikern ermöglicht, in Wien, New York, Stockholm, Athen, London und Paris Konzerte zu geben.
Der gute Ruf des Musikvereins wird aber nicht nur durch große Namen und große Orchester begründet. Man muss versuchen, Impulse zu setzen. Das haben wir gemacht und eine Reihe von Auftragswerken vergeben. Und auch für das 150-Jahre-Jubiläum des Singvereins 2009 oder den 200. Geburtstag der Gesellschaft der Musikfreunde 2012 muss man jetzt schon Akzente setzen. Darüber hinaus haben wir die Neuen Säle gebaut, um das Repertoire zu erweitern, um ein Programm für Kinder und Jugendliche und Familienkonzerte auch multimedial anbieten zu können.
Wird durch diese Strategiebesprechungen die Konkurrenz unter den Konzerthäusern abgefedert?
Nein, im Gegenteil. Jeder will ja die interessanteren Programme anbieten. Wir spornen uns gegenseitig an. Außerdem wird das eine oder andere Projekt überhaupt erst durch unsere Treffen ermöglicht. Wir unterhalten uns sehr intensiv über Organisatorisches wie Ticketing, Marketing und Logistik. Über Honorare sprechen wir überhaupt nicht.
Zum Dreijahresvertrag mit der Stadt Wien . . .
Der ist schon seit letztem Jahr unterschrieben. Ich habe bei meinen Gesprächen mit dem Stadtrat gesagt, dass ich 2007 noch mit dem Budget durchkomme aber 2008 und 2009 eine Erhöhung benötige. Ich glaube, er hat meine Argumente verstanden. Leider erhält der Musikverein trotzdem für die nächsten drei Jahre dieselbe Förderung.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Musikgeschehen von drei Namen bestimmt: Bernstein, Karajan und Kleiber. Wenn Sie heute drei entsprechende Säulen des Konzertbetriebs nennen müssten, wer wäre das?
Das ist heute in dieser Form nicht mehr möglich. Es gibt in jedem Bereich, ob Dirigent oder Solist, eine unglaubliche Vielzahl an Begabungen in die eine oder andere Richtung. Die Zeit, in der sich alles auf drei Namen konzentrieren ließ, ist vorbei.
Halten Sie diese Situation eher für eine Verarmung oder für eine Bereicherung des zeitgenössischen Konzertbetriebs?
Eher für eine Bereicherung, weil, wie ich gerade sagte, nicht alles auf zwei, drei Persönlichkeiten fokussiert werden kann, sondern erfreulicherweise viel breiter gestreut ist.
Thomas Angyan, geboren 1953 in Wien, studierte Rechtswissenschaften an der Universität seiner Heimatstadt, wo er 1977 promovierte. Nach einer ersten Anstellung bei einer Londoner Bank wechselte er in den Bereich Musikmanagement. In den Jahren 1975 und 1977 organisierte er das Musikfest der Wiener Konzerthausgesellschaft im Rahmen der Wiener Festwochen. Von 1978 bis 1986 war er Generalsekretär der "Jeunesse Musicale" in Österreich. 1988 wurde Thomas Angyan zum Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien bestellt. In dieser Funktion ist er auch heute noch tätig. Thomas Angyan initiierte neben Claudio Abbado und Hans Landesmann maßgeblich die Gründung des Gustav Mahler Jugendorchesters im Jahr 1986.
Als Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde war Thomas Angyan sehr wesentlich am Um- und Ausbau des historischen Gebäudes der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien beteiligt. Im Jahr 2003 wurden vier neue Säle fertig gestellt, die von dem Architekten Wilhelm Holzbauer gestaltet worden sind. Sie bieten Raum für Proben und Konzerte (Gläserner Saal und Metallener Saal), stehen aber auch für Empfänge und Präsentationen offen (Steinerner Saal und Hölzerner Saal). Vor allem ist es Angyan ein Anliegen, durch die neuen Möglichkeiten junges Publikum in den Musikverein zu bringen, das Repertoire zu erweitern und jungen Künstlern die Chance zu Auftritten zu geben.
Im Jänner 2007 erhielt Angyan das "Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien". Nikolaus Harnoncourt bezeichnete Thomas Angyan in seiner Laudatio als "Vermittler, Ermöglicher und Visionär": Angyan habe erkannt, dass man besonders Kinder und Jugendliche mit Musik "infizieren" muss und habe entsprechende Programmschienen gegründet. Eine Besonderheit sei seine Bescheidenheit: "Thomas Angyan wirkt spektakulär und bleibt selbst unsichtbar."
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