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"Toter-Mann" als Konzept

Von Reinhard Göweil

Leitartikel

Seit einer Woche scheinen die EU-Verantwortlichen ein neues Konzept zur Bewältigung der Euro-Krise zu haben: Sie wird totgeschwiegen. Auf Marktturbulenzen oder italienische Staatsanleihen reagiert niemand mehr.


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Die Europäische Zentralbank absolvierte am Donnerstag eine mit großen Erwartungen begleitete Sitzung - als ob nichts wäre. Der Zinssatz bleibt niedrig, die Banken würden weiterhin mit Liquidität versorgt, Guten Tag noch.

Jenseits des Atlantiks wird die Nervosität stärker artikuliert. Die USA erklärten, sie würden bereit stehen und über den Internationalen Währungsfonds im Ernstfall auch mehr Geld für die Eurozone lockermachen wollen. Der Chef dieses Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, tourt gerade durch Asien und lässt von dort ausrichten, die Situation in Europa sei "ernst".

Nun, Faktum ist: Seitdem in der EU alle so tun, als existiere das Problem nicht, ist der Euro nicht weiter gefallen, die Aktienmärkte sind sogar gestiegen. Ist also die Schuldenkrise vorbei? Mitnichten.

Aber die vergangenen paar Tage haben recht gut gezeigt, dass die Märkte mehr mit Psychologie zu tun haben als mit harten Fakten. Vielleicht ist dieser Verdrängungsmechanismus daher gar nicht so schlecht. Auch im Tierreich gibt es dieses Phänomen: Sich tot zu stellen bewahrt so manches Tier davor, gefressen zu werden.

Die Gefahr eines solchen Konzeptes besteht allerdings darin, dass Regierungen dazu verleitet werden könnten, auf den eigenen Schmäh reinzufallen - und zu denken, es sei alles wieder in Ordnung. ÖGB-Präsident Erich Foglar sprach es in Brüssel aus: Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der EU müssen beseitigt werden, sonst gibt es aus der Schuldenfalle kein Entrinnen. Auch die Frage, wer die Zeche bezahlt, ist unbeantwortet.

Die kurze Verschnaufpause muss daher genutzt werden, um die EU europäischer zu machen. In der jetzigen Struktur ist dies kaum möglich. Verschärfung des Stabilitätspaktes und technische Details zu den künftigen Euroanleihen beseitigen das Problem nicht. Und das ist die Kehrseite der Psychologie der Märkte: Wenn es wieder runter geht, dann ohne Maß und Ziel. Noch eine Panik hält die Eurozone aber mit Sicherheit nicht aus, viele Länder sind jetzt schon am Anschlag.