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Tropengefühle in Brandenburg

Von Stefan May

Reflexionen
Ein turmhohes Tor wurde in Bali hergestellt und dann in die einstige Montagehalle verfrachtet.
© May

Auf einem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz südlich von Berlin steht die weltweit größte freitragende Halle. Nachdem die industrielle Nutzung des Baus missglückt ist, wird dort heute für Wellness gesorgt.


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Plötzlich liegt es da, mitten in der flachen Landschaft, kurz bevor der Spreewald beginnt: Auf dem Weg von Berlin in den Südosten taucht nach 60 Kilometern etwas weithin sichtbar auf, das an einen australischen Inselberg oder einen Schildkrötenrücken erinnert. Es handelt sich um die größte freitragende Halle der Welt, gehalten von 14.000 Tonnen Stahl, die auch in ihrem Inneren eine Reihe von Superlativen verbirgt.

Heute. Denn ursprünglich war die Halle leer, ein überdimensionales Gewölbe, gleichsam der Uterus einer Utopie. Bescheiden gesprochen: eine Montagehalle. 360 Meter lang, 210 Meter breit und 107 Meter hoch. Acht Fußballfelder groß, 5,25 Millionen Kubikmeter umbaute Luft. Der Eiffelturm passt liegend bequem hinein. 260 Meter lange Luftschiffe sollten hier einst hergestellt werden, Cargolifter lautete deren Fachbezeichnung.

Zur Jahrtausendwende hatte der Ideengeber Carl von Gablenz noch vor Sendungsbewusstsein gestrotzt und von der Eroberung des Weltmarkts geträumt. Als Ort zur Verwirklichung der Träume hatte er sich einen ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz im brandenburgischen Krausnick am Rande des Spreewaldes ausgesucht. Er sprach von künftig 200 Luftschiffen bei "konservativer Schätzung der Bedürfnisse".

Ein Zehntel des weltweiten Schwerlastverkehrs sollte mit den Zeppelin-artigen Luftschiffen transportiert werden, innerhalb von drei Jahren wollte man in die Gewinnzone. Im Jahr 2000 wurde die riesige Werfthalle eröffnet. Schon ein Jahr später sollten die in der Halle produzierten Luftschiffe bis zu 160 Tonnen schwere Lasten über tausende von Kilometern transportieren können.

Das Unternehmen ging an die Börse, wollte mit der Voest kooperieren, doch die Verluste wuchsen, je länger es mit der Produktion der größten Luftschiffe der Welt dauerte. 2002 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Die Finanzgeber waren ausgeblieben, die Qualität der Technologie war angezweifelt worden.

Der neue Eigentümer

2003 sah es kurzfristig so aus, als müsste die Halle wegen zu hoher Betriebskosten abgerissen werden. Doch da hatte ein malaysischer Investor, der bis dahin in Deutschland Kreuzfahrtschiffe gebaut hatte, sein Auge auf die Anlage geworfen. Er erwarb die Halle um 17,5 Millionen Euro, einen Bruchteil der Baukosten. Allein das Land Brandenburg hatte die Errichtung mit 40 Millionen Euro gefördert. Ein Jahr später zog ein tropisches Ferienparadies ein, so ziemlich der Antipode einer Geschäftsidee von Luftschiff-Herstellung. Doch nicht ganz: Mehrmals am Tag steigen heute zwei Ballone mit Neugierigen zum Rundflug in der Halle namens Tropical Islands auf. So wie für den Cargolifter auch geplant, sind sie mit Helium und nicht mit dem brennbaren Wasserstoff gefüllt. Damit enden aber die Gemeinsamkeiten.

Gemächlich schaukelt der Besucher über Tropenwald und Sandstrand, über Kinderparadies und Lagune, während unten der Betreiber den Ballon am Seil durch die Halle zieht. Er hat früher bei Airbus gearbeitet und kennt sich mit der Luftfahrt aus. Vor jedem Aufsteigen müssen die Passagiere auf die Waage steigen, um nicht die Höchstbeladung des Korbs von 230 Kilogramm zu überschreiten. Handys und Fotoapparate werden an Seilen festgemacht, damit während des Flugs durch die Halle nichts herausfallen und Gäste verletzen kann.

