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Traurige Träumer . . .

Von Manfred A. Schmid

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Die ORF-Zeitgeschichte hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Vor allem, wenn es sich um heikle Fragen handelt, wird entweder großzügig gekürzt - wie zum Beispiel Guido Knopps exzellente "Holokaust"-Doku-Serie - oder man verschiebt den Sendeplatz zur mitternächtlichen Stunde hin: Die ausgezeichnete "Brennpunkt"-Dokumentation "Der blutige Februar 1934" von Andreas Nowak wurde am Mittwoch um 23.15 Uhr in ORF 2 ausgestrahlt. Der attraktivere Sendetermin um 22.30 Uhr blieb wieder einmal einem unverfänglicheren Thema vorbehalten - dem "Traum vom ewigen Leben".

Die Männer und Frauen, die als Zeitzeugen und Akteure auf Seiten der Arbeiterschaft zu den Ereignissen vom Februar 1934 zu Wort kamen, waren ebenfalls Träumer. Sie träumten allerdings nicht vom ewigen, sondern von einem menschenwürdigeren Leben. Und sie waren bereit, für die Verwirklichung dieses Traums auf die Barrikaden zu steigen und die Unterdrückung durch das autoritäre Dollfuß-Regime nicht stillschweigend hinzunehmen. Ihr Aufstand war vergeblich, und es dauerte bis zur Wiederherstellung des demokratischen Österreich 1945, dass der damalige Riss quer durch die Bevölkerung allmählich einigermaßen gekittet werden konnte.

Was in den Köpfen dieser Aktivisten wohl heute vorgeht? Auch davon konnte man sich ein Bild machen. Einer von ihnen nannte einige der schmerzhaften Verluste der sozialdemokratischen Bewegung beim Namen - und schlug jedes Mal fassungslos die Hände über dem Kopf zusammen: Die Einstellung der "Arbeiterzeitung" und das Ende des "Konsum". Traurige, bitter enttäuschte Träumer eben.