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Touristiker bangen um Gäste aus China

Von Sophia Freynschlag

Wirtschaft
mozie, Fotos: fotolia/Tahn Chai-a-ya (1), mizar_21984 (1), dell (1)

Verschärfte Visa-Regeln ab Oktober könnten dem Hoffnungsmarkt China einen Dämpfer verpassen: Künftig müssen Chinesen für das Visum Fingerabdrücke und Fotos abgeben - Touristiker fürchten, dass Urlauber auf andere Reiseziele ausweichen.


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Wien. Die Chinesen gelten als Hoffnungsmarkt für den heimischen Tourismus. Doch das rasche Wachstum der Gästezahlen könnte bald zu Ende sein. Denn eine EU-Verordnung schreibt die Einführung von biometrischen Visa vor - Reisende aus Drittstaaten müssen dann zehn Fingerabdrücke abgeben und ein Porträtfoto machen lassen, bevor sie in Schengenstaaten einreisen. Das Visum muss persönlich im Heimatland bei einer Vertretung des Ziellandes beantragt werden.

Für Reisende aus China soll das Visa-Informationssystem (VIS) mit 12. Oktober 2015 in Kraft treten. Wird das Visa-Regime verschärft, muss man laut der nationalen Tourismus-Marketingorganisation Österreich Werbung (ÖW) davon ausgehen, dass das Wachstum bei chinesischen Reisenden gedämpft wird. "Rückgänge könnten dann vor allem den Gruppenbereich treffen, da hier der Reiseveranstalter bislang die Besorgung der Visa zentral übernommen hat - der Reisende musste selbst nicht persönlich vorsprechen - und Reisende nun gegebenenfalls lange Anreisen zu den jeweiligen Annahmestellen in Kauf nehmen müssten", sagt ÖW-Sprecherin Ulrike Rauch-Keschmann.

Visa-Richtlinien sollen Terrorattacken verhindern

Der Anteil asiatischer Gäste könnte sich laut ÖW-Prognosen bis 2020 von derzeit vier auf sieben Prozent erhöhen. Die ÖW befürchtet nun allerdings, dass potenzielle Europa-Urlauber aus China auf Reiseziele mit weniger strengen Visa-Regimes ausweichen, und nennt hier Südostasien, die USA und Australien als mögliche alternative Destinationen.

Das neue Visa-Informationssystem sei "aufwendiger, aber sicherer", sagt Martin Weiss, Sprecher des Außenministeriums. Biometrische Visa sollen unter anderem Missbrauch und Terrorattacken verhindern und bei der Verbrechensaufklärung helfen.

Die Visa-Stellen für Österreich in China liegen hunderte, meist sogar tausende Kilometer auseinander. Visa für Österreich werden in China von den Vertretungen in Peking und Shanghai ausgestellt, ebenso von der ungarischen Vertretung in Chongqing. Daneben existiert eine externe Annahmestelle in Guangzhou.

Die ÖW befürchtet, dass künftig nur zwei der vier Stellen - in Peking und Shanghai - biometrische Visa ausstellen. Dem ist offenbar nicht so: Alle vier Stellen sollen künftig biometrische Visa ausstellen, bis Oktober werde die Hardware umgestellt, sagt Weiss auf Anfrage. Weitere externe Annahmestellen erlaubt die Volksrepublik China laut dem Sprecher des Außenministeriums nicht. Es gebe aber Gespräche über eine eventuelle Ausweitung.

Die ÖW wünscht sich eine stärkere Zusammenarbeit mit anderen Ländern und/oder Institutionen. Auch die Tourismus-Sparte in der Wirtschaftskammer Österreich setzt sich für eine möglichst einfache Abwicklung der Visa-Beantragung ein, sagt Spartengeschäftsführer Rainer Ribing.

