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"Tiere zählen immer zu den besten Menschenkennern", sagte einmal Martin Gerhard Reisenberg, Autor und Bibliothekar in Leipzig. Und genau diesen Eindruck bekommt man, wenn man Therapietieren bei der Arbeit zusieht. Es ist berührend mitzuerleben, wie Tiere die Herzen der Menschen öffnen und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
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Das vormittägliche Sonnenlicht erhellt den Wintergarten des Seniorenheims. Die älteren, oft behinderten Menschen haben sich alle im Aufenthaltsraum versammelt und freuen sich. Sie wissen: Bald kommt Helga Widder mit ihrer Hündin Becsi und Wilma Spitzl mit ihren drei Chihuahuas Lizzy, Nelly, Vicky, der Papillon-Hündin Honey und dem stolzen, geduldigen Kater Marcello.
Es ist rührend zu sehen, wie die Menschen mit den Tieren umgehen und wie bereichernd dieser Besuch auf sie wirkt. Ganz versunken bürstet eine Dame die kleine Vicky. Ein alter Mann streicht zärtlich über das weiche Fell von Nelly. Die Menschen blühen auf, wenn die Tiere zu Besuch kommen. Eine Dame wird zur "Tierdompteurin": Sie hält einen Reifen und Kater Marcello springt durch.
"Alles Therapiemaßnahmen", erklärt Helga Widder. "Die Menschen müssen ihre Gelenke agil halten, oft schmerzen Bewegungen durch Krankheiten und Verschleißerscheinungen. Doch wenn man sich bückt, um dem Hund einen Ball zu werfen, dann konzentriert man sich so auf das Tier, dass die Schmerzen fast vergessen sind."
Futterdose als Therapiegerät. Da wird dann sogar die Futterdose zum Therapiegerät: Die Feinmotorik der alten Menschen soll geschult werden, daher ist es ideal, die kulinarischen Belohnungen für den Hund in eine Dose mit Schraubverschluss zu geben. Das Öffnen der Dose ist dann gleich ein gutes Training. "Die Übungen sind bei uns versteckt eingebaut und machen allen Spaß", schmunzelt Helga Widder. Keiner muss sich mit den Tieren beschäftigen - alles ist auf freiwilliger Basis. Manche Heimbewohner sehen sich das Ganze lieber aus ein wenig Distanz an. Aber wenn man sie genau beobachtet, kann man auch ein Glänzen in ihren Augen sehen und manchmal huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. "Oft können wir auch neuen Heimbewohnern, die sich hier noch nicht wirklich zuhause fühlen, helfen - unsere Tiere vermitteln ein wenig Geborgenheit und Wärme", erzählt Wilma Spitzl.
Gesprächsthema. "Tiere reden mit den Augen oft vernünftiger als Menschen mit dem Mund", meinte Ludovic Halévy, (1834 - 1908), französischer Roman-Schriftsteller und Verfasser mehrerer Komödien. Die Worte von Halévy kann jeder, der diese Therapietiere beobachtet, nur bestätigen.
Auch nach der Stunde sind die positiven Auswirkungen des tierischen Besuchs spürbar: Die Heimbewohner haben ein gemeinsames Gesprächsthema. Sie plaudern miteinander über die Tiere - so entsteht näherer Kontakt. Oft sitzen die Menschen tagelang nebeneinander, ohne miteinander zu kommunizieren, das ändert sich nach der "Tierstunde".
"Es erstaunt mich immer wieder, wie sensibel die Tiere sind", erzählt Wilma Spitzl. "Sie scheinen genau zu wissen, was die Menschen brauchen. Bei manchen bleiben sie einfach still sitzen, andere fordern sie zum Spielen auf. Sie gehen wirklich individuell auf die Bedürfnisse der Menschen ein - wir können viel von ihnen lernen."
