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Treichl bleibt Russland vorerst fern

Von Karl Leban und Ingeborg Waldinger

Wirtschaft

Juwel Erste Bank wäre bei feindlicher Übernahme weitgehend ungeschützt. | "Besondere Giftpillen haben wir nicht." | Haftungsverbund neu bis Jahresende wohl im Kasten.


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"Wiener Zeitung": Die Erste Bank gilt als begehrte Braut und wird immer wieder als Übernahmekandidat gehandelt. Welche Giftpillen haben Sie, um eine feindliche Übernahme zu verhindern?

Unsere einzige wirklich effektive Giftpille ist wirtschaftlicher Erfolg. Letztlich basiert unsere wirtschaftliche Selbständigkeit nur darauf, dass wir als Management unter Beweis stellen können, dass wir unseren Aktionären einen guten Ertrag erwirtschaften und es niemanden gibt, der einen wesentlich besseren erwirtschaften kann. Was dabei essenziell ist: Im Rahmen unserer Strategie achten wir darauf, dass der Gesamtkonzern immer wertvoller ist als seine Einzelteile.

Echte Giftpillen haben Sie also in Wirklichkeit nicht?

Besondere Giftpillen haben wir nicht, aber wir haben eine ziemlich attraktive Aktionärsstruktur. Ich halte eine feindliche Übernahme bei uns für extrem schwierig bis unmöglich.

Weil Ihre wichtigsten Aktionäre - Stiftung, Sparkassen, Austria Verein und Mitarbeiter, die zusammen rund 45 Prozent halten - schnell über Zukäufe an der Börse auf eine einfache Mehrheit, 50 Prozent plus eine Aktie, aufstocken könnten?

Das wäre auch eine Möglichkeit. Nur ist es ein Trugschluss zu glauben, dass eine einfache Mehrheit langfristig eine feindliche Übernahme unmöglich macht: Wenn man nicht wirklich gut wirtschaftet, ist es nicht so leicht, dem Druck standzuhalten, selbst wenn man über 50 Prozent kontrolliert. Die Aktionäre, die eine Übernahme verhindern, hätten dann auch mit Klagen der Minderheitsaktionäre zu rechnen. In Österreich gibt es den Glauben, über 50 Prozent sind ein sicherer Hafen. Ich teile ihn nicht ganz. In einem sicheren Hafen soll man auch nicht sein. Druck zu haben, ist sehr gesund.

Ihre Bank ist stark in Osteuropa verankert. Russland gilt generell als Zukunftsmarkt. Raiffeisen und Bank Austria sind dort bereits vertreten, nicht aber die Erste. Warum?

Russland ist ein sehr interessanter Markt. Wir haben uns aber einer Strategie verschrieben: Wir wollen in den Ländern, die neu in der EU sind oder neu in die EU kommen können, einen hohen Marktanteil (zumindest 20 Prozent, Anm.) haben. Wir sind davon überzeugt, dass in diesen Ländern langfristig eine völlig andere Rechtssicherheit gegeben ist. Und das ist uns wichtig.

Könnte Russland für die Erste trotzdem über kurz oder lang ein Thema werden?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir schauen uns Russland an, wir schauen uns die Türkei an, wir schauen uns alles an. Aber wir haben derzeit keine Pläne, in diese Märkte einzusteigen. In unserem bestehenden Markt haben wir genug zu tun - und darauf konzentrieren wir uns. Mit 120 Millionen Menschen ist unser Markt fast so groß wie Russland.

Die Erste ist vor einem Jahr mit dem Kauf der kleinen Bank Prestige in den riesigen ukrainischen Markt eingestiegen. Wenn Sie ihr Ziel eines Marktanteils von 4 bis 5 Prozent bis 2010 schaffen wollen, müssen Sie um ein Vielfaches stärker wachsen als der Markt. Wie soll das in der kurzen Zeit funktionieren?

Ehrlich gestanden, weiß ich das auch nicht. Ich bin aber überzeugt, dass wir das schaffen. Man muss sich ehrgeizige Ziele setzen. Es ist das erste Mal, dass wir so etwas machen. Wir haben ja keine Bank gekauft, sondern nur ein Head Office. Wir bauen eine neue Bank auf. Zur Zeit eröffnen wir eine Filiale pro Woche. Jetzt sind wir bei über 30, zum Jahresende werden es an die 100 sein. Für uns ist das eine völlig neue Erfahrung. Bisher haben wir immer nur Restrukturierungsfälle übernommen - das können wir sehr gut. Ob wir eine Bank auf der grünen Wiese aufbauen können, wissen wir noch nicht.

Welchen Marktanteil halten Sie derzeit in der Ukraine?

Knapp unter ein Prozent.