Wie stark sich die verschärften Visa-Bestimmungen auswirken, lässt sich laut ÖW derzeit nicht seriös beziffern. Im Vorjahr sind die Nächtigungen von Chinesen gegenüber dem Jahr zuvor um 15 Prozent auf 680.000 gestiegen. Die Gästezahl nahm um fast 22 Prozent auf 500.000 zu. 94 Prozent der Urlauber aus China in Österreich stammen aus einer Großstadt oder einer städtischen Umgebung, vor allem aus Peking, Shanghai, Guangzhou, Shengzhen und Chengdu (Sichuan).

Chinesen bleiben nur kurz, geben aber viel aus

Das VIS-System wird seit Oktober 2011 umgesetzt, im November soll die Umstellung für alle Regionen abgeschlossen sein, heißt es von der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich. Für Touristen aus dem arabischen Raum ist das biometrische Visum seit 2012 Voraussetzung. "Auf die Tourismusströme hatte die Einführung keine Auswirkung", sagt Weiss. Ankünfte und Nächtigungen sind in den vergangenen drei Jahren weiter gestiegen.

Während Araber meist mit ihrer (Groß-)Familie nach Österreich reisen, kommt die Mehrheit der Chinesen - auch aufgrund der Sprachbarriere - nach wie vor in Reisegruppen. Dass Österreich derzeit oft ein Stopp auf einer Europa-Rundreise ist, zeigt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 1,4 Nächten. Trotz dieser kurzen Aufenthaltsdauer sind Chinesen begehrte Gäste: Sie steigen überwiegend in Vier- und Fünf-Stern-Hotels ab, und Einkaufen steht bei den meisten Chinesen fix auf dem Programm - etwa in den Swarovski Kristallwelten in Wattens (Tirol) oder in Wien. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Ausgaben der chinesischen Touristen in Österreich mehr als versiebenfacht - besonders beliebt sind Luxusmarken. Die Chinesen sind weltweit Shoppingweltmeister und werden auch in Österreich bald die Russen als Einkaufsnation Nummer eins ablösen, erwartet der Mehrwertsteuerrückerstatter Global Blue. Im Vorjahr sorgten die Chinesen für 24,1 Prozent der Tax-Free-Ausgaben, die Russen für 24,5 Prozent.

Auch für Russen sind biometrische Visa bald Pflicht

Für Russen sind biometrische Visa ab 14. September 2015 für die Einreise in Schengenstaaten Voraussetzung. Weil Österreich in Russland über 20 Visa-Annahmestellen verfügt, rechnet die ÖW aufgrund der Einführung mit keinem weiteren Rückgang. Insgesamt wird die Zahl russischer Gäste und Nächtigungen heuer laut ÖW - unter gleichbleibenden Rahmenbedingungen - zu 2014 weiter sinken. Die Gästezahl aus Russland geht seit Monaten aufgrund der Sanktionen zwischen der EU und Russland zurück. Im Februar lagen die Nächtigungen von Russen um 51 Prozent unter dem Vorjahresmonat.

Das Visa-Informationssystem (VIS) ist ein System für den Austausch von Visa-Daten zwischen den Schengenstaaten, das Kontrollen an den Außengrenzen erleichtern und die Sicherheit erhöhen soll. Gemäß VIS-Verordnung müssen von Antragstellern aus Drittstaaten Fingerabdrücke und digitale Fotos eingeholt und im VIS-System gespeichert werden. Die Daten können von allen Visa-ausstellenden Behörden in den Schengenstaaten eingesehen werden und werden bei Eintritt in den Schengenraum von der Grenzbehörde gegengeprüft.

Die Antragsteller müssen persönlich bei der Visa-ausstellenden Behörde erscheinen. Die Daten können bei einem neuerlichen Antrag innerhalb von fünf Jahren wiederverwendet werden. Die Umsetzung des VIS-Systems begann im Oktober 2011 für Bürger aus Nordafrika, im November 2015 soll die weltweite Umsetzung abgeschlossen sein.

Das Schengenvisum muss die Vertretungsbehörde jenes Landes ausstellen, in dem sich das Hauptreiseziel befindet. Bei einer Rundreise ist der Schengenstaat der ersten Einreise zuständig.

Visa-Informationssystem