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Tierische Staatsfeinde

Von Stefan Spath

Reflexionen

Um die einzigartige Vogelwelt zu bewahren, sollen auf Neuseeland bis 2050 alle "Bio-Invasoren" getötet werden, die Vögel jagen. Ist das vertretbar? Bericht über ein Dilemma der Tierschützer.


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Der Kakapo-Papagei galt schon als ausgestorben. Aber einige Dutzend Exemplare haben überlebt und bildeten die Grundlage für eine neue Aufzucht.
© Spath

Mal tönt der schrille Schrei eines Kea-Papageis aus dem Äther, dann trällert der Korimako kurz vor sieben seine betörenden Lieder in die neuseeländischen Haushalte. Tag für Tag, und das seit 1974, leitet "Radio New Zealand" seine morgendliche Nachrichtensendung mit einem halbminütigen Konzert aus der Wildnis ein. Wenn die Bewohner des Inselstaates einen Dollar-Schein in die Hand nehmen, blicken ihnen Bilder von See- und Landvögeln entgegen.

Kampf den Invasoren

Die Verbundenheit mit der heimischen Vogelwelt geht aber weit über Symbolik hinaus. Schon vor über 50 Jahren sagte Neuseeland eingeschleppten Säugetieren, die einheimische Vögel, Reptilien und Insekten an den Rand des Untergangs brachten, den Kampf an.

Nun hat dieser "War on Predators" eine neue Stufe erreicht. "Unser Ziel ist es, Neuseeland bis zum Jahr 2050 frei von Ratten, Hermelinen und Possums zu machen", stellte Premierminister John Key im vergangenen Jahr das "ehrgeizigste Artenschutzprojekt der Welt" vor. Die Vision eines "Predator Free New Zealand" (PFNZ) fand ein positives Echo; denn einige Bio-Invasoren gelten geradezu als Staatsfeinde.

Ulva Island im äußersten Süden des Landes ist ein Musterbeispiel, wie Artenschutz auf neuseeländisch funktioniert. Vor 20 Jahren machten Ranger der Rattenpopulation auf der 2,7 Qua-dratkilometer großen Insel mit Giftködern und Fallen den Garaus. Alle Rehe - ebenfalls ein Übersee-Import - wurden abgeschossen. Auf die Eliminierung der als pests - also "Schädlinge" - definierten Tiere folgte die Ansiedlung gefährdeter Vogelarten.

Das Experiment erwies sich als durchschlagender Erfolg. Wer morgens per Boot in das Schutzgebiet übersetzt, dem schallt ein Tschilpen, Tirilieren, Klicken und Gurren entgegen, wie man es auf dem Festland kaum zu hören bekommt. Die Yellowheads (Gelbköpfchen), als "nationally vulnerable" eingestuft, ebenso wie die Kakapo-Papageien können hier ungestört brüten.

Comeback der Pflanzen

Auch die Vegetation hat profitiert. Seitdem sich Ratten und Rehe nicht mehr an Samen, Trieben und Früchten gütlich tun, haben mehrere Orchideen-Arten ein Comeback gefeiert. Baumfarne erreichen wieder stattliche Größen und verschmelzen mit Rimu-, Totara- und Miro-Bäumen, die zur Familie der Steineiben-Gewächse zählen, zu einer dichten grünen Wand. Als Besucher bekommt man eine Ahnung davon, wie Neuseeland ausgesehen und geklungen haben mag, bevor die Menschen das ökologische Gefüge aus den Angeln hoben.

Der Kiwi, das Wahrzeichen Neuseelands, wird besonders sorgfältig geschützt.
© Spath

Nach der Abspaltung vom Urkontinent Gondwana-Land vor 85 Millionen Jahren war die Doppelinsel zu einer Welt der Vögel geworden. Weil gefräßige Säugetiere und Schlangen fehlten, verlegten sich manche Arten auf das Leben am Boden und legten ihre Fluchtinstinkte ab. Kakapo-Papageien, Kiwis und Takahe-Rallen tapsten ziemlich sorglos durch die Wälder, bis Homo sapiens auf der Bildfläche erschien.

Um 1300 n. Chr. verschlug es polynesische Seefahrer auf die südlichste Inselkette des Pazifiks. 120 Jahre brauchten die ersten Siedler - zugleich die ersten "Bio-Invasoren" -, um die bis zu 250 Kilogramm schweren Moa-Riesenvögel bis auf das letzte Exemplar zu verspeisen. In ihren Kanus schleppten die Maoris die Kiore-Ratte ein, die die Nester bodenbrütender Vögel plünderte.

