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Türkei wird zu Erdoganistan

Von Thomas Seifert

Leitartikel

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Noch nicht einmal 20 Tage ist es her, dass Teile der türkischen Armee versucht haben, Präsident Recep Tayyip Erdogan aus dem Amt zu putschen. Und langsam lichten sich die Nebel und es gibt die ersten Antworten auf die vielen Fragen, die der Putschversuch aufgeworfen hat. Warum ist der Putsch gescheitert? Die Putschisten mussten verfrüht zuschlagen, sodass nicht alle Teile ihres Plans umgesetzt wurden. Die Putschisten überschätzten den Willen maßgeblicher Mitglieder der Armeeführung, sich am Umsturzversuch zu beteiligen. Die Planer des Coup d’état haben auch unterschätzt, wie sehr sich die Türkei gewandelt hat: Die Bevölkerung ist nicht mehr bereit, Uniformierte an der Staatsspitze zu akzeptieren.

Standen die Gülenisten hinter dem Putsch, so wie Erdogan behauptet? Vermutlich ja, die Hinweise darauf verdichten sich. Und nur, weil der zunehmend despotisch und paranoid agierende Erdogan es ist, der Solches behauptet, heißt das nicht, dass die Anschuldigungen nicht stimmen. Wobei der türkische Präsident natürlich vergisst, darauf hinzuweisen, dass der konservative Prediger Fethullah Gülen sein über viele Jahre treuer Weggefährte war.

Neben den weitreichenden wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen für die Türkei sind vor allem drei Dinge bemerkenswert: Erdogan verdächtigt die USA, die Finger im Spiel gehabt zu haben und sucht demonstrativ die Nähe zu Wladimir Putins Russland. Freilich, die Interessen Russlands und der Türkei sind schlicht zu unterschiedlich für eine tragfähige Allianz - einerseits. Andererseits: Gleich und gleich gesellt sich gern. Fazit: Die Verfechter der "illiberalen Demokratie" klüngeln offenbar immer schamloser.

Zweitens: Der Grad an Feindseligkeit des selbstherrlichen Sultans vom Bosporus gegenüber Europa erreicht ein unerträgliches Ausmaß. Das wird wiederum wohl dazu führen, dass der Kontinent sein Verhältnis zur Türkei - vulgo Erdoganistan - radikal überdenken wird.

Drittens: Das Abrutschen der Türkei in eine versteckte oder gar offene Diktatur verheißt nichts Gutes für die muslimische Welt. Denn das Land war vielen islamischen Ländern in der Vergangenheit ein Vorbild für ein modernes, demokratisches System (wenn man vom Problemfall Kurdistan absieht). Nun könnte die Türkei diesen Ländern eine willkommene Fallstudie dafür, wie man noch effizienter unterdrückt, abgeben.