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TV-Sender setzen auf Migranten

Von Toumaj Khakpour

Politik
In "50 Jahre Heimat in DeutschTürkland" fahren Asli Sevindim und Till Nassifub durch "Almanya" - in einem roten Ford, mit dem seinerzeit auch viele sogenannte Gastarbeiter anreisten.
© © WDR/Herby Sachs

Das deutsche TV bindet Migranten schon lange ein, den Anfang machte BBC.


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Wien. Für deutsche Fernsehmacher ist das Publikum mit dem sogenannten Migrationshintergrund keine "Sondergruppe" mehr; sie sind Teil des deutschen Seherkreises. "Menschen aus Einwandererfamilien leben nicht in medialen Ghettos", betont der Integrationsbeauftragte des Westdeutschen Rundfunks (WDR) Gualtiero Zambonini. Der Großteil der Migranten würde sich auf Inhalte der deutschsprachigen Medien konzentrieren.

Tatsächlich hat laut einer ARD/ZDF-Studie die Mediennutzung von Migranten seit 2007 stark zugenommen, gleichzeitig ging die Nutzung herkunftssprachlicher Medien zurück. Die "Integration zweier Medienkulturen" gehöre zum Lebensalltag vieler. "Das widerlegt die Befürchtung, dass die Nutzung von Medien aus den Herkunftsländern die Neigung zu Parallelgesellschaften verstärkt", sagt Zambonini. Ein Perspektivenwechsel bei den Medien sei nun angesagt.

Auf den Publikumswandel reagierte der WDR mit der Einbindung einer neuen Journalisten-Generation: "Bei uns haben 25 Prozent der neu angestellten Mitarbeiter eine Zuwandererbiographie." Von Quoten hält Zambonini jedoch nichts. Vielmehr sollen Migranten beim WDR auf anderen Weise gefördert werden. Bei Stellenausschreibungen wird etwa gezielt auf die Förderung von kultureller Diversität geachtet. Ziel ist es, die Gesellschaft realistisch abzubilden.

Zwei Beispiele dafür sind der deutsch-syrische Journalist Till Nassif und die türkischstämmige Moderatorin Asli Sevindim. Beide moderieren beim WDR seit 2004 die Sendung "Cosmo-TV", in der es vor allem um den Lebensalltag von Migranten in Deutschland geht. Nassif ist auch im ARD-Morgenmagazin tätig und arbeitet als Buchautor. Seine Kollegin Sevindim moderiert nebenbei seit 2006 die Nachrichtensendung "aktuelle Stunde".

Auch die deutsche Jugendkultur wird seit mehr als zehn Jahren durch Musiksender wie MTV oder Viva beeinflusst. Moderatorenteams mit ethnischer Vielfalt brachten solide Einschaltquoten und transportierten ein modernes Image nach außen, das stark an das amerikanische Original angelehnt war. So eröffneten sich mit der Zeit mehr Möglichkeiten für Migranten, in den Journalismus einzusteigen.

Migranten "in die Mitte des Programms" bringen

Nach der Einschätzung von Karl-Heinz Meier-Braun vom Südwestrundfunk (SWR) ist vor allem die Einbindung von Journalisten "in der Mitte des Programms" wichtig. "Reporter, Moderatoren und Redakteure aus verschiedenen Ländern eröffnen neue Perspektiven, einen anderen Blickwinkel und sind eine Bereicherung für die Medien, auch schon aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und ihrer interkulturellen Kompetenz", meint Meier-Braun. Der Leiter von SWR-International ist gleichzeitig SWR-Integrationsbeauftragter; sein Büro ist für die Förderung von Diversität zuständig und besteht seit 20 Jahren.

Bereits Anfang der 60er Jahre waren erste Schritte in Richtung Integration in Deutschland erkennbar. Damals wurden die ersten "Gastarbeitersendungen" produziert, um den "Arbeitsmigranten eine Orientierungshilfe für das Leben" in der Bundesrepublik zu schaffen.

Der Trend, auch viel gesehene Programme mit ethnischer Diversität zu paaren, fing Anfang der 90er in Großbritannien an. In der populären älteren Fernsehserie "Eastenders" etwa wurde das neue Zusammenleben zwar noch nicht ausdrücklich thematisiert. Immer wieder traten Migranten aber in Nebenrollen auf.

TV-Serien werden zu kulturellen Brücken

Starken Rückenwind bekamen Maßnahmen zur Förderung von Vielfalt im TV durch die britische Fernsehaufsichtsbehörde "ITC", die klare Regelungen festlegte und eine engagierte Förderpolitik für ethnische Minderheiten anstrebte. Dabei sollten vor allem Serien - die eine breite Masse ansprechen - als kulturelle Brücke fungieren.

Mit etwas Verspätung setzte sich die neue Herangehensweise in den Niederlanden, Deutschland und Frankreich fort. In Deutschland widmen sich öffentlich-rechtliche wie private TV-Sender immer mehr dem deutsch-türkischen Zusammenleben. 2006 strahlte RTL erstmals "Alle lieben Jimmy" aus. Im Zentrum steht eine fünfköpfige deutsch-türkische Familie. Jimmy, eigentlich Cemil, ist der Sohn, und er hat zwei sehr verschiedene Schwestern: Leyla kleidet sich im Minirock, Fatma engagiert sich sozial und gibt islamische Weisheiten zum Besten. Zur gleichen Zeit zeigte ProSieben "Meine verrückte türkische Hochzeit", der als "Bester deutscher Fernsehfilm des Jahres 2006" ausgezeichnet wurde.

Andere Maßnahmen waren eigene Ausbildungswege in Medienunternehmen, die gerade junge Migranten förderten, um sie später als Journalisten, Kameraleute oder Drehbuchautoren einzusetzen. Die BBC gründete 1999 schließlich eine eigene Abteilung, die sich der Journalismus-Ausbildung von Minderheiten widmet. Diese sollten im Zuge ihrer weiteren Entwicklung als fester Bestandteil der Sendung eingebunden werden. Das Mitspracherecht von Migranten bei der Programmgestaltung wurde ebenso wichtig wie die Sendung selbst.

Bei der gezielten Ausbildung von Sprechern mit "Migrationshintergrund" waren neben Großbritannien die Niederlande die Ersten in Europa. Nachrichtensprecher wurden zur "Prime-Time" in den Nachrichten als Mittelpunkt der Sendung verankert. Abgesehen vom Anliegen, die Gesellschaft als Ganzes unverzerrt abzubilden, versprachen sich Medienunternehmen so auch ökonomische Gewinne durch steigende Quoten und zielgruppenorientierte Werbung.