Rückblick ins Paradies

Den ersten Besuchern aus Europa boten sich noch paradiesische Impressionen. "Heute früh wurde ich von Vogelgesang geweckt. (. . .) Die Stimmen waren zweifellos die melodiöseste wilde Musik, die ich je vernommen habe", hielt Joseph Banks fest, der James Cook 1770 auf dessen erster Weltumsegelung begleitete. Georg Forster, Naturforscher auf Cooks zweiter Expedition, registrierte bereits erste Verwerfungen im Ökosystem. Jeden Morgen, so schrieb er drei Jahre später, spazierte eine Schiffskatze an Land und "richtete großen Schaden unter den kleinen Vögeln an, die einen solch tückischen Feind nicht kannten".

Auch Ratten und Mäuse strömten von den Schiffen der Europäer in ein Schlaraffenland. Bewusst angesiedelte Säugetiere brachten die einheimische Tierwelt weiter in Bedrängnis. Um 1880 importierten Farmer Hermeline, Frettchen und Wiesel, um die zur Plage gewordenen Hasen und Ratten zu bekämpfen. Aber bald hatten die Marder heraus, dass gefiederte Beute leichter zu erlegen war.

Mit dem Fuchskusu sollte eine Pelztierzucht etabliert werden. Doch bald turnten die australischen Beutelsäuger in die Freiheit. Dutzende Millionen Possums, wie sie in Neuseeland genannt werden, fressen sich mittlerweile durch die Wälder. Zu den Fressfeinden gesellten sich Habitat-Zerstörer und Nahrungskonkurrenten. Für die Schaf- und Rinderzucht mussten riesige Urwälder weichen. Zum Jagdvergnügen führten die Siedler Ziegen, Schweine, Rehe, Hirsche und Gämsen ein.

Artensterben

Obwohl als letzte größere Region der Erde besiedelt, erlebte kaum ein anderes Land einen so drastischen Schwund an Biodiversität. Rund 40 Prozent der 115 ausschließlich in Neuseeland vorkommenden Vogelarten starben aus. Weitere stehen auf der Roten Liste, darunter auch der flugunfähige Kiwi. Den Bestand der nachtaktiven Bodenbrüter schätzt die Naturschutzbehörde DOC auf 68.000 Exemplare. In Regionen ohne "pest control", so heißt es, fallen neun von zehn Jung-Kiwis Räubern zum Opfer. Aus diesem Grund werden Küken in Zuchtstationen aufgepäppelt, bis sie sich gegen Fressfeinde zur Wehr setzen können.

Etwa 25 Millionen Vögel landen jedes Jahr in den Mägen von Kleinraubtieren, so die Regierung. Völlig wehrlos standen die Kakapos den Eindringlingen gegenüber. In den 1970er Jahren hielt man die schwersten Papageien der Erde bereits für ausgestorben, bis im tiefen Süden doch noch einige Dutzend Exemplare aufgespürt wurden. Heute betreuen Ornithologen die letzten der Art Strigops habroptilus mit enormem Aufwand, um die Fortpflanzungsrate anzukurbeln. Nach einer Rekordbrutsaison liegt der Bestand derzeit bei etwa 150 Exemplaren, kaserniert auf drei abgelegenen Inseln, die von Kleinraubtieren "gesäubert" wurden.

Mehr als 100 "predator free"-Refugien gibt es heute vor Neuseelands Küsten, drei davon sind öffentlich zugänglich. Als weitere Auslage für die Erfolge der Artenschützer dient das Zealandia-Schutzgebiet nahe der Hauptstadt Wellington, wo mit einem kilometerlangen Metallzaun quer durch den Busch erstmals eine Rückzugsbastion auf dem Festland geschaffen worden ist. 2,20 Meter hoch, höher als eine Wildkatze springt, so engmaschig, dass nicht einmal eine Maus hindurch schlüpfen kann, und mit einem überlappenden Kragen versehen, der auch kletterfreudige Possums scheitern lässt, verwehrt der "pest-exclusion fence" Bio-Invasoren den Zugang in das Reservat.

Was sich im Kleinen bewährt hat, soll mit dem "PFNZ-Plan" nun auf das ganze Land übertragen werden. "Diese Vögel sind unsere Nationalmonumente. Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass sie niemals aussterben". Mit diesem Motto des 2011 verstorbenen Artenschutz-Pioniers Don Merton identifizieren sich viele der 4,5 Millionen Kiwis - wie sich die Neuseeländer nach ihrem Nationalvogel nennen. Argumentiert wird mit einer moralischen Verpflichtung zum Schutz einer Fauna, die nach Jahrmillionen des evolutionären Tiefschlafs keine Chance hatte, Überlebensstrategien gegen überlegene Raubsäugetiere zu entwickeln.

