Zum Hauptinhalt springen

Türkische Truppen im Norden Iraks

Von Susanne Güsten

Politik

Bis zu 700 türkische Soldaten nahmen an Einsatz gegen PKK teil. | Rice will im Nordirak Spannungen zwischen den Volksgruppen abbauen. | Istanbul. (apa) Erstmals seit der Verständigung zwischen Ankara und Washington auf begrenzte Militäraktionen gegen die PKK-Kurdenrebellen im Nordirak hat die türkische Armee in der Nacht auf Dienstag Bodentruppen in das Nachbarland geschickt. Mehrere hundert Mitglieder von Eliteeinheiten drangen rund drei Kilometer tief auf irakisches Gebiet vor. Dort lieferten sich die Soldaten Gefechte mit PKK-Trupps.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 16 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Der Kommando-Einsatz im Nordirak ist nicht als Beginn eines türkischen Großangriffs zu verstehen. Politisch riskant ist er für die Türkei trotzdem.

Zwischen 300 und 700 türkische Soldaten marschierten mit Luftunterstützung, aber ohne schwere Waffen in einen Gebietsstreifen jenseits der irakischen Grenze ein. Das Areal für den Einsatz war offenbar sorgsam ausgewählt worden: Einerseits sind dort keine Truppen der nordirakischen Kurden stationiert - Auseinandersetzungen zwischen den Türken und den nordirakischen Peschmergas wurden damit vermieden. Andererseits liegen in der Gegend mehrere potenzielle Routen für PKK-Mitglieder, die in die Türkei einsickern wollen.

Fluchtwege für PKK abgeschnitten

Offenbar rechnen die türkischen Militärplaner damit, dass sich die PKK nach der Zerstörung einiger ihrer Stützpunkte bei den türkischen Luftangriffen vom Wochenende jetzt in der Türkei festsetzen will. Die türkischen Kommandoeinheiten hätten die Aufgabe, die Fluchtwege für die PKK in die Türkei hinein zu blockieren, berichteten türkische Medien.

Die PKK konnte in den vergangenen Jahren von ihrem Hauptquartier im Nordirak aus ihre Anschläge in der Türkei steuern. Nach einer Eskalation der PKK-Angriffe gab das türkische Parlament im Oktober grünes Licht für eine Militärintervention im Nachbarland. Der Kommando-Vorstoß vom Dienstag ist die dritte Militäraktion der Türkei im Irak seit dem Parlamentsentscheid.

Ziel der Türken ist es, die PKK-Infrastruktur im Irak möglichst nachhaltig zu zerstören und die Rebellen durch variable und nicht berechenbare Angriffe in der Defensive zu halten. Deshalb sind weitere türkische Einsätze im Irak in den kommenden Tagen und Wochen wahrscheinlich.

Politisch möglich wurden sie durch eine Einigung zwischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und US-Präsident George W. Bush von Anfang November. Damals gaben die USA den Türken die Erlaubnis, gegen die PKK im Nordirak gezielte und begrenzte Militärschläge zu führen. Die Amerikaner unterstützen die Aktionen mit Geheimdienstinformationen.

Im Gegenzug erwarten die USA aber, dass die Türkei auf eine großflächige Invasion im Nordirak verzichtet, weil das die ganze Region destabilisieren würde.

Irakische Militärvertreter bemühten sich, die Bedeutung des Vormarsches herunterzuspielen: Es sei nicht damit zu rechnen, dass die Türkei das irakische Gebiet länger als nur vorübergehend besetzen wolle.

Geduldsprobe für die USA

Eine türkische Großoffensive im Irak ist zwar nach wie vor unwahrscheinlich, weil sich Ankara damit die unverzichtbare Unterstützung der USA verscherzen würde. Doch der neue Vorstoß stellt die Geduld der Amerikaner und der Iraker auf die Probe.

Während die Türkei ihre Soldaten in den Nordirak schickten, bemühte sich US-Außenministerin Condoleezza Rice in der Region um einen Abbau der Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen im Raum Kirkuk. Die US-Ministerin dürfte über das türkische Störfeuer nicht erfreut gewesen sein. Viel weiter wird Ankara mit seinen Militäraktionen im Nordirak nicht gehen können, ohne ernsthaften Ärger mit Washington und Bagdad zu provozieren. Aus Sicht der nordirakischen Kurden hat die Türkei mit dem Einmarsch bereits den kritischen Punkt überschritten. Die nordirakische kurdische Regionalregierung warf der Türkei vor, ihren Kurdenkonflikt nach Irak tragen zu wollen.