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Trügerische Sicherheit: Am Berg helfen keine Dollars, sondern nur das Können

Von Ronald Schönhuber

Analysen

Hinauf wollen sie scheinbar alle. Als erstes Mutter-Tochter-Team bestiegen die Australierinnen Cheryl und Nikki Bart den Mount Everest. Der Nepalese Min Bah Bahadur Sherchan war mit seinen 77 Jahren wiederum der älteste Bezwinger. 2006 stand der Neuseeländer Mark Inglis als erster beidseitig beinamputierter Bergsteiger ganz oben am Dach der Welt. Und 2007 führte ein britischer Alpinist am Everest-Gipfel das höchste Handy-Gespräch. | Die manchmal schon ein wenig skurril anmutenden Rekorde sind freilich nur die Spitze des immer stärker kommerzialisierten Ansturms auf den Himalaya. Rund 4000 Menschen haben den Everest, der auf der alpinistischen Wunschliste traditionell ganz oben steht, seit der Erstbesteigung im Jahr 1953 bezwungen. Besonders schwer macht man es den gut zahlenden Gästen, die pro Person rund 65.000 Dollar ausgeben müssen, nicht. Vorsorglich angelegte Sauerstoffdepots, bis zum Gipfel präparierte Pisten und Wege sowie hilfsbereite Sherpas helfen auch jene auf den Berg zu hieven, die dort vielleicht gar nicht hingehören.


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Und so lernt mancher hoffnungsfroher Everest-Bezwinger das Gehen in Steigeisen oder das Abseilen erst am Berg. Es gehe nur noch darum, den höchsten Gipfel der Welt im Tourenbuch zu haben, kritisierte Bergsteigerlegende Reinhold Messner unlängst diese Entwicklung. Von einem "zum Zirkus gewordenen Berg", spricht der spanische Extrembergsteiger Juan Oiarzabal. Das soeben mit der Rettung der beiden Italiener Simon Kehrer und Walter Nones zu Ende gegangene Drama am Nanga Parbat verdeutlicht in diesem Zusammenhang wohl aber vor allem eines: Der Berg taugt nur bedingt als Abenteuerspielplatz für zahlungskräftige Hobby-Alpinisten.

Denn auch wenn die Tour-Anbieter, die unter wachsendem Konkurrenzdruck leiden, immer wieder ein gewisses Sicherheitsgefühl suggerieren - im Fall des Falles bleibt man meist auf sich allein gestellt. Nicht weniger als neun Tage mussten Nones und Kehrer - die allerdings beide Profis sind - auf eine Hubschrauberbergung warten. Die Annahme, man könnte im Notfall einfach anrufen und sich abholen lassen, scheint angesichts der Ereignisse am Nanga Parbat also mehr als unrealistisch.

Trügerische Sicherheitsgefühle sind freilich kein spezifisches Himalaya-Problem. So klagte der Bürgermeister der Mont-Blanc-Gemeinde Saint Gervais vor zwei Jahren darüber, dass viele Alpinisten die Bergrettungshubschrauber geradezu als Taxis ansehen würden und sich schon bei kleinsten Schwierigkeiten bergen lassen. Eine Einstellung, die am höchsten Berg Europas mitunter gut gehen kann, ist am Dach der Welt jedoch in vielen Fällen tödlich. So kommen 8,2 Prozent der Alpinisten beim Versuch um, einen Achttausender zu bezwingen.

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