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Trennungsstress löst Allergien aus

Von Rosemarie Kappler

Wissen
Kinder, die mit der Scheidung ihrer Eltern konfrontiert sind, leiden nicht nur psychisch. Foto: corbis

Scheidungskinder leiden dreimal so häufig unter Neurodermitis. | Erhöhte Konzentration von wichtigen Immunmarkern nachgewiesen. | Homburg. Schon länger ist durch Beobachtung bekannt, dass Stressereignisse in der Kindheit einen Einfluss auf die Entwicklung von Asthma, Hautkrankheiten und allergischen Sensibilisierungen haben. Forscher der Helmholtz-Gemeinschaft aus Leipzig, München und Düsseldorf konnten diese durch Beobachtungsstudien erhärteten Vermutungen nun erstmals bestätigen.


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234 Blutproben mitauffälligen Zeichen

In 234 Blutproben von sechsjährigen Kindern, deren Eltern sich innerhalb des letzten Jahres getrennt hatten oder die von einem Umzug betroffen waren, fanden die Forscher erhöhte Blutkonzentrationen des Botenstoffes VIP (Vasoaktives intestinales Peptid) und erhöhte Konzentrationen von sogenannten Immunmarkern, die mit der Auslösung allergischer Reaktionen verbunden sind, wie beispielsweise Interleukin-4.

Möglicherweise könnte das VIP eine Vermittlerrolle zwischen Stressereignissen im Leben und der Regulation des Immunsystems einnehmen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Pediatric Allergy and Immunology".

Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen wie Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Gründe für das Entstehen von Allergien gibt es viele.

In den Fokus der Wissenschaft sind in den letzten Jahren zunehmend auch Stress und psychische Probleme gerückt. Vor allem die deutsche Lisa-Studie (Lifestyle-Immune-System-Allergy), begonnen 1997 und abgeschlossen 2006, belegte, dass Kinder, deren Eltern sich getrennt hatten, dreimal so häufig unter Neurodermitis leiden wie Kinder, deren Eltern zusammenleben. "Stress und psychische Probleme haben einen deutlichen Einfluss auf die Funktion des Immunsystems und können eine bestehende Neurodermitis verschlimmern", bestätigt Prof. Dr. Torsten Schäfer von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie.

Erste Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Trennungserlebnissen und allergischen Hautreaktionen hatte der US-Dermatologe Brown 1972 geliefert. 15 Jahre später schrieb der deutsche Allergologe Ernst August Stemmann in seinem Buch "Neurodermitis ist heilbar": "Ein Ekzem tritt häufig erstmals in einer stark belastenden Situation auf, so zum Beispiel wenn sich Eltern eines Kindes trennen. Das Ekzem kann durch die eine Scheidung oft begleitenden, unerträglichen Spannungszustände hervorgerufen werden."

Ähnlich, wie die Muskulatur starr wird bei Schrecken, scheint die Haut zu reagieren, wenn ein traumatisches Trennungserlebnis stattfindet, dem das betroffene Kind hilflos ausgeliefert ist und sich verraten, gedemütigt und gekränkt fühlt, mutmaßte Stemmann damals.

Mit den aktuellen Ergebnissen ist nun belegt, dass ein Trennungsereignis auf direktem Weg das Immunsystem beeinflusst. Mit Trennungserlebnis meinen die Forscher auch einen gewöhnlichen Umzug. Schwere Erkrankungen, der Tod eines Angehörigen oder auch die plötzliche Arbeitslosigkeit eines Elternteils - das hatte die Lisa-Studie ebenfalls gezeigt - haben dagegen, obwohl sie ebenfalls traumatisierendes Potenzial in sich bergen, offenbar keinen Einfluss auf die Entwicklung einer Allergie.

Reaktionen nach einem Todvon geringerer Bedeutung

"Dieses Ergebnis war überraschend für uns, denn natürlich löst auch eine schwere Krankheit oder gar der Tod eines Angehörigen großen Stress aus", sagt Schäfer, der in die Lisa-Studie eingebunden war, und vermutet: "Möglicherweise lassen solche Erlebnisse die Familie näher zusammenrücken, so dass ein Kleinkind mehr soziale Aufmerksamkeit erhält, die sich günstig auswirkt." Ob es einen solchen Zusammenhang tatsächlich gibt, darüber lässt sich sicher spekulieren.

Die Helmholtz-Wissenschafter jedenfalls fanden in den Blutproben solcher Kinder, die eben von elterlicher Arbeitslosigkeit, Krankheit oder sogar Tod betroffen waren, keine erhöhten Stress-peptidkonzentrationen. "So tragisch diese Ereignisse auch sind, offenbar sind sie jedoch für die Stressreaktionen von Kindern von geringerer Bedeutung als beispielsweise eine Trennung oder Scheidung der Eltern", schlussfolgern Irina Lehmann und Gunda Herberth vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.