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Tschetschenien wieder in Schlagzeilen

Von Friedemann Kohler

Politik

Moskau - Die blutig beendete Entführung des russischen Passagierflugzeugs nach Saudi-Arabien hat den fast in Vergessenheit geratenen Krieg zwischen Russen und Tschetschenen wieder in die Weltschlagzeilen gebracht. Genau das dürfte das Ziel der tschetschenischen Entführer der Tupolew-154 gewesen sein, die am Freitag von saudi-arabischen Sicherheitskräften überwältigt wurden.


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Moskau wollte offenbar um jeden Preis die gewaltsame Erstürmung, um einen Weiterflug der bereits für einen "langen Flug" aufgetankten Maschine nach Afghanistan zu vermeiden. Tschetschenen, die ein russisches Flugzeug und russische Bürger zu den Taliban-Milizen verschleppen - das wäre der Albtraum für den Kreml gewesen.

Der zweite Krieg um die Nordkaukasus-Republik Tschetschenien, der mit dem Einmarsch der russischen Armee im Herbst 1999 begann, ist noch immer nicht beendet. Die Russen beherrschen zwar weite Teile des Gebiets, doch gegen die Partisanentaktik der Rebellen sind sie machtlos. Das brutale russische Besatzungsregime treibt dem Widerstand immer neue Kräfte zu. Präsident Wladimir Putin hat kein politisches Konzept zur Beendigung des Krieges erkennen lassen.

Die Flugzeugentführung ist für die tschetschenischen Rebellen der dritte Versuch, den Konflikt durch einen Aufsehen erregenden Terrorakt zu internationalisieren. 1991 entführten sie eine russische Maschine mit 178 Menschen in die Türkei. Im Jänner 1996 brachte ein Kommando von neun Tschetschenen vor dem türkischen Hafen Trabzon das Passagierschiff "Avrasja" mit etwa 200 Menschen an Bord in seine Gewalt. Ihr Anführer Mohammed Toktschan handelte auf Befehl des tschetschenischen Feldkommandanten Shamil Bassajew, der bis heute einer der Führer der Tschetschenen ist.

Toktschan soll nach türkischen Angaben auch jetzt wieder einer der Entführer sein. Wegen der Schiffsentführung wurde er 1997 in der Türkei zu acht Jahren Haft verurteilt, doch noch im selben Jahr gelang ihm die Flucht. 1999 wurde er in der Türkei erneut verhaftet - ohne Folgen. Für Russland bestätigt sich damit die Einschätzung, dass sich die Führer der Tschetschenen in der Türkei frei bewegen und auf Unterstützung rechnen können. Auch ein anderer der mutmaßlichen Entführer, der frühere tschetschenische Innenminister Aslambek Arsajew, kurierte nach russischen Angaben im vergangenen Jahr eine Kriegsverletzung in der Türkei aus.

Moskau rechtfertigt den Krieg gegen die tschetschenischen Rebellen als Teil eines Kampfes gegen eine "islamistische Internationale des Terrors", die von den Taliban bis nach Tschetschenien reicht. Russland sieht sein Vorfeld in den zentralasiatischen Staaten, seine südliche Flanke durch den wachsenden Fundamentalismus bedroht.

Diplomaten der afghanischen Botschaft in Moskau, die nicht den Taliban, sondern der gestürzten Regierung von Präsident Burhanuddin Rabbani untersteht, beschrieben, was Russland im Fall eines Weiterflugs der entführten Maschine nach Afghanistan gedroht hätte. Die Taliban hätten den Tschetschenen "einen freudigen Empfang bereitet und sie mit Geld und allem Nötigen versorgt". Die russischen Passagiere wären als Geiseln genommen worden.