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Trennung der "siamesischen Zwillinge"

Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

Politik

25 Jahre unabhängig: Nach der Revolution am Maidan hat sich die Ukraine immer weiter von Russland entfernt.


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Kiew. Der Himmel über Kiew gehört den Frauen: eine slawische Göttin, in Gold gehüllt, und eine Kriegerin aus Stahl, mit Schwert und Schild. Beide haben die Hände zum Himmel erhoben, in feierlicher Siegerpose. Fünf Kilometer, vier U-Bahnstationen oder zehn Autominuten liegen zwischen den beiden bekanntesten Statuen der Kiewer Innenstadt: der "Berehynja", der slawischen Göttin, die über den Unabhängigkeitsplatz wacht. Und "Mutter Heimat", ein sozialistischer Koloss, am Ufer des Dnipro. Sie könnten Schwestern sein - wenn sie nicht so ungleich wären: Das Kriegerdenkmal "Mutter Heimat" führt das Wappen der UdSSR im Schild. Kiew, fest eingebettet in das sowjetische Narrativ. Berehynja, die slawische Göttin, in ukrainische Tracht gekleidet, hat hingegen schon zwei Revolutionen am Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz, erlebt.

Die komplexe Geschichte der Ukraine hat sich in die Stadtarchitektur Kiews eingeschrieben. Die zwei Statuen stehen für zwei Pole der jüngeren ukrainischen Geschichte: zwischen Unabhängigkeit - sie wurde am 24. August 1991 vom ukrainischen Parlament verabschiedet - und Union. Zwischen Revolution und Restauration. Zwei Modelle des historischen Verständnisses: patriotisches "nation-building" oder kommunistischer Imperialismus.

Mit dem Maidan 2014 hat das Land eine Zäsur erlebt. Nachdem der ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch außer Landes geflohen war und die pro-europäischen Kräfte in Kiew ans Ruder kamen, wurde die Krim annektiert. Pro-russische Separatisten, von Russland unterstützt, kämpfen im Osten des Landes gegen die ukrainische Armee. Mit massiven Auswirkungen auf das Verhältnis der beiden Länder: "Russland und die Ukraine haben die meiste Zeit ihrer post-sowjetischen Geschichte als siamesische Zwillinge verbracht", schreibt der russische Journalist Leonid Bershidsky in seiner Kolumne, "aber in den vergangenen zwei Jahren wurden sie sowohl politisch als auch wirtschaftlich einer chirurgischen Trennung unterzogen."

Diese Trennung lässt sich in Zahlen ausdrücken. Seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise, einer Reihe von Sanktionen und Gegen-Sanktionen ist der Handel zwischen den beiden ehemaligen Sowjetrepubliken stark zurückgegangen. Waren für die Ukraine im Jahr 2012 die EU und Russland noch mit jeweils knapp 30 Prozent Anteil gleich starke Außenhandelspartner, ist die EU für die Ukraine mittlerweile zur klaren Nummer eins geworden: 2014 entfiel mehr als ein Drittel aller Importe und Exporte auf die EU und nur noch ein Fünftel auf Russland. 2015 hat sich der Trend noch einmal verstärkt, mit 37,3 Prozent (EU) und 17 Prozent (Russland). Mit Anfang dieses Jahres ist zudem das Freihandelsabkommen mit der EU in Kraft getreten, welches der wichtigste Teil des Assoziierungsabkommens ist.

Schwierig, ausländische Investoren anzulocken

Ob sich die Ukraine wirklich nachhaltig in die europäische Wirtschaft einflechten kann, hängt aber nicht allein von der Handelsstatistik ab. "Langfristig hängt der Erfolg des Freihandelsabkommens mit der EU vor allem davon ab, ob es die Ukraine schafft, ausländische Investitionen anzulocken, wie dies etwa Tschechien, Ungarn oder Polen getan haben", so Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Doch genau da ist Astrov skeptisch - "vor allem wegen der institutionellen Schwächen, wie der Korruption - und auch wegen des Konflikts im Donbass, der jederzeit wieder aufflammen kann."

Insbesondere bei den Energielieferungen ist Kiew zuletzt stark von Moskau abgerückt. Im vergangenen Jahr hat die Ukraine seine Gasimporte aus der EU über sogenanntes "reverse gas flow" verdoppelt. Die Gasimporte aus Russland wurden indes von 14,5 Milliarden Kubikmeter 2014 auf 6,1 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2015 halbiert. Dass die Ukraine weniger Gas benötigt, liegt aber auch daran, dass das Bruttoinlandsprodukt seit 2013 um 19 Prozent gesunken ist - und die Industrie auch weniger Energie verbraucht.

