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Totenmessen - Stimmung vor Detroit Autoshow

Von Roland Freund

Wirtschaft

Hersteller fahren bei der Automesse auf Sparkurs. | Detroit. (dpa) Wer den dramatischen Niedergang der US-Autoindustrie mit eigenen Augen sehen will, muss nach Detroit fahren. Die Stadt im Nordosten der USA an der Grenze zu Kanada ist seit Amerikas automobilen Anfängen das Wahrzeichen der Branche. Heute spiegelt ihr erschütternder Verfall die schwere Not von General Motors (GM), Ford und Chrysler wider. Die einstigen "Big Three" haben alle drei ihren Konzernsitz in der Region. Und angesichts einer Talfahrt der gesamten Autobranche weltweit droht der am kommenden Sonntag startenden legendären Autoshow in Detroit eine Stimmung wie bei einer Totenmesse.


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Schon lange laufen Detroit die Einwohner fast so schnell davon wie derzeit die US-Autoabsatzzahlen sinken. Seit den Boomzeiten Anfang der 50er Jahre mit mehr als 1,8 Millionen Bürgern schrumpfte die kurz "Motown" genannte Autostadt um rund die Hälfte. Mit einer Arbeitslosenquote von über zehn Prozent zählt Detroit landesweit zu den Schlusslichtern.

Vor rund 100 Jahren startete Henry Ford hier mit der Fließband-Produktion seines liebevoll "Tin Lizzy" (Blechliesl) genannten Model-T eine verheißungsvolle automobile Zukunft. Heute sind viele von Detroits einstigen Fabrik-Ikonen rostige Ruinen - verfallen wie die Art-Deco-Wolkenkratzer, prunkvollen Kaufhäuser, Kinos und Opernhäuser aus besseren Zeiten. Riesige Brachflächen klaffen mitten in der Stadt. Mittendrin bilanziert die Opel-Mutter GM in ihren prunkvollen Glasfassaden-Türmen des Detroit Renaissance-Center seit Jahren Milliardenverluste. Auch die Nummer zwei Ford ist tiefrot, aber vom Abgrund laut Experten noch etwas weiter entfernt als GM und der kleinste US-Hersteller Chrysler.

Detroits "Big Three" haben in mehreren Wellen über Jahre hinweg schon Hunderttausende Jobs abgebaut. Heute arbeiten noch rund 240.000 Beschäftigte in etwa 100 Fabriken - und die Talfahrt wird schneller: GM meldete für 2008 die schlechtesten Verkaufszahlen seit 50 Jahren. Allein im Dezember brach der Absatz bei GM und Ford um mehr als 30 Prozent ein - bei Chrysler gar um mehr als 50 Prozent.

Insgesamt wurden in den USA 2008 um drei Millionen Autos weniger gekauft als 2007, der Marktanteil der drei aus Detroit fiel unter 50 Prozent.

GM und Chrysler hängen derzeit am Tropf milliardenschwerer Überbrückungskredite des Staates. Ohne die Finanzspritze hätten die zwei die Detroit Autoshow womöglich im Insolvenzverfahren erlebt. Bis Ende März müssen sie laut Regierung "ihre Überlebensfähigkeit beweisen" - sprich: nochmals massiv kürzen, auch bei der Belegschaft.

Detroit droht inzwischen der nächste Nackenschlag. Wegen der Krise fahren fast alle Aussteller zur Messe in diesem Jahr mit angezogener Handbremse: Kleinere Stände, weniger Shows und Promis. GM lässt auf seinen Messeflächen statt teuren Parketts nur Teppich verlegen. Chrysler, BMW und andere verzichten auf noble Besucher-Lounges.

Der drittgrößte japanische Hersteller Nissan kommt gleich gar nicht mehr, auch Mitsubishi, Suzuki, Land Rover, Ferrari, Porsche und Rolls Royce verzichten. Statt einer halben Milliarde Dollar wie noch im prunkvoll und selbstbewusst zelebrierten Vorjahr werden die Betriebe der Stadt mit der Automesse heuer wohl kaum die Hälfte umsetzen.