Time to Say Goodbye!

Von Christina Mondolfo

Jedes "Wiener Journal"-Cover wurde sorgsam ausgewählt - schließlich sollte es zum Inhalt passen...
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Eine Ära geht zu Ende – mit dem Aus für die "Wiener Zeitung" ist auch das für das "Wiener Journal" gekommen. Ein Rückblick.


Neunzehn Stapel. Neunzehn Stapel liegen vor mir auf dem Boden, jeder ist ein Zeugnis für ein Erscheinungsjahr "Wiener Journal" – von 2004 bis 2023. Sie sind nicht alle gleich hoch, besonders der erste und der letzte Stapel sind niedriger. Der letzte ist sogar eklatant niedriger: Nicht nur, weil weniger Seitenumfang und eine vierzehntägige Erscheinungsweise weniger Höhe ergeben als mehr Seitenumfang und eine wöchentliche Erscheinungsweise, sondern weil das "Wiener Journal", wie die Leserinnen und Leser der "Wiener Zeitung" diese Wochenendbeilage der ältesten gedruckten Tageszeitung der Welt seit 2004 kennen, mit dem 30. Juni 2023 endgültig Geschichte ist. Aus, vorbei, Schluss.

Ich sitze auf dem Boden, betrachte die "Wiener Journal"-Stapel und komme mir ein bisschen vor wie die letzte meiner Art. Vom "alten" Team ist niemand mehr da, der gemeinsam mit mir die Geschichte des Journals erzählen könnte. Die vergangenen zweieinhalb Jahre war ich die letzte Bastion, und bin heute quasi die einzige verbliebene Erinnerung an neunzehn Jahre voller Geschichten, Berichte, Interviews, Reportagen, Rezensionen und Tipps, an Überlegungen zur Gestaltung des Magazins, an Diskussionen zur Verbesserung, an dunkle und lichte Momente, Enttäuschungen und Siege. Ich weiß um den Enthusiasmus und die Leidenschaft, mit der das "Wiener Journal"-Team Woche für Woche an jeder einzelnen Ausgabe gearbeitet hat. Ich war bei der Geburt dieses Magazins dabei und erlebe nun sein Ende. Das genaugenommen bereits das dritte Ende ist…

Vor langer Zeit

Die Geschichte des "Wiener Journals" beginnt 1980: Da gründete der Journalist, Schriftsteller und Politiker Jörg Mauthe gemeinsam mit dem damaligen Wiener Vizebürgermeister Erhard Busek, dem damaligen stellvertretenden Chefredakteur der "Wiener Zeitung", Peter Bochskanl, sowie den Journalisten Gerhard Wilflinger und David Axmann die sich ausdrücklich als liberal-konservativ deklarierende Monatszeitschrift "Wiener Journal", deren Herausgeber Mauthe bis zu seinem Tod am 29. Jänner 1986 war. Danach übernahmen Busek und Bochskanl diese Funktion und brachten das Magazin im "Wiener Journal Zeitschriftenverlag GmbH" heraus. Doch im Jahr 2000 kam die große Wende – dem Blatt fehlten Anzeigen und Leser. Das Aus kam dennoch nicht, denn die "Wiener Zeitung", deren Chefredakteur seit demselben Jahr Peter Bochskanl hieß, übernahm das "Wiener Journal" und plante einen Neustart. Es erschien nun alle zwei Monate mit anderen Inhalten und einer anderen Aufmachung. Der Erfolg hielt sich in Grenzen und nicht einmal vier Jahre später hing die Zukunft des Magazins erneut am seidenen Faden…

Ein neues Kapitel

Alle großen Tageszeitungen hatten damals längst eine, nämlich eine Wochenendbeilage. Nur die "Wiener Zeitung" nicht. Aber man hatte das "Wiener Journal" – das schien die perfekte Kombination zu sein und die Lösung für zwei Probleme: Die Tageszeitung hätte endlich ihr Hochglanzprodukt für die Wochenend-Leserschaft und das "Wiener Journal" wäre (wieder einmal) gerettet. Von all diesen Überlegungen, Planungen und Diskussionen hatte ich aber, ehrlich gesagt, bis Anfang 2004 keine Ahnung…

