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Todfeind der Türkei, Herr über 5000 Kämpfer

Von Susanne Güsten

Europaarchiv

Militärchef Murat Karayilan ist der starke Mann der PKK. | Istanbul. Für die Türkei personifiziert er die Bedrohung durch die kurdische Terrororganisation PKK, für seine Anhänger ist er ein Freiheitskämpfer: Murat Karayilan ist militärischer Chef der PKK und seit der Festnahme von PKK-Gründer Abdullah Öcalan vor acht Jahren der starke Mann bei den Kurdenrebellen. Der aus dem südostanatolischen Sanliurfa stammende Karayilan gilt als Hardliner. In seinem Hauptquartier in den nordirakischen Kandil-Bergen sehnt Karayilan eine türkische Militärintervention im Irak geradezu herbei: Eine Invasion würde den Zusammenhalt der Kurden stärken, hofft der Mittfünfziger. Für Ankara würde eine Intervention dagegen zu einem "Vietnam" werden, sagt Karayilan voraus.


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Karayilan, der in der PKK den Kampfnamen "Cemal" trägt, schloss sich 1979 der PKK an, die ein Jahr zuvor von dem ebenfalls aus Sanliurfa stammenden Öcalan gegründet worden war. Seit dem Beginn des bewaffneten PKK-Kampfes spielt Karayilan eine wichtige Rolle in der Organisation, in der er lange Zeit aber nicht unumstritten war. So sagten ihm PKK-interne Kritiker nach, er verstehe weder viel von Politik noch von militärischen Dingen. Öcalan selbst warf Karayilan vor, den Tod vieler PKK-Kämpfer verschuldet zu haben.

Als einer der prominentesten PKK-Funktionäre ist Karayilanständig auf der Flucht - meistens vor dem türkischen Militär, aber oft genug auch vor anderen PKK-Mitgliedern. Kurz nach Öcalans Festnahme 1999 reiste Karayilan in die Niederlande und stellte einen Asylantrag.

Intern umstritten

Damals waren tiefe Risse in der Führungsriege der PKK aufgebrochen: Karayilan stand Öcalans Forderung, die PKK solle die Kämpfe gegen die Türkei einstellen, sehr skeptisch gegenüber. Nach seinem gescheiterten Asylverfahren in den Niederlanden kehrte Karayilan schließlich wieder in die Berge des Nordirak zurück, wo die PKK-Führung bis heute vor dem Zugriff der Türken relativ sicher ist.

In den vergangenen Jahren lieferte sich Karayilan - sein Name bedeutet "Schwarze Schlange" - nach Aussagen von PKK-Dissidenten einen blutigen Machtkampf mit anderen Rebellen-Anführern, bei dem mehrere Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Zugleich baute Karayilan die militärischen Fähigkeiten der PKK weiter aus. Die Rebellen versorgten sich im Irak mit Plastiksprengstoff für Anschläge in der Türkei und schauten sich auch Kampftaktiken von den irakischen Aufständischen ab: Inzwischen verübt die PKK viele ihrer Angriffe mit Hilfe von ferngesteuerten Sprengsätzen am Straßenrand. Auch soll die Terrorgruppe "Freiheitsfalken Kurdistans" (TAK), die mit Anschlägen gegen Urlauber in der Westtürkei von sich reden machen, Karayilan persönlich unterstehen. Die PKK bestreitet dies allerdings.

Auch wenn sich Karayilan PKK-intern inzwischen mit seiner Linie durchgesetzt hat, sind die Grabenkämpfe in der Rebellenorganisation möglicherweise noch nicht überwunden. Erst im vergangenen Jahr wurden Karayilan Pläne für eine Flucht nach Schweden oder in die Schweiz nachgesagt. Einigen Berichten zufolge wurde Karayilan vor wenigen Monaten bei einem Attentat von Gegnern innerhalb der PKK-Führung verletzt; laut einer anderen Version zog er sich die Verletzungen beim Beschuss des nordirakischen PKK-Hauptquartiers durch iranische Artillerie zu. Karayilan soll in Bagdad behandelt worden sein.

Inzwischen steht Karayilan wieder an der Spitze seiner Truppen, die 3000 bis 5000 Kämpfer stark sind. Die Türkei sieht in ihm einen Hauptverantwortlichen für die jüngste Eskalation der PKK-Anschläge in Südostanatolien und fordert vom Irak seine Festnahme.

Hintergrund

Dossier: Die Türkei und Kurdistan