So ein Rundflug gibt einen guten Eindruck von den Superlativen unter der Hallenkuppel - die von den Angestellten ehrfürchtig "der Dom" genannt wird: Etwa die mit 27 Metern höchste Wasserrutsche Deutschlands. Im anspruchsvollsten Schlauch bergab erreichen die Rutscher um die 70 Stundenkilometer.

Oder der weltweit größte In-Door-Regenwald auf 10.000 Quadratmetern. Anfangs standen ein paar eingetopfte Palmen herum, verloren sich Philodendren in der Weite der Anlage. Das war die Anfangszeit, als Tropical Islands noch wie ein Schwimmbad in einer Produktionshalle wirkte und das Unternehmen kaum erfolgreich lief. Inzwischen kann man in der 27 Grad warmen Halle durchaus vergessen, dass man unter einer stählernen Kuppel unterwegs ist, wenn man sich auf dem verschlungenen Pfad vom Audioguide über die Regenwälder dieser Welt erzählen lässt.

Fischschwanzpalmen wachsen laut Chefgärtner hier "sensationell". Regelmäßig werden Bananen und Ananas geerntet. Goldfasane trippeln über den Weg, Pfaue schreien wehmütig, Schildkröten schieben sich durch den Mangrovensumpf, und Flamingos lassen sich geduldig in ihrem Teich fotografieren.

Je höher der Wald im Laufe der Jahre wurde und Tropical Islands gleichsam mit der Halle zusammenwuchs, desto beliebter wurde die Attraktion. Nicht nur in Berlin, nicht nur in Deutschland: Alle Inschriften in der Anlage sind auch auf Polnisch, mitunter auch auf Tschechisch. 20 Prozent der Besucher kommen aus dem Ausland. Eine knappe Million Gäste kommt pro Jahr hierher. Für 5500 pro Tag ist die Kapazität ausgelegt, dann wird es aber auch schon ziemlich eng. Zumal unter Berücksichtigung der deutschen Angewohnheit, Liegen mit dem Handtuch zu reservieren. 600 Mitarbeiter kümmern sich um die Besucher.

Disneyland-Stil

80 Prozent der Gäste kommen nur für einen Tag, 20 Prozent bleiben länger. Man kann im Wellness-Resort auch übernachten. Um 50 Euro in einem der 133 weißen Zelte mit lediglich zwei Lattenrosten, Matratzen und Fun-Faktor, oder um 100 Euro in den 200 Zimmern und Lodges im Tropendorf und am Rand der Halle. Mal gibt es ein Himmelbett, mal eine als Plumpsklo ausgestaltete Toilette. Die Zimmer sind in Häusern untergebracht, die dem Kolonialstil nachempfunden sind.

Ein wenig erinnert es dann doch an Disneyland, und ein paar Paradoxien stechen ins Auge: Früher hat man viel Mühe und Geld darauf verwendet, Altes wie neu aussehen zu lassen. Hier wurden viel Mühe und Geld darauf verwendet, Neues wie alt aussehen zu lassen: blätternde Fassaden, abgeschabte Nachtkästchen, ausgewaschene Schrankfarben.

An der Südseite lässt eine Spezialfolie UV-Licht über die Fensterfront herein. Zusätzlich wird die Halle auf "Tropen" erwärmt, die Luftfeuchtigkeit liegt zwischen 55 und 60 Prozent. Beides freut zwar die Pflanzen im hauseigenen Regenwald und den Badegast, doch in den Zimmern müssen Klimaanlagen die Außentemperaturen, die ja eigentlich Innentemperaturen der Halle sind, wieder herunter kühlen.

