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Twitter nährt Angst vor der Blase

Von John Dyer

Wirtschaft

Konzern verzeichnet keine Profite, Experten sprechen von "Glücksspiel".


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Boston. (ce) Die Wall Street steht dem Börsengang von Twitter am heutigen Donnerstag mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits herrscht bereits seit der Ankündigung große Aufregung um das Unternehmen, dessen Nutzer sich Kurznachrichten von 140 Zeichen zuschicken. Es wird erwartet, dass der Börsengang mehr als 1,75 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro) einbringen wird.

Ursprünglich wollte Twitter seine Aktien für einen Preis zwischen 17 und 20 Dollar an den Mann bringen. Doch am Montag erhöhte der Konzern die Spanne auf 23 bis 26 Dollar. Als Grund gab er die starke Nachfrage an. Die sieben Jahre alte Firma würde dadurch einen Wert von 14 Milliarden Dollar haben. Einigen Berichten zufolge könnte der Ausgabepreis sogar noch höher liegen. Beobachter fürchten, dass der Börsengang dadurch übermutige Investoren anlocken könnte.

Vorteil ist die mobile Verbreitung der Anwendung

"Bei einem Börsengang eines Technologieunternehmens wie Twitter, das keinerlei Gewinne macht, werden Emotionen angesprochen. Ein solides Fundament hat das nicht", glaubt der Ökonom Max Wolff von ZT Wealth. "Entweder man glaubt daran oder nicht. Ab einem Preis von 26 Dollar wird das meiner Meinung nach ein Glücksspiel." Seine Skepsis liegt darin begründet, dass Twitter trotz der ganzen Begeisterung keine Profite verzeichnet. Im September vermeldete der Konzern einen Umsatz von 422 Millionen Dollar, doppelt so viel wie im Vorjahr. Gleichzeitig setzte es aber auch einen Verlust über 134 Millionen Dollar.

Die Verantwortlichen von Twitter wollten eigentlich die Fehler von Facebook vermeiden. Das soziale Netzwerk hatte vor seinem Börsengang im Mai 2012 ebenfalls der Ausgabepreis angehoben. Wenige Monate später hatten die Aktien die Hälfte ihres Wertes verloren. Es dauerte ein Jahr, bis das Ausgangsniveau wieder erreicht wurde. Doch Facebook kann Gewinne verzeichnen und auf eine Milliarde Nutzer bauen. Lediglich 230 Millionen Menschen nutzen hingegen den Kurznachrichtendienst. Zwar eine große Zahl, doch an der Börse geführte Unternehmen stehen in der Pflicht, daraus auch Profite zu erwirtschaften. Fürsprecher von Twitter führen die starke Verbreitung des Dienstes auf mobilen Geräten an. 75 Prozent der Nutzer tauschen sich über Mobiltelefone oder Tablets aus, 70 Prozent der Anzeigen bei Twitter erscheinen darauf.

Twitter profitiert von der aktuellen Marktlage

"Im Hinblick auf eine soziale Strategie ist Twitter eine der effektivsten Firmen bei der Umsetzung", glaubt der Analyst Brian Wieser von Pivotal Research. "Was sie haben, ist einzigartig und in keiner Weise zu kopieren."

Der Aktienindex Standard & Poor’s 500 nähert sich einer Rekordmarke, zum Teil, da die Notenbank Fed weiterhin jeden Monat Milliarden von Dollar in die Belebung der Wirtschaft investiert. In diesem Umfeld ist nachvollziehbar, dass Twitter so viel Geld wie möglich aus dem Börsengang abschöpfen will. Doch der kurzfristige Erfolg beeindruckt Investoren, die ihr Portfolio über Jahre pflegen wollen, nicht unbedingt.

Im vergangenen Monat führte das deutsche Umfragunternehmen GfK Roper eine Befragung unter tausend Amerikanern durch. Ein Drittel gab an, ein Twitter-Konto zu besitzen, aber trotzdem skeptisch im Hinblick auf die Zukunft des Unternehmens zu sein. 35 Prozent glauben an einen Erfolg innerhalb der nächsten fünf Jahre, bei aktiven Investoren lag dieser Anteil bei 42 Prozent. "Schaut man auf Bewertungen und den fehlenden Gewinn, erinnert mich das an die Dotcom-Blase", meint der Investmentmanager Matt McCormick von Bahl & Gaynor. "Dieser Markt scheint etwas substanzlos und Twitter ist die Verkörperung eines riskanten Geschäfts."

Nutzer
Twitter: 200 Mio $
Facebook: 1,15 Mrd. $
Geschätzter Wert
Twitter: 10-15 Mrd. $
Facebook: 109 Mrd. $
Umsatz
Twitter: unter 1 Mrd $
Facebook: 1,8 Mrd. $ im 2. Quartal 2013