Kinder lieben Tiere. Szenenwechsel in den Kindergarten "Sonnenschein" in Wien Favoriten. Auch hier gibt es Therapietiere, obwohl die Kleinen ganz normale Kids sind. Aber welches Kind bekommt nicht große Augen, wenn es mit einem Hund kuscheln und eine Katze herzen kann? "Die Kinder sollen den richtigen Umgang mit Tieren lernen", erklärt Kindergärtnerin Maike Tell, die auch Besitzerin von drei Therapiehunden ist. Sie bringt ihre Hunde regelmäßig zu den Kindern. Manche Kinder haben auch schlechte Erfahrungen mit Tieren gemacht: "Wir haben ein Mädchen in unserem Kindergarten, das von einem Rottweiler angefallen wurde. Hier muss man behutsam vorgehen und der Kleinen die Angst vor Hunden nehmen." Wenn man in die treuen Augen der Therapiehündin Joy blickt, dann weiß man, dass sie wohl jedes Kind sanft "überzeugen" kann. Aber hier wird auch der richtige Umgang mit den Tieren gelernt. Oft vermittelt das Elternhaus heutzutage nicht mehr die richtige Kontaktaufnahme zu den Tieren, da sind dann die Therapietiere gute Ersatzlehrer. Kinder, die Spaß am Spiel mit Tieren haben, toben mit den Hunden herum, dürfen unter ihnen durchkrabbeln, sie unter ihren gegrätschten Beinen durchlaufen lassen oder einfach "nur" mit ihnen schmusen.
Und dann erzählt Helga Widder noch von dem 4 1/2 jährigen, autistischen Mädchen, das bis jetzt nur ein paar Worte gesagt hat - zu dem Therapiehund...
Schnecken lehren Geduld. Oft kommen ganz ungewöhnliche Tiere zum Einsatz: Oder hätten Sie gedacht, dass auch Schnecken zur Therapie verwendet werden? Bei hyperaktiven Kindern arbeiten die Trainer gerne mit Achatschnecken. Diese Schneckenart, die sich überhaupt nicht schleimig und unangenehm auf der Haut anfühlt, wird dazu genutzt, den Kindern Geduld beizubringen. Sie nehmen sie auf die Hand und müssen dann ganz ruhig und still sitzen, damit die Schnecke aus ihrem Haus kommt. Und da die meisten Kinder neugierig sind, warten sie dann geduldig, bis sie eben zum Vorschein kommt.
Harte Arbeit. Es ist eine schöne Aufgabe, Menschen mit der Hilfe von Tieren ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Aber wie wird aus einem Tier ein Therapietier? Eines muss man zunächst beachten: Nicht jedes Tier eignet sich gleich gut für diese Arbeit - und Arbeit ist es auf jeden Fall für die Vierbeiner. Denn zwei Stunden intensiv gestreichelt zu werden, kann auch ganz schön anstrengend sein. Die Tierbesitzer achten aber genau darauf, dass ihr Tier nicht ausgebeutet wird. Sie wissen, wie viel sie ihren Lieblingen zumuten können. Auch das lernt man in der Ausbildung, die sehr umfassend ist. Der Theorieteil besteht aus Vorlesungen, die von Fachleuten aus dem Bereich der Psychologie, Pädagogik und Medizin gehalten werden. Die Ausbildung für erwachsene Hunde ist auf drei Module aufgeteilt, die nacheinander zu absolvieren sind. Erst anschließend an das absolvierte Modul 3 der Therapiehundekurse kann die Therapiehundeprüfung abgelegt werden.
Keine Strafe, nur Lob. Einige Dinge sind besonders zu beachten: Das Training muss auf der Methode der positiven Bestärkung beruhen - also keine Strafe, nur Lob, keine Überforderung des Tieres, Stärkung der Bindung zwischen Mensch und Tier und des Vertrauens des Tieres zu seinem Menschen. Tiere dürfen nicht instrumentalisiert werden, das Tier muss immer Tier bleiben und seine natürlichen Bedürfnisse müssen erfüllt werden. Varianten für den Ausgleich zur Therapie wie zum Beispiel Spiel, Auslauf und intensive Beschäftigung mit dem Tier dürfen nicht vernachlässigt werden. In der Ausbildung ist eine individuelle Betreuung des zukünftigen Therapieteams wichtig, man geht auf rassebedingte Merkmale ein, die das Lernverhalten betreffen können.
Es ist sicher keine leichte Aufgabe, mit seinem Tier als Therapieteam zu arbeiten, aber sicher eine der schönsten auf der Welt. Der deutsche Komponist Richard Wagner erkannte es schon früh: "Es muss menschlichem Empfinden aufgehen, dass das, was im Menschen atmet, dasselbe ist wie das, was im Tiere lebt."
kontakt
Verein Tiere als Therapie - tat.
Adresse: 1210 Wien, Veterinärplatz 1
Telefon: 01/250 77/3340 DW
E-Mail: tat@vu-wien.ac.at
Internet: www.tierealstherapie.org

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