Die Wiener Städtische hat Interesse an den beiden Versicherungstöchtern der rumänischen BCR, die Sie im Vorjahr für fast 4 Milliarden Euro übernommen haben. Gibt es da bereits Gespräche?

Es gibt keine Gespräche. Wir kümmern uns in Rumänien derzeit um die Bank - und nicht um die Versicherungstöchter, das ist ein Nebenthema für uns. Wir haben in Rumänien ein Lebens- und ein Sachversicherungsgeschäft. Bis jetzt ist und war unsere Strategie, dass wir uns im Sachversicherungsgeschäft nicht als Produzent betätigen wollen. Derzeit sind wir noch nicht soweit, dass wir diese Entscheidung für Rumänien getroffen haben. Wenn wir dieses Geschäft abgeben, wäre die Wiener Städtische bestimmt unser bevorzugter Partner.

Bleiben wir noch in Osteuropa: Die Nationalbank hat in ihrem jüngsten Finanzmarktstabilitätsbericht auf zunehmende Risiken eines zu raschen Kreditwachstums verwiesen und vor dem Entstehen von Blasen - so etwa am Immobilienmarkt - gewarnt. Teilen Sie die Einschätzung der Nationalbank?

Überhaupt nicht, weil sie sich nur auf Wachstumsraten konzentriert, nicht aber auf die absoluten Beträge. Ich bestreite, dass das rasche Wachstum in Zentral- und Osteuropa überhaupt ein Problem ist. Das Kreditgeschäft in Prozent des Bruttosozialprodukts ist in diesen Ländern noch immer gering - und daher sind Wachstumsraten von 40 bis 50 Prozent auch kein Problem. Wenn es ein Problem wäre, hätten die lokalen Zentralbanken die Möglichkeit, durch eine Erhöhung der Mindestreserven einschränkend auf das Wachstum zu wirken.

In Österreich muss die Erste Bank ihren Haftungsverbund mit den Bundesländersparkassen nachjustieren - so, dass er kartellrechtlich wetterfest ist. Wie weit sind die Reparaturen gediehen - und wann sind Sie damit fertig?

An und für sich sind unsere Reparaturarbeiten abgeschlossen. Es hängt nur noch davon ab, wie viele Sparkassen (von den 55, Anm.) aus der Werkstatt in den neuen Haftungsverbund hineinfahren.

Von den Sparkassen müssen Zusatzvereinbarungen ratifiziert werden . . .

Ja, das ist noch "work in progress". Aber es ist anzunehmen, dass das in den nächsten Monaten zum Abschluss kommt. Und dann hängt es von der Geschwindigkeit der Bundeswettbewerbsbehörde ab (die noch ihren Sanktus geben muss, Anm.). Bis Jahresende sollte der neue Haftungsverbund durch sein.

Rechnen Sie noch für heuer damit, dass der Bundeszahlungsverkehr nach dem Verkauf der Bawag, der Hausbank der Republik, ausgeschrieben wird?

Es würde mich freuen, wenn er überhaupt ausgeschrieben wird (die Erste ist neben anderen heimischen Großbanken auch an diesem Geschäft interessiert, Anm.). Wie es hier weitergeht, weiß ich nicht. Eine rechtliche Verpflichtung zu einer Neuausschreibung besteht jedenfalls nicht.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages als Gouverneur zur Nationalbank zu wechseln?

Dass es irgendjemanden gibt, der auf die Idee kommen würde, mich dafür zu bestellen, kann ich mir nicht vorstellen. Nein, mein Platz ist in der Erste Bank. Es wäre freilich ein sehr ehrenhafter Job, der mir sehr viel Spaß machen würde.

Zur Person

Andreas Treichl, geboren am 16. Juni 1952 in Wien, wollte eigentlich Dirigent werden. Zum Teil hat er sich seinen Berufswunsch auch erfüllt. Der Sohn des legendären CA-Chefs Heinrich Treichl dirigiert heute zwar kein Orchester, als Generaldirektor aber eine börsenotierte Bankengruppe, die er in zehn Jahren Amtszeit zu einem veritablen Spieler in der Bankenszene Europas geformt hat. Geschickt zu nutzen wusste er dabei den Boom in Zentral- und Osteuropa. Mittlerweile hat die Erste Bank, das Spitzeninstitut der österreichischen Sparkassen, 181 Mrd. Euro Bilanzsumme, 16 Millionen Kunden, 56.000 Mitarbeiter - und einen Börsewert von 18 Mrd. Euro.

Im Vorstand der Ersten sitzt Treichl seit 1994, den Chefposten hat er 1997, im Jahr des Börsegangs, angetreten. Seine Karriere als Banker hat Treichl vor 30 Jahren in der Chase Manhattan in New York gestartet. Politisch steht er der Volkspartei nahe, in den Neunziger Jahren war er Finanzreferent der ÖVP.