Zum Hauptinhalt springen

Top-Forschung jenseits des Ozeans

Von Eva Stanzl

Wissen
Die Biochemikerin Isabella Rauch ist eine der Ascina-Award-Gewinner.
© Scott Mason

Vom Müll bis zum Spiegelbild: Forschungspreise für heimische Wissenschafter in den USA.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Austin. Durch den Konferenzraum weht der Wind der Erneuerung. Rund 130 österreichische Forscher, die in den USA ihre Träume verwirklichen können, entfachen ihn. Sie sind nach Texas gekommen, um sich auszutauschen, lauschen Vorträgen, informieren sich über neue berufliche Möglichkeiten und erklären einander ihre Arbeitsgebiete anhand von bunt illustrierten Postern, die sie an den Wänden präsentieren.

"Als ich nach Amerika kam, hatte ich gar nicht vor, mich mit Österreichern zu vernetzen. Aber es herrscht lebhafter Kontakt und die Jahrestagung ist sehr nützlich", sagt die in Wien geborene Physikerin Sandra Eibenberger über den "Austrian Research and Innovation Talk", der vergangenes Wochenende in der texanischen Hauptstadt Austin über die Bühne ging.

Sandra Eibenberger studierte Physik an der Universität Wien und arbeitet derzeit als Post-Doctoral Research Fellow am Department für Physik der Universität Harvard.

Die Kraft der Moleküle

Sie verbreitet einen Optimismus, der in Amerika tätigen Forscherinnen Eigen zu sein scheint: Alles ist möglich. Und tatsächlich: Die 34-Jährige wurde bei dem Treffen mit einem von drei "Ascina"-Awards ausgezeichnet. Mit seinen Preisen würdigt das vor 15 Jahren gegründete und heute 1700 Mitglieder zählende Netzwerk österreichischer Forscher in Nordamerika (Ascina, Austrian Scientists and Scholars in North America) exzellente Grundlagenforschung heimischer Talente in den USA. Die Preisträger beginnen ihre Karrieren in Österreich und arbeiten danach an nordamerikanischen Forschungsinstitutionen.

Woran forschen sie? Eibenberger, die in der Kategorie "Young Scientist" ausgezeichnet wurde, untersucht die Chiralität von Molekülen. Sie erläutert: "Diese Moleküle liegen in zwei spiegelbildlichen Formen vor." Das heißt: Die beiden Versionen sind gegengleich. Dadurch haben sie unterschiedliche Funktionen. Etwa können sie anders riechen: Bestimmte Typen von Pfefferminz und Kümmel sind zum Beispiel Spiegelbilder eines chiralen Moleküls.

Dramatischer verlief der Contergan-Skandal. Dass ein während der Schwangerschaft eingenommenes Schlafmittel starke Missbildungen bei Kindern hervorrief, geht auf ein falsches Chiral zurück. "Wir können ausgewählte Moleküle in eine bestimmte Rotation versetzen. Dadurch nehmen sie eine gewünschte Funktion an", so Eibenberger. Die Erkenntnisse könnten die Entwicklung neuer Medikamente ermöglichen.

Wie unterscheidet das Immunsystem eigentlich zwischen guten und bösen Bakterien? Und woher weiß es, wann es zuschlagen soll? Diese Fragen will Isabella Rauch beantworten. Sie untersucht den Wirkmechanismus eines Immunosoms des Magen-Darm Trakts, das in der Darmschleimhaut eine zentrale Rolle im Heilungsprozess nach Infektionen spielt. Immunosome sind Sensor-Moleküle im Zellinneren, die auf den Plan springen, wenn Viren oder Bakterien die Zellen befallen.

Waste is Information

"Sie verdrängen die infizierten Zellen. Damit dabei ja nichts schief gehen kann, haben die Sensor-Moleküle eine Sicherungskopie", erklärt Isabella Rauch: "Daher übersteht der Mensch zahlreiche Infektionen, ohne es überhaupt zu merken." Die Forscherin absolvierte ihr Doktorat für Biochemie und Molekulare Biologie an der Universität Salzburg und übersiedelte nach einem Aufenthalt an den Max-Perutz Laboratories der Universität Wien im Jahr 2013 für eine Post-Doc-Stelle an die University of California in Berkeley. Auch sie erhielt einen "Young Scientist"-Award.

Für sein Buch "Waste is Information" bekam Dietmar Offenhuber den Hauptpreis "Junior Principal Investigator". Nach einem Architekturstudium an der Technischen Universität Wien und einer Lehrtätigkeit an der Fachhochschule Hagenberg und der Kunstuni Linz absolvierte er ein Doktorat im Fach Stadtplanung am Massachusetts Institute of Technology.

Heute ist Offenhuber Assistant Professor für Kunst, Design und Public Policy an der Northeastern University in Boston, Massachusetts. Er ist der Ansicht, dass Hausmüll wertvolle Informationen über die Menschen und ihre Strukturen liefert. "In den letzten zehn Jahren habe ich gelernt, Abfall zu lieben. Ich gehe zu Konferenzen und rede Mist", scherzte er bei der Preisverleihung.

Der 44-Jährige und ein Team von 200 Freiwilligen haben Hausmüll mit 3000 Sendern versehen, um herauszufinden, wohin und wie weit Müll sich bewegt. Freilich gebe es Länder wie Österreich, in denen die Müllsysteme gut nachvollziehbar funktionieren, räumt er ein. Und dennoch existieren auch hier Produkte, deren Entsorgung Zeit, Ressourcen und Geld verschwenden. "Elektromüll reist am weitesten. Wir haben Stücke zurückverfolgt, die um die ganze Welt transportiert werden, bevor sie endlich zur Entsorgung kommen." Abfall sei auch ein Geschäft: Etwa kaufe China Karton- und Plastikmüll von den USA, um sie zu recyceln. Gleichermaßen sei das Recycling in China für die USA günstiger. "Müllentsorgungssysteme sind an sich unsichtbar. Wenn wir die komplexe Müll-Infrastruktur nachverfolgen, gibt uns das Aufschlüsse darüber, wie sich die Gesellschaft organisiert", betont Offenhuber.

Rückkehr nach Hause

Der vom Office of Science and Technology veranstaltete Science Talk wird auch von Vertretern der heimischen Forschungsszene besucht, um Spitzenforschern eine Rückkehr nach Hause zu ermöglichen. Wird die Gelegenheit wahrgenommen? Offenhuber könnte sich eine Rückkehr vorstellen, "wenn ich eine entsprechende Stelle bekäme". Auch Eibenberger ist dafür offen. "Kommendes Jahr nähere ich mich insofern, als dass ich Gruppenleiterin am Max Planck-Institut in Berlin werde. Von dort ist es nicht weit nach Hause", räumt sie ein.

Die Ascina-Awards werden vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft mit einem Preisgeld von 10.000 Euro und zwei Mal 7500 Euro dotiert und vom Netzwerk ausgeschrieben. Der Wissenschaftsfonds FWF wählt die Preisträger. Die "Wiener Zeitung" besuchte den "Austrian Research and Innovation Talk" auf Einladung des Rats für Forschung und Technologieentwicklung.