Die führende Rolle im "War on Predators" nimmt das Department of Conservation (DOC) ein. Doch Hunderte Gemeinden, Schulklassen sowie Abertausende Freiwillige sind mit den Initiativen der staatlichen Naturschützer verlinkt. In Crofton Downs bei Wellington mobilisierte ein Bürger 140 Haushalte für ein "eradica-
tion project" vor der eigenen Haustür. Seit 2015 schmückt sich der 1500 Einwohner zählende Ort mit dem Titel als erste "Predator Free Community" Neuseelands. Der "Forest & Bird"-Verein lobt den "Pestbuster Award" für private Initiativen aus, die sich um die Dezimierung von Ratten und Hermelinen verdient gemacht haben.

Ein riesiger Graben klafft zwischen den pets - von Kakapo über Kiwi bis Tuatara - und den dämonisierten pests. Letztere sind mit einem High-Tech-Waffenarsenal konfrontiert, das Neuseeland weltweit zur Nummer eins in Sachen Schädlingsbekämpfung gemacht hat. Zu den jüngsten Entwicklungen gehören selbstspannende Fallen, die monatelang ohne Wartung und ohne Gift ihr Tötungswerk verrichten. Die Vorrichtungen erfüllten die höchsten Standards in Sachen "humanes Töten", betont der Marktführer Goodnature. Die Produktpräsentation im Web begleiten Videos, die belegen sollen, dass die von Lockmitteln auf den Plan gerufenen Ratten, Hermeline und Possums binnen weniger Sekunden ihr Leben aushauchen.

Umstrittener ist der flächendeckende Einsatz von Giftködern, die per Hubschrauber über Wildnisgebieten ausgebracht werden. In Jahren starker Buchenmast ruft das DOC einen "Battle for our Birds" aus, um eine Kettenreak- tion zu verhindern. Das Überangebot an pflanzlicher Nahrung sorgt für eine explosionsartige Vermehrung der Ratten, dies sorgt auch für eine Zunahme an Fressfeinden, den Hermelinen, und zusammen bringen sie spätestens im Folgejahr die Vogelwelt in Bedrängnis. Die mit Natriumfluoracetat (bekannt als "1080") präparierten Köder sind mittlerweile so verführerisch gestaltet, dass ihnen etwa 90 Prozent aller Ratten zum Opfer fallen.

Tierschutz-Initiativen kritisieren, dass sich der Todeskampf der Tiere manchmal über Stunden hinziehen könne. Der Abwurf von Tonnen von Gift ruft auch ökologische Bedenken hervor. Nicht alle schenken den Beteuerungen Glauben, wonach sich "1080" rasch von selbst in der Natur abbaue und nicht in den Nahrungskreislauf gelange. Nachgewiesen ist, dass zu einem geringen Teil auch Vögel die Giftköder annehmen und daran verenden.

Rigorose Maßnahmen

Der Plan für ein "Predator Free New Zealand" ist um einige Nummern größer als alles, was bisher versucht worden ist. Die praktischen Probleme zeigen sich bereits anhand einer Mini-Insel wie Ulva, die so groß ist wie die Wiener City. "Etwa eine Ratte pro Jahr schafft es auf die Insel. Entweder als blinder Passagier auf einem Boot oder sogar schwimmend", sagt DOC-Ranger Gary Cocker. Sie landet zwar bald in einer der "Kontroll"-Fallen, doch das Beispiel zeigt, dass nur rigorose Biosicherheits-Regime eine Reinva- sion einmal "befreiter" Gebiete verhindern können. Und was für eine winzige Insel gilt, gilt erst recht für ein ganzes Land, das dreimal so groß ist wie Österreich.

Ein großes Fragezeichen steht über dem Vorgehen in Städten, wo sich etwa eine massenhafte Ausbringung von Giftködern aus der Luft von selbst verbieten würde. Doch die Regierung setzt auch auf neue Methoden. Neuseeländische Biotechnologie-Firmen forschen an Super-Lockstoffen und an Techniken zur Manipulation des Erbgutes, sodass unerwünschte Arten auf "natürliche Weise" aussterben.

Die Frage, ob es moralisch zulässig ist, bestimmte Tiere in Massen zu töten, kommt in Neuseeland selten aufs Tapet. Schutz und Erhaltung der ursprünglichen Fauna genießen einen höheren Stellenwert als das Leid jener Tiere, die dafür weichen müssen. Interessant ist aber, welche räuberisch veranlagten Arten - fürs erste - nicht auf die Todesliste gekommen sind. Katzen gelten als effiziente Jäger, ihnen fallen Scharen von Vögeln zum Opfer. Viele Neuseeländer halten allerdings Hauskatzen. Und so dürfen Streuner und verwilderte Exemplare aufs Korn genommen werden, der Stubentiger, der über Nacht eingesperrt wird und sich brav verhält, bleibt aber verschont, wie Premierminister Key, selbst Katzenhalter, sagte. Manche invasive Spezies sind eben etwas gleicher als andere.

Stefan Spath, geboren 1964. lebt als freiberuflicher Journalist in Wien. Schwerpunkte: Reisereportagen, Porträts, Geschichte.