Dabei ist die Erwärmung der Halle nicht einfach: Dezente Strahler an ihren Seitenflächen heizen die Anlage auf, wohlüberlegte Zirkulation leitet die Luftströme nach oben. Dennoch lässt sich die Bildung von Kondenswasser nicht ganz vermeiden: Ab und zu trifft man auf Regentonnen, in die es von weit oben tropft. Die Hülle ist eben als Industriehalle gebaut worden und nicht für ein Wellness Resort. Wer nicht im "Dom" übernachten will, kann dies unweit davor, am Campingplatz oder in einem der "Mobile Homes", Unterkünften in einem lichten Wäldchen, tun.

Bei einem längeren Aufenthalt lässt sich die Gegend rundum, etwa der Spreewald, erkunden. Da Europas größte tropische Urlaubswelt aber rund um die Uhr geöffnet hat, lässt sich auch mitten in der Nacht in der 28 Grad warmen Südsee oder der 32 Grad warmen Lagune planschen. Trotz der Künstlichkeit stellt sich südliches Urlaubsgefühl ein: eenn man in der Früh entlang einer langen Leinwand mit blauem Himmel und Schäfchenwölkchen im wohlig warmen Wasser seine Bahnen zieht, während draußen die echte Sonne aufgeht.

Oder wenn man ähnlich locker gekleidet und faul gestimmt, vorbei am 200 Meter langen Strand mit feinem weißen Sand und Bambushütten dem Frühstück im Thai-Haus zustrebt. Da herrscht ab acht Uhr schon reger Betrieb am Buffet im offenen Erdgeschoß, zwischen den hölzernen Stelzen des Gebäudes. Man sitzt unter Palmen und Sonnenschirmen "im Freien" und vergisst, dass der Himmel hoch über dem geschäftigen Treiben stahlgrau und stahlhart ist. So hoch, dass hier sogar schon Fallschirmsprünge stattgefunden haben.

Nach dem Frühstück stellt sich die Frage, ob man an den Sandstrand gehen, oder über den Boulevard mit seinen Geschäften bummeln oder den Wellness-Bereich mit den Dampfbädern und Saunen aufsuchen soll. Fernöstliche Architektur war Vorbild für deren Fassaden. Mehrere Bauten in der ehemaligen Cargolifter-Halle wurden in jenen Ländern gefertigt, von denen sie künden. Ein Gemeindehaus von Samoa ist hier eine Bar, an deren Decke sich träge ein Ventilator dreht. Ein turmhohes Tor wurde in Bali hergestellt und dann ins Brandenburgische verfrachtet.

Kostspielige Illusionen

Zwischen den bunten Bauten mit ihren Balkonen, Brückchen und Stiegen versteckt sich das "Wayang-Theater": Täglich um 19 Uhr läuft hier eine südamerikanische Show mit Tanz und Akrobatik, ohne Netz und höchst professionell. Die Artisten lassen vergessen, dass man in einem Haus im Haus sitzt. Die Illusion wirkt und lässt vielleicht manchen auf einen Urlaub in der Karibik verzichten. Womit Tropical Islands sich ein Verdienst an der Umwelt erworben hätte.

Doch die Attraktionen schlagen zusätzlich zu Buche. Man wählt eines der 12 Restaurants zum Mittag- oder Abendessen: Asiatisch oder Barbecue aus selbst gewählten Zutaten? Das alles kann den Besuch der Kunst-Tropen für Familien, die das Gros des Publikums ausmachen, teuer werden lassen. Andererseits: Wer es sich einmal gönnt, kann eines singulären Erlebnisses gewiss sein.

Von der Cargolifter-Epoche ist nichts mehr zu spüren. Das Fachwissen des Projekts hat vor zehn Jahren der Luftschiffbauer Zeppelin in Friedrichshafen erworben. Carl von Gablenz und ein früherer Aktionär wollten ihre Idee aber nicht begraben und verfolgen mittels eigener Firma weiterhin die Idee vom Schwerlasttransport per Luftschiff.

Stefan May, geboren 1961, lebt als Jurist, Journalist und Autor in Berlin und Wien und schreibt regelmäßig Reportagen fürs "extra" und das "Wiener Journal".