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Tödlich oder lebensspendend?

Von Petra Tempfer

Wissen
Die Hitzigkeit der Sonne, aus der Nähe betrachtet.
© NASA

Die Einen warnen vor zu viel Sonnenlicht, die Anderen behaupten genau das Gegenteil.


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Wien. Falten und Hautkrebs: Das blüht all jenen, die zu lange ungeschützt in der Sonne sind - sagen die Einen. Deren Meinung ist daher, nur eingecremt oder am besten gar nicht in die Sonne zu gehen. Völlig falsch, sagen die Anderen. Die Sonne sei ausschlaggebend dafür, dass der Körper Vitamin D bilden kann, das krebshemmend wirkt, die Kollagenfasern der Haut stärkt und damit der Faltenbildung vorbeugt, sowie das Immunsystem stärkt. Vitamin D ist darüber hinaus auch für die Aufnahme von Kalzium im Körper notwendig. Grubenarbeiter litten daher oft an Rachitis.

"Die Gefahren der Sonnenstrahlen werden noch immer unterschätzt", heißt es dazu vom Hauttumorzentrum an der Charité Berlin. Die Zahl der Hautkrebserkrankungen steige jährlich um fünf bis sieben Prozent. Grund dafür sei, dass die Menschen sich nicht ausreichend vor der UV-Strahlung der Sonne schützten.

Krebshemmendes Vitamin D

Mit den Hautkrebserkrankungen sind sowohl der weiße, als auch der schwarze Hautkrebs gemeint. Der Unterschied: Der weniger bekannte weiße Hautkrebs tritt meistens an exponierten Stellen wie dem Gesicht auf. Er bildet selten Metastasen. Sein schwarzes Pendant ist um vieles gefürchteter, weil er für die meisten Todesfälle durch Hautkrebs verantwortlich ist. Er tritt oft an versteckten Stellen wie etwa auf der Fußsohle auf. Metastasen zum Beispiel in Lymphknoten sind möglich.

Dass man die Sonne daher meiden sollte, glaubt Jörg Spitz, Facharzt für Nuklearmedizin, Ernährungs- und Präventionsmedizin, allerdings nicht. Ganz im Gegenteil. Seiner Ansicht nach erhöhen all jene, die ungeschützt und ungehemmt in die Sonne gehen, ihre Chance auf ein längeres Leben. "Das Verhalten, nicht in die Sonne zu gehen, ist grundlegend falsch", sagt er zur "Wiener Zeitung". Der Grund dafür sei Vitamin D, das als Schutzhormon gegen sämtliche Krebsarten die bösartigen Tumorzellen nicht wachsen lasse. "Alle Zellen im Körper brauchen Vitamin D, um ihre Steuerung korrekt auszuführen", so Spitz, "es kann aber nur unter Einwirkung der für den Menschen nicht sichtbaren UV-Strahlen entstehen." Vitamin D trägt also fälschlicherweise die Bezeichnung Vitamin, denn ein echtes Vitamin kann der Körper für gewöhnlich nicht selbst herstellen. In Wahrheit ist es die Vorstufe eines Hormons.

"Wer einen Mangel an Vitamin D hat, hat ein zwei- bis dreimal höheres Risiko, ein Prostatakarzinom oder Darmkrebs zu bekommen", meint Spitz. Und einen Mangel habe fast jeder. Denn die Vitamin-D-Produktion funktioniere nur von April bis September zwischen zehn und 15 Uhr - also dann, wenn der Schatten kleiner als die tatsächliche Körpergröße ist. Am effektivsten ist es laut Spitz, "wenn man sich weitgehend entblößt und keine Sonnencreme verwendet". Denn: "Der liebe Gott hat uns mit zwei Quadratmeter Sonnensegel ausgestattet, damit wir die Sonne nutzen. Die Sonne ist der Quell allen Lebens."

Der Mensch, ein "Grottenolm"

Die Menschen hätten sich aber in eine völlig verkehrte Richtung entwickelt. Sie seien "zu Grottenolmen geworden", die die meiste Zeit in geschlossenen Räumen verbringen. Selbst die Kinder lasse man im Sommer nur noch in langärmeliger Kleidung und mit einer dicken Schicht Sonnencreme auf der Haut im Freien spielen - die Voraussetzungen für einen notorischen Vitamin-D-Mangel. Allein Kinder bis zu einem Jahr hätten genug Vitamin D, weil es üblich ist, dass ihnen der Kinderarzt Tropfen mit Vitamin D verschreibt. Auch Erwachsene sollten es in Tablettenform zu sich nehmen, rät Spitz, und regelmäßig ihren Vitamin-D-Spiegel im Blut untersuchen lassen. Denn allein durch die Nahrung werde der Bedarf nicht gedeckt. Vitamin D ist zum Beispiel in Lebertran, Aal und Hering enthalten.

Günther Sejkora, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Licht in Dornbirn, relativiert. Ob sich Sonnenlicht positiv oder negativ auf einen Menschen auswirkt, sei "ein komplizierter Regelkreislauf, die Summe psychologischer und physiologischer Faktoren". Für viele unmittelbar spürbar sei ein ganz anderer Effekt der Sonne: Bei hoher Sonneneinstrahlung kann der Körper mehr Serotonin bilden - ein Botenstoff, der auch "Glückshormon" genannt wird. Eine Studie der MedUni Wien hat ergeben, dass die Suizidhäufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert.

"Aktivierendes Licht" im Flieger

Sonne macht aber nicht nur glücklich. Sie steuert auch unsere innere Uhr, indem der Körper durch sie Melatonin bilden kann: Ein Hormon, das unseren Tag/Nacht-Rhythmus überwacht und auch "Schlafhormon" genannt wird. Damit die innere Uhr älterer Menschen besser funktioniert, passte Sejkora im Zuge eines Projektes in Wiener Altersheimen die Innenbeleuchtung dem Rhythmus der Sonnen an. Mit dem Effekt, dass unruhige Bewohner in der Nacht tiefer schliefen und untertags aktiver waren.

Achim Leder von der Bergischen Universität Wuppertal in Deutschland kreierte ein ähnliches Lichtprojekt gemeinsam mit dem Flugzeughersteller "Airbus". Er installierte ein "aktivierendes Licht" bei Langstreckenflügen, dessen Lichtintensität und -farbe dem Tagesverlauf des Sonnenlichts angepasst sind. Dadurch können Passagiere Zeitzonen besser überspringen.

Derzeit gäbe es jedenfalls genug an natürlichem Sonnenlicht. Die Wettervorhersage für die nächsten Tage prophezeit wieder Badewetter - ob es einen nun freut oder man auf eine baldige, nächste Regenperiode hofft.

"Vitamin D - Das Sonnenhormon für unsere Gesundheit und der Schlüssel zur Prävention" von Dr. med. Jörg Spitz