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Traumstrände in Gefahr

Von Andreas Pigl

Sand

Den Stränden geht der Sand aus. Ohne menschliche Hilfe wären viele schon lange verschwunden.


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Wien. Was wäre Miami ohne Strand? Miami Beach ist einer der beliebtesten Urlaubsdestinationen in den USA. Filmstars und Touristen aus aller Welt kommen hierher, um ihre Auszeit zu genießen und sich auf dem traumhaften weißen Strand vor dem türkisblauen Meer zu entspannen. Doch was die wenigsten wissen: Der Sand, auf dem sie liegen, wurde nicht von der Natur, sondern von Menschenhand hergebracht. Der Strand wird schon seit den 80er Jahren regelmäßig mit Tonnen von neuem Sand beschüttet, ansonsten wäre er bereits gänzlich verschwunden. Und mit ihm vermutlich all die Touristen, Sommerpartys und der Lifestyle von Miami.

Damit ist Miami Beach jedoch nicht alleine. Ob in Copacabana in Rio de Janeiro, Waikiki in Hawaii, Mallorca oder Italien - der Großteil der weltweiten Traumstrände wird schon lange künstlich am Leben erhalten. Doch warum verschwindet der Sand von unseren Stränden?

Mensch kappt Sand-Nachschub

Experten schätzen, dass zwischen 75 und 90 Prozent der natürlichen Strände am Verschwinden sind. Die Gründe dafür sind vielseitig. Einerseits ist die Verschiebung von Stränden seit jeher Teil der natürlichen Entwicklung. Stürme, Erosionen und der steigende Meeresspiegel verlagerten schon seit Jahrhunderten die Lage der Strände. Doch durch den Einfluss des Menschen hat sich diese Verlagerung nochmals deutlich beschleunigt.

Vor allem ist der Mensch dafür verantwortlich, dass den Stränden der natürliche Nachschub an Sand abgeschnitten wurde. Bis ein Sandkorn an den Strand gelangt, hat es nämlich schon eine sehr lange Reise zurückgelegt. Sand entsteht großteils in den Bergen. Bäche reißen verwittertes Gestein mit, das Wasser mahlt es dann langsam zu feinen Körnern. Schätzungsweise eine Milliarde Sandkörner entstehen auf diese Art jede Sekunde. Der feinste Sand landet im Fluss-Delta und im Meer, wo es schließlich oft Jahrhunderte braucht, bis er an den Strand gespült wird. Doch heute transportieren viele Flüsse nur noch einen Bruchteil der Sedimente von früher.

Die Rhone in Frankreich und der Ebro in Spanien etwa tragen heute nicht einmal fünf Prozent der Sedimente wie noch 1950. Gründe dafür sind etwa Wehre und Staudämme, die den Sand aufhalten und verhindern, dass er sich absetzen kann. Auch Kanäle und von Beton eingefasste Flüsse sorgen für veränderte Meeresströmungen und somit dafür, dass der Sand nicht mehr am selben Ort landet wie früher.

Der Nachschub wird aber auch auf vielfältige andere Art unterbrochen. Im Badeort Venice in Florida, eine dreistündige Autofahrt von Miami entfernt, wurde in das Meer eine hundert Meter lange Betonmauer gesetzt, die verhindern sollte, dass der Sand die Kanäle der Stadt verstopft. Nun kommt zwar kein Sand mehr in die Kanäle. Es kommt aber auch kaum noch Sand an den für den Tourismus so wichtigen Strand.

In Mallorca wird der Meeresgrund in Küstennähe regelmäßig von Seegras befreit. Dieses ähnelt nämlich Algen und stört viele der Urlaubsgäste beim Badespaß. Doch ähnlich wie die Wurzeln eines Baumes die Erde unter ihm festhalten, hält auch das Seegras den Sand fest und verhindert, dass er abgespült wird. Seitdem das Seegras ausgerissen wurde, wird auch der Sand immer schneller von den Wellen abgetragen und in die Weiten des Meeres gespült.

Das Verschwinden der Strände stellt aber weniger ein ökologisches als ein ökonomisches Problem dar. Viele strandnahe Städte bauen ihren Wohlstand auf dem Tourismus auf. Rund um die Strände wurden Hotelburgen oder teure Appartements erbaut. Doch ohne den Sand vor ihren Füßen sind sie alle so gut wie nichts wert. Da man Hotels jedoch nicht so einfach mit den sich ständig bewegenden Stränden verlagern kann, setzt man vielerorts alles darauf, den Sand dort zu halten, wo er ist. Teilweise auch mit recht kurios anmutenden Maßnahmen.