Ich arbeitete zu dieser Zeit im Kulturressort, als mich eines Tages eine Kollegin fragte, ob ich nicht Lust hätte, künftig für das "Wiener Journal" zu schreiben. Ich muss wohl ziemlich verdutzt dreingeschaut haben, denn sie begann sofort, mir enthusiastisch zu erklären, worum es da genau ging. Magazinjournalismus, das klang spannend, und vom Start weg bei einem neuen Projekt dabei sein zu können, fand ich herausfordernd. Wie herausfordernd das war, sollte ich bald merken…
Wir waren zu dritt, Nadja, Brigitte und ich, wälzten Ideen, lernten, in einem neuen Betriebssystem zu arbeiten, beschäftigten uns mit Layout, spionierten ungeniert bei anderen Wochenendbeilagen, um nicht dasselbe zu machen – wir wollten schließlich ein besonderes Produkt für die Leser und Leserinnen der "Wiener Zeitung": wöchentliche Erscheinungsweise, handliches A4-Format, Vierfarbdruck und hochwertiges Papier. 48 Seiten wochenendgerechter Lesestoff, der jeden Samstag serviert wurde.

Der große Augenblick

Am 8. Mai 2004 war es so weit – fast wie Phönix stieg das "Wiener Journal" zum dritten Mal aus der Asche; in neuer Aufmachung, mit neuer Erscheinungsweise und neuen Inhalten. Wir hatten zwar einige graue Haare mehr und von den bis dahin viel zu vielen Tassen Kaffee will ich gar nicht reden. Aber wir waren stolz auf das Ergebnis, schließlich hatten wir einiges anzubieten: ein "Thema der Woche", Kultur, Reise, Architektur und Design, Gesundheit, Kulinarik, Technologie, Buch- und DVD-Tipps und einiges mehr. Die Beiträge von Gastautoren und unsere eigenen ergaben eine feine Mischung und wir hofften, dass das Konzept bei der Leserschaft gut ankommen würde. Das tat es, aber weil bekanntlich die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist, wurde bald und immer wieder am "Wiener Journal" gefeilt. Über die Jahre veränderten sich die inhaltliche Aufteilung, die Schwerpunkte, das Layout, die Schrift(-Größe), das Cover, die Autoren.

Denn natürlich wollte jeder Chefredakteur der "Wiener Zeitung" der Beilage seinen persönlichen Stempel aufdrücken: Als 2005 Andreas Unterberger auf Peter Bochskanl folgte, sollte es nicht lang dauern, bis das "Wiener Journal" seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Die hatte es dann zu 100 Prozent: Alles wurde anders, von den Inhalten über das Aussehen bis zum Seitenumfang – statt 48 füllten wir ab sofort jede Woche 64 Seiten. Zum Glück mit einer Kollegin, Monika, mehr, sonst wäre der Aufwand nicht zu schaffen gewesen.
Neue Rubriken lockten neue "Fans" an: Tarock, Bridge, Schach und ein kniffliges Rätsel sowie ein launiger "Alltagstest" mit Prominenten sorgten für noch mehr Wochenendunterhaltung. Doch schon ein Jahr später wurde die Seitenzahl wieder auf 48 reduziert, die Beilage wanderte von Samstag auf Freitag und Nadja wechselte in eine andere Abteilung. Bald darauf stieß Christian zum "Wiener Journal" – der erste Mann im bisher stets weiblichen Team.

