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Tiefkühl-Bomben nach Bogota?

Von Ina Weber

Politik

Nächster Lostag: Bis 21. Mai müssen 4,2 Millionen Euro auf dem Konto sein.


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Wien. Bis zuletzt wurde heftigst diskutiert und verhandelt. Bis zuletzt stand nicht fest, welche Summe man den Gläubigern anzubieten hatte. Ob die insolvente Niemetz-Produktion verkauft werden muss, oder ob sie genügend Geld aufbringen kann, um saniert zu werden – sie kann, angeblich.
Betriebserbin Ursula Niemetz und ihr Partner Steve Batchelor boten am Donnerstag bei der Gläubigersitzung am Wiener Handelsgericht eine Barquote von 95 Prozent an – das entspricht einer Summe von 4,2 Millionen Euro. Eine "tolle Sache für die Gläubiger", sagte Gerhard Weinhofer vom Österreichischen Verband Creditreform. Denn die Höhe der Schuldenbegleichung sei nicht üblich. Sie liege im Durchschnitt bei 30 Prozent. Allerdings müsse man den Wert der Marke hier mitbedenken.

"Höchst merkwürdig"

Woher Niemetz diese Summe nimmt, wollte sie jedoch am Donnerstag nicht sagen. Es sei ein Investor aus Kolumbien – das war schon die ganze Botschaft für die Gläubiger. Den Namen des Investors verriet die Firmen-Erbin nicht. Von "höchst merkwürdig" bis "ungeschickt" äußerte sich so mancher Gläubiger nach der Sitzung. "Das war höchst unbefriedigend für uns", sagte Werner Alebeseder zur "Wiener Zeitung". Er war vor kurzem noch Finanzberater von Ursula Niemetz und ist jetzt selbst ein Gläubiger von vielen. "Letztes Mal hatte man uns noch erzählt, wie toll die Austria Holding (von Erhard Grossnigg, Anm. d. Red.) ist, und heute hieß es, wir haben einen neuen Investor – ohne genauere Angaben", sagte er. Allerdings hätten Gläubiger auch keinen Rechtsanspruch darauf zu erfahren, wer der Geldgeber ist.

Klar war zuletzt, dass es bereits um eine fast 100-Prozent-Barquote ging. Die Gläubiger wollten damit ihren gesamten geschuldeten Betrag zurück. Zur Erinnerung: Niemetz bot zu Beginn der Verhandlungen vor einigen Wochen lediglich 20 Prozent an. Danach stieg die Quote aufgrund zahlreicher Interessenten von 50 auf 80 Prozent. Eine Zerschlagung des Unternehmens könnte bis zu 86 Prozent an Quote bringen, hieß es.
Ursula Niemetz hielt sich bedeckt. Das Familienunternehmen soll demnach mit Hilfe eines Investors aus Kolumbien gerettet werden. Dem Vernehmen nach gab es diesen Kontakt schon länger, über einen Mittelsmann aus Salzburg, der aus der Nähe von Bischofshofen kommen soll.

Sauberes Geld?

Über diesen Mann läuft der Kontakt nach Kolumbien. Angeblich rief er schon vor ein paar Monaten die Firmenchefin an und bestellte "zig Millionen tiefgefrorene Schwedenbomben" – für Kolumbien. Werden tiefgekühlte Schwedenbomben, die nach Südamerika verschickt werden, das Unternehmen retten? Aus Gläubiger-Kreisen war zu hören, dass stark bezweifelt wird, dass die Schulden von 4,2 Millionen Euro auch tatsächlich bis Dienstag auf dem Treuhandkonto des Masseverwalters landen. Falls doch, dann würde zunächst die "Sauberkeit des Geldes" geprüft werden. Es sei eben ein Unterschied, ob ein österreichischer Unternehmer wie Grossnigg als Investor gehandelt wird oder ein unbekannter kolumbianischer Investor, hieß es.

Feststand aber schon vor der Sitzung, dass der als potenzieller Käufer gehandelte Oberösterreicher Erhard Grossnigg aus dem Rennen war. "Grossnigg ist weg vom Fenster", hieß es. Der Sanierer mehrerer österreichischer Firmen war auch bei der Sitzung gar nicht mehr anwesend. Er hatte mit seiner "Austro Holding" eine Barquote von 75 Prozent angeboten und wollte im Gegenzug die Firma zu 70 Prozent übernehmen. Die restlichen 30 Prozent sollten in den Händen von Niemetz bleiben. Die Verhandlungen waren jedoch zuletzt gescheitert.

