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Todesschuss als Wahlkampfmunition

Von WZ-Korrespondentin Alexandra Klausmann

Europaarchiv

Oppositionschef gerät vor Wahlen in schiefes Licht. | Zahlreiche Verbindungen zwischen Politik und Unterwelt. | Vor Übernahme des EU-Vorsitzes kämpft Tschechien mit Imageproblem. | Prag. Drei Schüsse, die die tschechische Politszene erschüttern: In einer Bar in der Prager Altstadt erschoss Donnerstag Nacht der Hotelier Bohumir Duricko den Unternehmer Vaclav Kocka Junior. Die Tat ereignete sich nach einer Buchpräsentation des sozialdemokratischen Oppositionsführers Jiri Paroubek, der aus seinem Werk "Tschechien, Europa und die Welt mit den Augen eines Sozialdemokraten" vortrug. Paroubek werden schon lange Kontakte zu Geschäftsleuten zweifelhaften Rufs vorgeworfen. Und in der Prager Unterwelt sind sowohl Duricko als auch Kocka keine gänzlich Unbekannten.


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Duricko ist ein Wendegewinner, der sich vom Agenten der tschechoslowakischen Staatssicherheit zum Hotelier und Immobilienunternehmer hochgearbeitet hat. Vaclav Kocka Junior ist der Kronprinz des berüchtigten Kocka-Clans, bestehend aus Schaustellern und aktiven Sozialdemokraten.

Ex-Premier Paroubek und Gattin hatten die trendige Bar "Monarch" unweit des Altstädter Rings schon längst verlassen, als Duricko und Kocka Senior wetteten, wer schneller eine Million Kronen (40.000 Euro) zur Hand hätte. Neben den Banknoten stapelten sich an der Bar die leeren Schnapsgläser.

Als Kocka Senior zum Aufbruch drängte, kam es zum Eklat. Augenzeugen berichten, Kocka Junior habe Duricko noch etwas zugeflüstert. Der habe seine Pistole gezogen und Kocka Junior erschossen. Vor den Augen seines Vaters und seines 15-jährigen Sohnes. "Wie einen Hund", sagt ein Freund des Opfers, der der grausigen Szene beiwohnte. Jetzt drohen Duricko trotz möglicher Unzurechnungsfähigkeit bei 1,12 Promille 15 Jahre Haft. Und die Rache des Kocka-Clans.

Unheilige Allianz

Der tschechischen Politik droht kurz vor den Senats- und Regionalwahlen und am Vorabend der tschechischen EU-Präsidentschaft ein schweres Imageproblem. Denn es ist nicht zum ersten Mal, dass Ganoven und Politiker in einem Atemzug genannt werden.

Schon im Jahr 2006 warnte ein Polizeibericht vor den Verbindungen zwischen Politik und organisiertem Verbrechen. Darin wurde das nunmehrige Opfer, Vaclav Kocka Junior, explizit mit der russischen Mafia in Verbindung gebracht. Vaclav Kocka Senior, Vater des Ermordeten und Freund Jiri Paroubeks, wurde im Zusammenhang mit dem Auftragsmord am Oberhaupt aller tschechischen Unterwelt-Paten, Frantisek Mrazek, erwähnt. Mrazek war im Januar 2006 vor seinem Büro erschossen worden. Sehr professionell. Bis heute fehlt vom Täter jede Spur. Oder der Wille, ihn dingfest zu machen.

Fangarme des Paten

Bis zu seinem vorzeitigen Ableben war Frantisek Mrazek in Tschechien eine graue Eminenz, die Politikern und Staatsbeamten öfters Angebote machte, die sie offenbar nicht ablehnen konnten. Meist geschah das über Mittelsmänner. Aus Abhörprotokollen der tschechischen Polizei geht zum Beispiel hervor, dass Mrazek den einstigen Star der konservativen Bürgerdemokraten, Vlastimil Tlusty, mit zwei Millionen Kronen für seine Dienste belohnen wollte. Tlusty hat bis heute noch nicht erklärt, woher genau er die zwei Millionen Kronen für den Ausbau seiner Villa genommen hat.

Auch der konservative Innenminister Ivan Langer geriet jüngst in Erklärungsnotstand. Lange hat in den 90er Jahren seine politischen Beziehungen genutzt, um Lobbyarbeit für einen Bauunternehmer zu betreiben, der mit Mrazek klüngelte. Die Fangarme des Paten reichten aber auch auf die linke Seite des politischen Spektrums. Die überaus guten Beziehungen Mrazeks zum Berater des damaligen tschechischen Ministerpräsidenten Milos Zeman öffneten ihm Ende der 90er Jahre die Tore direkt ins Amt des Regierungschefs. So weit in die Korridore der Macht hat es bisher keine Unterwelt-Größe mehr gebracht.

Auch Bohumir Duricko, der mit einer geladenen Pistole zu einer Lesung von Jiri Paroubek erschienen ist, hat die hohe Politik hofiert. Das einst innige Verhältnis zu Paroubek ist abgekühlt, seit vor drei Jahren ans Licht kam, dass Duricko noch 1989 mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet hatte. Dennoch sponsert Duricko ein Magazin, das Paroubek über seine "Willi Brandt und Bruno Kreisky Stiftung" herausgibt. Aber auch die regierende Bürgerpartei (ODS) durfte sich an der Großzügigkeit des Hoteliers erfreuen. Mindestens eine halbe Million Kronen (20.000 Euro) an Spendengeldern hat die ODS Duricko zu verdanken.

Jiri Paroubek hat den Vorfall in der "Monarch"-Bar unterdessen als "familiäre und menschliche Tragödie" bezeichnet. Der Mord, so der Ex-Premier und nunmehrige Oppositionsführer, habe aber nichts mit Politik oder dem Programm der Sozialdemokraten zu tun. Paroubek bestritt zudem, dass der Tatverdächtige ein Freund von ihm sei. Er kenne Duricko zwar seit neun Jahren, habe ihn jedoch lediglich bei gesellschaftlichen Anlässen getroffen.