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Too big to close

Von Ronald Schönhuber

Politik
Kindheit im Lager: In Dadaab leben knapp 600.000 Menschen.
© reu

Analyse: Als Reaktion auf den Al-Shabaab-Terror droht Kenia das größte Flüchtlingslager der Welt zu schließen. Doch Dadaab wird in jedem Fall bleiben.


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Dadaab/Wien. Dass es so viele sein sollen, kann man sich zunächst einmal nicht vorstellen. Gerade einmal drei bis vier Dutzend der behelfsmäßig geflickten Zelte stehen auf der kleinen Lichtung, der Blick weiter in die Ferne wird von der knorrigen Vegetation der kenianischen Dornbusch-Savanne verstellt. Doch solche Plätze gibt es in Dadaab hunderte, wenn nicht tausende. Knapp 600.000 Menschen leben hier unter teils erbärmlichen Bedingungen, die Kleider am Leib und ein paar Schüsseln und verbeulte Töpfe sind oft der einzige Besitz.

Dadaab ist nicht nur das größte Flüchtlingslager der Welt, sondern mittlerweile auch die drittgrößte Stadt Kenias. Dadaab ist aber auch ein gefährlicher Ort. Die meisten Menschen, die über die knapp 100 Kilometer entfernte Grenze hierher kamen, sind entweder vor den Wirren des Bürgerkrieges in Somalia geflohen oder vor der großen Hungersnot des Jahres 2011. Doch mit den Flüchtlingskolonnen sickern immer wieder auch Kämpfer der radikalislamistischen Al-Shabaab, die in Somalia für einen Gottesstaat kämpfen, nach Kenia ein.

Erst einmal im Land können sich die Milizionäre relativ frei bewegen, auf dem Radar der kenianischen Behörden tauchen sie in vielen Fällen erst dann auf, wenn es schon zu spät ist. Wie beim Terroranschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum mit knapp 70 Toten im Jahr 2013 oder wie beim Massaker an der Uni von Garissa mit mehr als 150 Toten vor knapp einer Woche. Die beiden Anschläge, mit denen die Islamisten Vergeltung für den Einsatz kenianischer Truppen in Somalia üben wollten, sind aber nur die Spitze des Eisberges. Immer wieder kommt es zur kleineren Attentaten durch Al-Shabaab-Kämpfer.

Auf diese Bedrohungslage hat die stärkste ostafrikanische Volkswirtschaft lange Zeit keine Antwort gefunden. Seit diesem Wochenende gibt eine solche zumindest für den kenianischen Vizepräsidenten William Ruto: Binnen drei Monate soll das UNHCR Dadaab dichtmachen und die dort lebenden Menschen nach Somalia bringen. Sollte das UN-Flüchtlingshochkommissariat sich weigern, werde Kenia die Flüchtlinge selbst übersiedeln.

Rutos Drohung ist in erster Linie eines: eine Drohung. Denn schon allein ein Blick auf die Ausgangslage reicht, um zu erkennen, dass sich ein derartiges Umsiedlungsprojekt nicht realisieren lässt. Beim Anschlag auf die Uni von Garissa hatten die kenianischen Behörden bereits die größte Mühe, eine kleine Anti-Terror-Einheit zeitnah von Nairobi in die ostkenianische Provinzhauptstadt zu verlegen. Bei der Umsiedlung von 600.000 Menschen gebe es viel gewaltigere logistische Aufgaben zu lösen. So gibt es in der Grenzregion kaum Infrastruktur und die Straßen sind schlecht bis nicht vorhanden. Auch genügend Busse aufzustellen, dürfte Kenia schwerfallen. Und dass das Land unter den Augen der Weltöffentlichkeit ausgezehrte Flüchtlinge tagelang durch die Wüste treibt, ist wohl ausgeschlossen.

Dass Ruto dennoch öffentlich die Übersiedelung fordert, hat aber nicht nur damit zu tun, dass die Regierung den Kenianern mit dieser vermeintlichen Beruhigungspille Entschlossenheit und Stärke signalisieren will. Es ist auch ein Ruf nach internationaler Wahrnehmung. Als im Jänner 2015 zwölf Menschen bei einem islamistischen Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" starben, kamen die empathischen Beileidsbekundungen aus aller Welt. "Je suis Charlie" wurde binnen weniger Stunden zur globalen Ansage gegen Terror und Fundamentalismus. "Je suis Garissa" hat es dagegen nicht zum viel geteilten Social-Media-Event gebracht.