Erhard Grossnigg ist das "ganze Theater rund um Niemetz" zuletzt zu viel geworden – die Lust auf Schwedenbomben ist ihm vergangen. Die Presse stürze sich auf eine "Schnackerl-Firma im Wert von vier Millionen Euro", sagte Grossnigg zur "Wiener Zeitung". "Nur weil jeder schon einmal eine Schwedenbombe gegessen hat, wird das hochgespielt." Er sieht die gescheiterten Verhandlungen mit Niemetz emotionslos: "Der Preis war schlussendlich zu hoch."

Ursula Niemetz kämpft

Kommt das Geld bis Dienstag nach Pfingsten nicht, steigt schon am nächsten Tag eine Verkaufsverhandlung. Der Höchstbieter war bisher das Tiroler Lebensmittelunternehmen "Interfood". Die Firma bot zuletzt 3,6 Millionen Euro. Die Gläubiger sollten 80 Prozent ihres Geldes zurückbekommen.

Neben "Interfood" ist auch noch Heidi Chocholat S.A aus Rumänien - eine Tochter der Meinl Bank – im Spiel. Die Firma hatte 3 Millionen Euro geboten. Schnittenfabrikant Manner soll am Schluss kein Interesse mehr gehabt haben, die Schwedenbomben zu übernehmen. Ebenso aus dem Spiel sein sollen die Hafelder Präzisionsteile GmbH um Friedrich Gruber, die Flying Chocolate Gmbh aus Tamsweg und die Investorengruppe PCB/Cudos mit Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer mit an Bord.

Ursula Niemetz dürfte sich an jeden Strohhalm klammern, so scheint es. Sie versucht um jeden Preis, ihr Unternehmen, das einmal ihren bereits verstorbenen Eltern gehörte, zu bewahren, auch wenn es wirtschaftlich unvernünftig erscheint. Für die 64-Jährige ist die Firma am Wiener Rennweg 31 kein "Schnackerl-Unternehmen", es bedeutet ihr wohl eher die ganze Welt. Sie will das Erbe ihrer Eltern nicht so ohne weiteres aufgeben – "das hätte der Pappili nicht gewollt".

Das Produkt selbst, die Schwedenbombe, bleibt auch in jedem Fall bestehen – ob in Familienbesitz oder in Fremdbesitz wird sich bis Dienstag weisen. Aber selbst, wenn Niemetz den Erhalt schafft und das Geld für die Gläubiger auftreibt – der Betrieb wird noch viel Geld brauchen, um alte Maschinen auszutauschen und den Produktionsstandort zu sanieren. "Das Unternehmen bräuchte dann noch einmal vier Millionen Euro für neue Maschinen und ein Marketingkonzept", sagt Gläubigervertreter Weinhofer.

Im Gegensatz zum Investor aus Kolumbien hat laut Weinhofer "Interfood" eine ordentliche Rechnung aufgemacht: 10 Millionen seien für die Fortführung des Unternehmens kalkuliert. Auch ein Konzept, wie man mit der Schwedenbombe am besten in andere Märkte geht, würde bereits auf dem Tisch liegen.

Ursula Niemetz, der 80 Prozent der Firma gehören – 20 Prozent hält ihr Lebensgefährte Batchelor – vertraut ihrer Quelle. Die rund 70 Beschäftigten des insolventen Wiener Schwedenbombenherstellers müssen deshalb ebenfalls vertrauen.

35.000 Facebook-Fans

Als Verbündete hat Niemetz zumindest 35.000 Fans auf der Facebook-Seite "Rettet die Niemetz Schwedenbomben". "Wir sind bereit, den zukünftigen Eigentümer nach Leibeskräften weiter zu unterstützen", hieß es dort am Donnerstag. "Wenn dieser im Rahmen eines nachhaltigen Übernahmekonzeptes unter Abgabe einer Bankgarantie ohne weitere Verzögerungen die geforderten Investitionen bereitstellt, den Fortbestand unserer Lieblingssüßigkeiten für mindestens fünf Jahre gewährleistet, und eine Übernahme möglichst aller Niemetz-Angestellten sicherstellt." Ob der Investor bis Dienstag all das liefert? Es wird sich zeigen.

Niemetz
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