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Im Fernsehduell der Vize-Präsidentschaftskandidaten gab Mike Pence eine bessere Figur ab als der angriffige Tim Kaine.
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Washington D.C./Farmville – Nicht, dass sie es nicht schon schwer genug hätten: Tim Kaine und Mike Pence sind beide in der Wolle gefärbte Berufspolitiker. Eine Spezies, die sich in den USA Anfang des 21. Jahrhunderts nicht eben großer Beliebtheit erfreut und folglich zunehmend rar zu werden droht. Der 58-jährige Senator von Virginia und der ein Jahr jüngere Gouverneur von Indiana blicken beide auf eine langjährigen Marsch durch die Institutionen ihrer jeweiligen Partei zurück. Ein Karriereweg, der heute zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern des Landes, die aus allerlei Gründen das Vertrauen in letztere verloren haben, zuerst einmal verdächtig erscheint. Auch deshalb wuchsen die Bäume der Erwartung an die Ereignisse dieses denkwürdigen Abends nicht in den Himmel, selbst wenn ihre direkten Vorgesetzten Hillary Clinton (Kaine) und Donald Trump (Pence) heißen.
Am Montagabend (Ortszeit) trafen sich im Auditorium der Longwood University zu Farmville, Virginia, die zwei US-Vizepräsidentschaftskandidaten zu ihrem ersten und einzigen Fernsehduell. Am Ende stand ein Sieger nach Punkten fest und zur Überraschung vieler war es nicht der im Vorfeld favorisierte Kaine, sondern Mike Pence. Nicht, dass der erzkonservative Republikaner in irgendeiner Form brilliert hätte – die meiste Zeit stand er Donald Trump in dessen lockerem Umgang mit objektiven Wahrheiten um nichts nach. Aber nachdem nämliches in diesem Wahljahr nur eine extrem untergeordnete Rolle zu spielen scheint und Pence sich keine groben rhetorischen Ausrutscher oder offensichtliche Wissenslücken leistete, reichte das angesichts eines Kontrahenten, dessen Angriffe ungestüm, überladen, aufgesetzt und mechanisch wirkten. Die erste Reaktion der professionellen Beobachter nach dem Ende der Debatte lässt sich in etwa so zusammenfassen: Was die Zuschauer an diesem Abend erlebten, war allem voran eine Wahlempfehlung für einen republikanischen Spitzenkandidaten Mike Pence 2020. Schuld daran trug allein Tim Kaine, dessen Strategie, sich so angriffig wie möglich zu geben, nach hinten losging. Was sich der Demokrat in den ersten 20 Minuten der Debatte leistete, hinterließ den potenziell schlimmsten aller Eindrücke bei noch unentschlossenen Wählern: den mangelnden Benehmens. Wie von der Tarantel gestochen hörte Kaine nicht und nicht auf, Pence in der ersten Hälfte der Diskussion bei jeder, aber auch wirklich jeder Gelegenheit, zu unterbrechen. Und nicht nur das: Sogar Moderatorin Elaine Quijano vom Nachrichtensender CBSN musste sich ein paarmal von Kaine zurecht weisen lassen, was die "wirklich wichtigen Themen" seien und was was nicht.
Mike Pence kann auch anders
Auch wenn sich dieses Verhalten, je länger das Gespräch fortschritt, ein wenig legte: Es schien, als wollte der als Ultra-Pragmatiker bekannte Senator auf biegen und brechen beweisen, dass er nicht der sanfte, ausgleichende Geist sei, als der er von den Medien gern – und nicht wirklich zu Unrecht – gezeichnet wird; sondern einer, der auch ganz anders kann. Was dazu führte, dass Mike Pence nach neunzig Minuten als vielleicht ein bisschen gar rechter, aber im Grunde sympathischer, solider Zeitgenosse dastand, dem man nicht nur den Job zutraut, sondern der auch Vertrauen in die Kandidatur Donald Trumps erweckt. Motto: Mit einem wie ihm an der Seite des New Yorker Ex-Reality-TV-Stars kann es ja nicht so schlimm werden.
Ob des massiven Unterschieds im Verhalten der beiden – ein komplett übermotivierter Kaine, ein defensiver, aber sich besonnen gebender Pence –, traten die Inhalte, für die sie jeweils stehen, fast zur Gänze in den Hintergrund. Wiewohl beide Kandidaten auf eigenständige, an Erfahrungen reiche politische Vitas zurückblicken (und bis in die jüngere Vergangenheit zahlreiche Positionen vertraten, die im Grunde nicht mit denen der Spitzenkandidaten kompatibel sind, was es vielleicht auch wert gewesen wäre, zu diskutieren), beschränkten sie sich darauf, einzig und allein über die Pläne und Zitate ihrer jeweiligen Chefs zu reden. Mit anderen Worten: Wer bis Dienstagabend nicht wusste, wer die Herren Kaine und Pence sind, wusste nachher ebenso wenig über sie – außer, dass sie mit ganz wenigen Ausnahmen (Pence schimpfte über Putin und stellte Syriens Assad eine Bombardierung seines Landes in Aussicht) praktisch keine eigenständigen Positionen zu haben scheinen.
Während sich Kaine nach Kräften mühte, die Vertrauenswürdigkeit Hillary Clintons zu bekräftigen, stritt Pence einfach alles ab, was Trump je an Schwachsinn von sich gegeben hat. Ein fast historischer Kraftakt der Selbstverleugnung, der aber angesichts von Kaines krampfhaften Verlangen, seine Botschaften unters Volk zu bringen, klar überschattet wurde. (Er wiederholte mehrmals alle mittlerweile sattsam bekannten Trump-Sager über Mexikaner, Muslime, Afroamerikaner und die gefühlt zehntausend anderen Gruppen und Leute, die der Immobilienmagnat im Laufe dieses Wahlkampfs beleidigt hat.) So klang selbst die mehr als berechtigte Forderung nach der Offenlegung von Trumps Steuererklärung am Ende schal, nachdem er sie zum fünften Mal erhoben hatte.
Fazit: Sollte das Duell der Vizepräsidentschaftskandidaten Einfluss auf die Entscheidung mancher Wähler haben, hat Pence durch die Bank gelogen, aber seinen Job gut gemacht, während Kaine fast immer bei der Wahrheit blieb, aber mangels Disziplin und Gespür bei der Erfüllung seines einzigen wirklich gewichtigen Auftrags in diesem Wahlkampf so ziemlich auf jeder Länge versagte. Am Sonntagabend sind wieder die Chefs dran. Dann treffen sich Hillary Clinton und Donald Trump in St. Louis zur zweiten ihrer insgesamt drei Fernsehdebatten. Nichts wird leichter, für niemand.
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