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Tsipras' Irrglaube

Von Ferry Batzoglou

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© Ferry Batzoglou

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"Rums - das hat gesessen !" Anders kann man Alexis Tsipras' überraschende Initiative, ein Referendum zu Füßen der Akropolis in der Frage abhalten zu lassen, ob Griechenland und die Griechen den jüngsten ultimativen Forderungskatalog ihrer öffentlichen Gläubiger EU, EZB und Internationaler Währungsfonds annehmen sollen oder nicht, wohl auf Anhieb nicht bewerten.

Dem hellenischen Senkrechtstarter, der im Jahr 2008 im Alter von nur 33 Jahren zum Chef des damals als Kleinstpartei versprengter Salon-Bolschewisten verspotteten "Bündnis der Radikalen Linken" ("Syriza") avancierte, und sich mit seinem Wahltriumph am 25. Jänner nur dank seiner scharfen Kritik am rigorosen Austeritätskurs in Athen in die "Villa Maximos", den Amtssitz des griechischen Premiers, katapultierte, muss spätestens am vorigen Donnerstag endgültig der Kragen geplatzt sein.

Just an jenem Tag präsentierten Griechenlands Gläubiger dem umtriebigen Hellenen ein neuerliches, schmerzliches Spar- und Reformpaket. Er habe es im Gegenzug für die auf Eis gelegten rund 18 Milliarden Euro aus dem am Dienstag ablaufenden Hilfsprogramm für das erneut akut pleitebedrohte Hellas zu erfüllen. Buchstäblich "Fünf vor Zwölf" lautete deren Motto unverhohlen: 'Friss oder stirb!'

Tsipras muss dies als eine Demütigung empfunden haben. Seine Sicht der Dinge nach dem monatelangen Tauziehen zwischen Athen auf der einen und den omnipotenten Geldgebern auf der anderen Seite ist: 'Ich bin den Gläubigern schon sehr weit entgegen gekommen. Meine Reformvorschläge haben mittlerweile herzlich wenig mit meinen Wahlversprechen zu tun. Ich will sparen, ich will reformieren, ich will keine neuen Schulden machen. Dennoch verlangen die Gläubiger immer mehr und mehr von mir. Sie wollen offenbar nur eines: Mich entmachten!'

Ob dies nun wahr ist oder nicht, ob es sich bei Tsipras und Co. um eine heillos chaotische Truppe von linken Spinnern, Utopisten oder Kommunisten handelt oder auch nicht: Tsipras' Credo mit Blick auf Hellas' weiteren Werdegang in der Eurozone lautete von Anfang an: 'Kein Bruch, aber auch keine Unterwerfung (unter die Geldgeber).' Und daran glaubt er sogar wirklich - auch heute noch.

Daher will er das griechische Volk am 5. Juli bewusst nicht fragen lassen, ob es für oder gegen den Euro ist. Der bekennende Euro-Anhänger Tsipras setzt sich mit dem Referendum an die Spitze jener Euro-Befürworter in Griechenland, die endlich ein Ende des maßlosen Sparkurses in Athen, ein Ende der "Kaputtsparerei" wollen. Ein simples 'Weiter so!' wie in den letzten fünf Jahren kann und darf es im krisengebeutelten Griechenland nicht mehr geben, so ihre Lesart.

Zugleich eint Tsipras seine Syriza-Partei. Der linke Parteiflügel, der offen mit einem "Grexit", dem Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone liebäugelt, ist von Tsipras' Referendum-Initiative hellauf begeistert. Die "Grexit"-Fans in der Tsipras-Partei werden am nächsten Sonntag mit beiden Händen mit "Nein" stimmen.

Blieben nur noch die hellenischen Euro-Befürworter, die ohne Abstriche die Gläubiger-Forderungen erfüllen wollen - vor allem aus Angst vor einem "Grexit". Kein Zweifel: Tsipras geht aufs Ganze. Er riskiert viel, bewusst auch Hellas' Verbleib in der Eurozone. Im Innersten hofft er aber, dass sich endlich auch die Gläubiger vom Fleck bewegen. Der Ball scheint mit Tsipras' Flucht nach vorne in Athen zu liegen. In Wahrheit liege er in Brüssel, Berlin, Frankfurt am Main und Washington, glaubt Tsipras. Es könnte sich als ein Irrtum, eine Illusion erweisen. Vielleicht ist es Tsipras' letzter Irrglaube.