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Trügerisches Bauchgefühl

Von Eva Stanzl

Wissen
Empathie benötigt auch einen klaren Verstand .
© fotolia/Thomas Reimer

Mitgefühl beruht weniger auf Intuition als auf klarem, analytischen Denken.


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Wien. Wenn zwei Menschen zutiefst spüren, was der jeweils andere fühlt, kann das an einer innigen Verbindung zwischen den beiden liegen: Dann macht ihr Mitgefühl aus geteiltem Leid halbes Leid und aus geteilter Freude doppelte Freude. Diese besondere Fähigkeit beruht allerdings nicht einzig und allein auf Liebe, Nähe, einem feinen Gespür, Intuition oder gar "Bauchgefühl", sondern ist auch das Ergebnis eines klaren Verstands.

Gerade besonders einfühlsame Menschen denken nämlich systematisch-analytisch: Sie versetzen sich in andere hinein, um begreifen zu können, wie diese ihre Lage empfinden. Wer das nicht oder nur oberflächlich tut, kann im Umgang mit anderen gehörig danebenhauen, berichten Forschende der American Psychological Association im "Journal of Personality and Social Psychology": Ohne Ratio kein echtes Mitgefühl.

Die Erkenntnis ist für alle Bereiche des Zusammenlebens relevant: "Beziehungspartner müssen wissen, ob eine Bemerkung als Kritik oder einfach als Aussage gemeint ist. Verhandlungspartner müssen einschätzen, ob sie sich einem Vertragsabschluss nähern, Polizisten die Handlungen Fremder deuten, NGOs weltweit die Lage jener verstehen, denen sie helfen wollen", zählt Koautorin Jennifer Lerner von der Universität Harvard in der Studie auf. Die Bedeutung der Empathie erkannte bereits Charles Darwin. 1872 schrieb er, die Fähigkeit, "Ausdrücke der Emotion in Menschen und Tieren" richtig einschätzen zu können, sei für das Überleben grundlegend.

Lerner und ihre Kollegin Christina Ma-Kellams wollten herausfinden, was eine höhere empathische Genauigkeit hervorruft: intuitives Bauchgefühl oder logisches Denken. "Erfolg in persönlichen und beruflichen Beziehungen setzt die Fähigkeit voraus, die Gefühle der anderen präzise ableiten und einschätzen zu können. Manche können das besser als andere", erklärt Lerner: "Der Unterschied könnte an der Art der Denkweise liegen."

Menschen verarbeiten Information und treffen Entscheidungen unterschiedlich. Manche folgen ihrem Instinkt und tun, was sie intuitiv für richtig halten. Andere planen sorgfältig und lassen sich erst nach einer systematischen Analyse aller verfügbaren Fakten auf eine Entscheidung ein. Die Forscherinnen führten vier unterschiedliche Studien mit insgesamt 900 Teilnehmern durch, um herauszufinden, was dabei eine Rolle spielt.

In Studie 1 befragten sie rund 300 Menschen über eine Online-Plattform, welche Herangehensweise zur höchsten empathischen Genauigkeit führe. Der Großteil bestätigte die populäre Meinung, das Bauchgefühl gebe die zuverlässigsten Hinweise, wie andere Menschen empfinden. In Studien 2, 3, und 4 stellten die Forscherinnen diese Annahme in einem professionellen Umfeld auf die Probe. Univ-Mitarbeiter mussten sich Denkaufgaben und Rollenspielen stellen, in denen logisches Denken, Analysefähigkeit und Intuition gefordert waren. Es folgten Interviews zur Einschätzung der Gemütslagen des Gegenübers und von Porträts mit minimaler Gesichtsmimik. In beiden Fällen fielen die Antworten nach analytisch-logischen Denkaufgaben präziser aus: Wer bei den Mathe-Tests schlecht abschnitt, konnte auch die Gefühle der anderen schlechter einschätzen. "Besonders im professionellen Umfeld, etwa bei Bewerbungsgesprächen, ist es also wichtig, sich nicht auf die Intuition zu verlassen", betont Ma-Kellams. Nicht ableiten aus der Studie ließe sich, was andere Menschen denken, räumt sie ein.