Striktes Handtuchverbot

Der Gemeinderat von Stintino, einem Badeort an der Nordwestküste Sardiniens, hat etwa erst vor Kurzem ein striktes Strand- und Badehandtuchverbot erlassen. Auch werden die Badenden dazu verpflichtet, sich vor Verlassen des Strandes gründlich die Füße abzuspülen. Wer sich nicht an die neuen Regeln hält, kann mit einer Strafe von 25 bis 1500 Euro rechnen. Der Grund für das strikte Vorgehen: Laut Berechnungen der Universität der Balearen in Mallorca schleppt jeder Badegast unfreiwillig rund 30 Gramm Sand vom Strand mit nach Hause. Was nach einer Kleinigkeit klingt, summiert sich jedoch sehr schnell zu beträchtlichen Mengen, wenn man die Tausenden von täglichen Strandbesuchern bedenkt. Nur in einer Hochsaison verlieren etwa die Strände von Mallorca auf diese Art hochgerechnet dutzende Tonnen an Sand.

Doch selbst wenn alle Badegäste nach dem Strandbesuch sorgfältig ihre Handtücher abklopfen und ihre Füße waschen würden, wären die Strände noch nicht gerettet. Denn der Großteil des Sandes wird nicht von unvorsichtigen Touristen abgetragen, sondern von Meer und Wind. Diese natürlichen Vorgänge lassen sich aber schwer verändern. Hier springt der Mensch ein, um sich gegen die natürlichen Entwicklungen zu stemmen.

Die beliebteste Methode, die Strände mit neuem Sand zu versorgen, lässt sich auf der deutschen Insel Sylt beobachten. "Vorspülung" nennt sich das Verfahren, bei dem riesige Schiffe mit Schläuchen den Sand vom Meeresboden saugen und an die Küste spritzen, wo er von Bulldozern platt gefahren wird. Jährlich erhält der schwindende Strand von Sylt auf diese Art eine Infusion von 1,2 Millionen Kubikmetern neuem Sand, der ihn am Leben erhält. Die Auswirkungen auf das Ökosystem sind dabei weitestgehend unerforscht. Der aufgewirbelte Sand vom Meeresboden färbt das Wasser in Küstennähe trüb und gefährdet große Teile der Meeresfauna, meinen Umweltschützer.

In den USA sind Verfahren zur Stranderhaltung schon lange zur Routine geworden. Virginia Beach etwa ist schon bis zu 50 Mal restauriert worden. Dabei werden jedes Mal tonnenweise LKW-Ladungen mit frischem Sand herangekarrt, um den Strand wieder aufzufüllen. Zwischen 1970 und 2013 hat die US-Regierung insgesamt über 3,7 Milliarden Dollar in insgesamt 469 Strandaufschüttungen investiert. Dass es sich dabei um keine langfristige Lösung handeln kann, ist den Behörden bewusst. Die Restaurationen werden jedes Jahr teurer und auch das Schwinden des Strandes beschleunigt sich. Künstliche Strände erodieren zehn Mal schneller als natürliche. Denn der Sand, der vom Meeresboden geholt wird, ist weitaus runder und feiner und wird deshalb leichter von Wind und Stürmen abgetragen. Auch Wüstensand eignet sich aus denselben Gründen nicht ideal für Tourismusstrände. Doch noch mangelt es an Alternativen. Und noch viel teurer käme es zu stehen, würde man die Strände einfach verschwinden lassen.

Ganzer Strand gestohlen

Wie begehrt der Rohstoff Sand mittlerweile geworden ist, zeigt auch ein Vorfall aus dem Jahr 2008, der die jamaikanische Polizei in Staunen versetzte. Über Nacht wurde hier ein ganzer Strand gestohlen. Mehrere hundert Tonnen Sand wurden vom Coral Spring Beach abtransportiert, ohne dass es jemand mitbekommen hätte. Die Diebe wurden noch immer nicht gefasst, die Polizei ging jedoch davon aus, dass anliegende Urlaubsressorts beteiligt waren. Denn die Aufschüttungen sind für die Ressorts extrem kostspielig. Vor allem aber ist die richtige Art Sand für Badestrände zur Mangelware geworden. Miami etwa überlegt, sich Sand aus den Bahamas importieren zu lassen, um seinen Touristen auch weiterhin ihre Traumvorstellungen vom Sommerurlaub zu erfüllen.

Strände sind heute jedenfalls nicht mehr Erholungsgebiete, die von Natur aus gegeben sind und sich selbständig regenerieren, wenn man sie nur in Ruhe lässt. Vielmehr müssen sie mit sehr viel Aufwand vom Menschen selber erhalten werden. Und dieser Aufwand wächst ständig an. Eine langfristige Strategie für den Erhalt unserer Strände ist noch nicht gefunden.