Aber auch im Alltag haben sich Ukrainer und Russen voneinander entfernt. Seit Ausbruch des Krieges begegnen sich Ukrainer und Russen immer seltener: Im letzten Jahr vor dem Krieg haben noch 6,1 von insgesamt 45,5 Millionen ukrainischen Staatsbürgern Russland besucht. 2014 reisten nur noch 4,6 Millionen Ukrainer nach Russland. Vor einem Jahr wurden zudem alle Direktflüge zwischen der Ukraine und Russland eingestellt. Wenn demnächst Ukrainer visumsfrei in die EU reisen, werden Reisen für die Ukrainer in die EU wohl noch populärer und Reisen nach Russland noch seltener werden.

Überhaupt wird die Ukraine insgesamt westlicher. "Regionale Unterschiede haben im Lauf der Krise insgesamt an Bedeutung verloren und die ukrainische Gesellschaft ist trotz ihrer regionalen Besonderheiten heute geeinter als zuvor", schreiben Steffen Halling und Susan Stewart von der deutschen Forschungsgruppe Osteuropa der Stiftung Wissenschaft und Politik. Dabei sei gerade in den östlichen Landesteilen, die unter ukrainischer Kontrolle sind, die Zustimmung zur Ukraine gewachsen, so die Autoren. "Dieser neu entstandene gesellschaftliche Konsens geht einher mit wachsender Zustimmung zur europäischen Integration des Landes." In Zahlen: Vor den Maidan-Protesten sprachen sich 41 Prozent für eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine aus, 38 Prozent wiederum für einen Beitritt zur von Russland geführten Zollunion. Im November 2014 waren es dann 64 Prozent für die EU, nur noch 17 Prozent für die Zollunion.

Umstrittene Gesetze zur "Entkommunisierung"

In der Deutung der aktuellen politischen Ereignisse leben Ukrainer und Russen in völlig unterschiedlichen Welten. Das hat die jüngste Eskalation um die Krim gezeigt. Moskau hat Kiew beschuldigt, russische Truppen im Norden der Krim beschossen zu haben. Die Ukraine wirft Russland indes vor, selbst für die tödlichen Zusammenstöße verantwortlich zu sein. Was wirklich geschehen ist, lässt sich derzeit nicht sagen. Fakt ist, dass es sich um eine weitere Episode handelt, die in Kiew und Moskau völlig entgegengesetzt gedeutet wird - in diesem an unterschiedlichen Deutungen so reichen Konflikt: Was den Ukrainern eine "Revolution der Würde" ist, ist den Russen ein "Faschistenputsch". Die Krim: Annexion oder Heimholung? Die pro-russischen Separatisten im Donbass: Terroristen oder Revolutionäre?

Und die Gräben werden noch tiefer. 2015 hat das ukrainische Parlament die umstrittenen Gesetze zur "Entkommunisierung" verabschiedet. Sowjetische Bezeichnungen von Straßen und Städten sollen umbenannt, Denkmäler überhaupt entfernt werden. Das hat allerdings viele Kritiker auf den Plan gerufen. "Es ist eine Ironie, dass diese neuen Gesetze die Redefreiheit einschränken und die Geschichte verzerren, auf eine Art und Weise, die dem sowjetischen Zugang gefährlich nahe kommt", meint die Politologin Natasha Bluth. "Die Gesetze verwischen die komplizierte Vergangenheit der Ukraine."

Während die Ukraine mit ihrer sowjetischen Vergangenheit aufräumen will, sind neue Symbole entstanden. Im Vorfeld des Unabhängigkeitstages ist folgender Werbespot erschienen: "Die Ukraine - frei geboren!" Auf dem Flughafen in Kiew werden Soldaten in überlebensgroßen Plakaten glorifiziert. "Die Helden sind unter uns", steht auf einer Schautafel. Am Fuße der Berehynja, der goldenen Statue am Maidan, zeugen Fotoausstellungen von den Heldentaten der ukrainischen Armee an der Front. Das Selbstverständnis einer neuen Nation? Oder doch nur Kriegskitsch?

Glück hatte indes die "Mutter-Heimat-Statue", die sozialistische Kriegerin mit Schwert und Schild, dass sie nicht der Abrissbirne weichen musste, wie zahllose Lenin-Statuen quer durch das Land. Das hat sie nur einem kleinen Zusatz in den "Gesetzen zur Entkommunisierung" zu verdanken: Denn Kriegsdenkmäler zum Zweiten Weltkrieg sind davon ausgenommen. Am Gedenktag wurde sie mit einem Haarkranz aus roten Mohnblumen geschmückt. Als der Krieg im Donbass losbrach, wurde sie abends in blau-gelbes Licht - die ukrainischen Nationalfarben - getaucht.

Russlands Präsident Wladimir Putin begeht die ukrainischen Feierlichkeiten auf seine Weise: Er besuchte am Freitag überraschend - und wohlkalkuliert - die annektierte Krim-Halbinsel.