Fast alles neu: Der neue Look ist nicht zu übersehen (2013).
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2009 kam die nächste große Veränderung: Der neue Chefredakteur Reinhard Göweil hatte – so wie seine Vorgänger – seine eigenen Vorstellungen, wie das "Wiener Journal" aussehen sollte. Er schrieb am 27. November im Editorial, dass man die stürmischste Veränderungsperiode der "Wiener Zeitung" in ihrer Geschichte erlebe und diese Reform auch vor dem "Wiener Journal" nicht haltmache. Deshalb würde die Gestaltung zeitgemäßer und übersichtlicher, die Inhalte neu konzipiert. Schlusssatz: "Viel Spaß bei der Entdeckungsreise durch das neue ‚Wiener Journal‘ wünscht Reinhard Göweil". An der Zeitgemäßheit und den Inhalten bastelte Göweil im Lauf seiner "Oberherrschaft" über das "Wiener Journal" immer wieder – meistens betroffen waren Cover, Schriften oder Rubriken. So wurde zum Beispiel die Weinkolumne um Bier ergänzt – wir waren gespannt, ob vielleicht auch noch Whisk(e)y, Gin oder Schnaps folgen würden. So hochprozentig wurde es dann doch nicht… An der wöchentlichen Erscheinungsweise mit 48 Seiten wurde jedoch festgehalten.

Im Oktober 2017 war der Chefredakteur plötzlich weg, interimistisch wurden Walter Hämmerle und Thomas Seifert betraut. Das "Wiener Journal" war zu dieser Zeit wohl ihre geringste Sorge. Wir waren seit längerer Zeit nur mehr zu dritt, da Brigitte ausgefallen war, doch wir waren ein eingespieltes Team, das wie geschmiert lief. Aber die dunklen Wolken am Horizont hingen schwer und tief – das Wort "sparen" geisterte ständig als dunkler Schatten durch die Gänge, um es sich schließlich im "Wiener Journal"-Zimmer gemütlich zu machen. 2018 wurde der Seitenumfang von 48 auf 32 verringert, bald darauf wurde Monika in eine andere Abteilung versetzt, und 2019 landete das "Wiener Journal", das schon länger ohne Leitung war, beim Feuilleton. Christian und ich hielten weiterhin die Stellung – und dann kam Corona. Ab April 2020 erschien das Magazin nur mehr alle vierzehn Tage, mit Ende des Jahres verabschiedete sich mein Kollege in die Pension. Und der Rest ist Geschichte…

Ein letztes Mal

Neunzehn Stapel. Ich sitze auf dem Boden und betrachte die neunzehn Stapel "Wiener Journal" ein letztes Mal. Ich erinnere mich an den Abschiedskampf des deutschen Boxers Henry Maske, genannt "Gentleman", und das Lied, das zu Beginn und am Ende gespielt wurde: "Time to Say Goodbye", hingebungsvoll geschmettert von Andrea Bocelli und Sarah Brightman. Auch für mich ist es nun so weit, es ist Zeit, auf Wiedersehen zu sagen, "Time to Say Goodbye". Ich verlasse den Ring – obwohl, ein Kampf war es nie, für das "Wiener Journal" Artikel und Geschichten zu schreiben, Rezepte auszusuchen, Bücher und Filme zu rezensieren oder interessante Ausstellungen ausfindig zu machen. Nein, es war kein Kampf, sondern ein Vergnügen, und ich weiß, das sehen auch alle Kolleginnen und Autoren, die je für das "Wiener Journal" geschrieben haben, so. In meinem und ihrem Namen bleibt mir nur noch, Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu danken für Ihre Treue, Ihre Anregungen und Leserbriefe, dafür, dass Sie das Magazin viele Jahre lang begleitet und ihm die Treue gehalten haben.

Ich lege die Stapel wieder in die Kartons zurück, einen nach dem anderen, sorgfältig und vorsichtig. Ich schließe die Kartons und gleichzeitig ein Kapitel meines Lebens, eines, das neunzehn Jahre gedauert hat. Ich werde ein neues Kapitel beginnen, die Zeit beim "Wiener Journal" aber stets in guter Erinnerung behalten – bitte tun Sie das auch!

Diesen Artikel finden Sie in Printform - ein letztes Mal - am 30.6. in Ihrem "Wiener Journal" der "Wiener Zeitung".