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Trend oder Notwendigkeit?

Von Alexandra Grass

Wissen
Der Konsument hat die Qual der Wahl bei den verschiedensten Kapseln und Pillen.
© corbis/Jon Larson

Experte zum Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln: So viel wie möglich über die Ernährung, so viel wie nötig über Pillen.


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Wien. Getrieben von der Sorge, unzureichend mit Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen versorgt zu sein, kaufen und schlucken Herr und Frau Österreicher scheinbar alles, was der Gesundheit nützen könnte. Dementsprechend nimmt auch das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln in Apotheken, Drogerien und Arztpraxen stetig zu. Vitamin D für ein intaktes Immunsystem, Selen zum Schutz der Körperzellen, Magnesium für müde Knochen oder Coenzym Q10 zur leiblichen Verjüngung. Der Konsument hat die Qual der Wahl zwischen vielen bunten Kapseln und Pillen. Handelt es sich hiebei um einen Trend oder eine Notwendigkeit?

"Ich denke beides", erklärt der Wiener Vitalstoffexperte Christian Matthai - "doch die Notwendigkeit nimmt zu." Einerseits gehen etwa durch Lagerung, industrielle Verarbeitung und falsche Zubereitung von Lebensmitteln wichtige Nährstoffe verloren. Andererseits haben sich die Essensgewohnheiten in den letzten Jahren mit Fast Food und Co. dramatisch verschlechtert. Aber auch der Lebensstil mit Alltagsstress und Schlafmangel führt zu einer Unterversorgung mit den lebenswichtigen Stoffen, die quasi das Benzin für viele Stoffwechsel- und Wachstumsprozesse im menschlichen Körper darstellen.

20 Hühnereier pro Tag

"Wenn man sich wirklich besonders gut und bewusst ernährt und ein stressfreies Leben führt, könnte man das auch über die Ernährung bewältigen", betont Matthai. Daher wäre es "unsinnig, zu sagen, jeder Mensch muss Nahrungsergänzungsmittel einnehmen". Wiederum lässt sich ein einmal eingeschlichener Mangel nicht so einfach wegessen. Doch wie erkennt man einen solchen überhaupt? Der Ausweg aus dem ganzen Dilemma: In Form einer Blutuntersuchung nachmessen.

Als gutes Beispiel für Mangel und Sinnhaftigkeit einer Supplementation lässt sich etwa das Vitamin D heranziehen. Dieses fördert nicht nur den Knochenstoffwechsel, sondern wirkt sich auch positiv auf das Immunsystem aus. Doch mittlerweile würden Daten zeigen, dass neun von zehn Österreichern während der Wintermonate einen Mangel aufweisen.

Vitamin D wird vom Körper selbst produziert, wenn genügend Sonnenstrahlen (UV-B) auf die Haut auftreffen. Ein tägliches 30-minütiges Sonnenbad - ohne Sonnenschutz - wäre für ein Aufrechterhalten eines gesunden Spiegels notwendig, erklärt Matthai. In den Wintermonaten geht der Körper somit quasi leer aus.

Mit 20 Hühnereiern wäre ungefähr der empfohlene Tagesbedarf an Vitamin D von 2000 Internationalen Einheiten (I.E.) gedeckt. Doch bei einem Mangel ist auch dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Dann können nämlich in Akutphasen bis zu 8000 I.E. notwendig werden, erklärt der Mediziner.

Radikalfrei nicht sinnvoll

Die meisten Mikronährstoffe sind sogenannte Antioxidantien. Sie tarieren die tägliche Belastung unseres Körpers durch freie Radikale aus, die durch Stoffwechselprozesse im Körper entstehen und als Mitverursacher von entzündlichen, chronischen und auch Krebserkrankungen gelten. "Radikalfrei zu werden, ist weder sinnvoll noch notwendig. Aber es ist empfehlenswert, eine gewisse Balance zu halten", betont der Vitalstoffexperte.

Wie der Name schon sagt, liefern Vitamintabletten ausschließlich Vitamine. Häufig werden sie auch in Kombination mit Mineralstoffen und Spurenelementen angeboten. Doch was sie nicht beinhalten, sind die für den Körper ebenso wichtigen sekundären Pflanzenstoffe. So bekämpft etwa Phenolsäure Bakterien, Flavonoide wirken antioxidativ und entzündungshemmend, Polyphenole fördern die Verdauung und senken den Blutdruck, Polysaccharide und Carotinoide regen das Immunsystem an.

Wer also statt zu Apfel, Karotte oder Weintraube lieber zur Pille greift, muss nicht nur auf das Geschmackserlebnis, die Sättigung und die Energiezufuhr, sondern auch auf diese zusätzliche Schutzwirkung verzichten.

Doch wie schon erwähnt, schützen gesunde Ernährung und ein gesunder Lebensstil nicht vor einem Mangel. Und ein solcher gehört, auch wenn unbemerkt, behoben, betont Matthai. Denn ein Mangel kann grundsätzlich das Risiko für Erkrankungen erhöhen, auch wenn er in der momentanen Situation keine Beschwerden wie etwa Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Antriebslosigkeit bis hin zu Depressionen, Abwehrschwäche oder Blutarmut hervorruft.

Ausweg aus dem Mangel

Da jeder Mensch einen unterschiedlichen Bedarf hat, rät der Mediziner zu einer individuellen Versorgung. Die meisten Vitalstoffparameter, die im Rahmen einer Vollblutanalyse erhoben werden können, sind allerdings kostenpflichtig - werden also von der Krankenkasse nicht bezahlt. Doch die richtige Dosierung kann nur ermittelt werden, wenn der Arzt die Werte kennt. Auch gebe es individuelle Unterschiede bei der Aufnahme der Nährstoffe durch den Darm. Denn, "wenn ein Darmleiden vorliegt, muss man davon ausgehen, dass die Aufnahmefähigkeit geringer ausfällt", so Matthai. Da Verdauungsstörungen und Unverträglichkeiten im Zunehmen sind, stellt auch das die Vitalstofftherapie vor neue Herausforderungen. Der Ausweg liegt dann mitunter in einer intravenösen Verabreichung der erforderlichen Nährstoffe.

Das Ziel sei, so viel wie möglich über die Ernährung und so viel wie nötig über Nahrungsergänzungsmittel aufzunehmen. Beratung und gezielter Einsatz hätten dabei, so Matthai, oberste Priorität. Denn immerhin wird dabei auch viel Geld investiert - im schlimmsten Fall für nichts.