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Über das große Missverständnis

Von Eva Zelechowski

Politik
Winter im fremden Land - persönliche Fotos zeigen, wie Gastarbeiter lebten.
© Verein Jukus

Die Ausstellung "Avusturya! Österreich!" erzählt die Geschichte der ersten Arbeitsmigranten.


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Wien. "Um besser Deutsch zu sprechen, haben wir in der Nacht gelesen. Aber je mehr ich die Sprache beherrschte, habe ich bemerkt, dass man ungerecht zu mir ist." Vor fünf Jahrzehnten kam Ibrahim Ocak aus seinem Heimatdorf Simas in die Steiermark - mit einem Koffer und jede Menge Hoffnungen im Gepäck, wie die meisten Arbeitsmigranten aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien, die der Einladung zur "Gast-Arbeit" in Österreich in den 1960er Jahren folgten. Unterm Strich ist das Konzept zu einem der größten Missverständnisse der Nachkriegszeit Europas mutiert. Der Traum des großen Geldes zerplatzte nach kurzer Zeit, die Menschen waren isoliert, wohnten zum Teil zusammengepfercht in verfallenen Häusern und fanden sich in miserablen Arbeitsverhältnissen wieder.

"Was haben sie gefühlt?"

Der Verein Jukus nimmt den 50. Jahrestag des österreichisch-türkischen Gastarbeiter-Anwerbeabkommens zum Anlass, die Geschichte der Migration aus der Türkei zu beleuchten. Am 2. September findet die offizielle Eröffnung der Ausstellung "Avusturya! Österreich!" im Wiener Volkskundemuseum statt und macht danach in Innsbruck, Graz und Linz Station. "Es sind die persönliche Porträts mit Zeitzeugen und Videobeiträge aus dem ORF-Archiv, die einen Besuch der Ausstellung lebendig machen", sagt Handan Özbas, wissenschaftliche und organisatorische Mitarbeiterin des Projekts, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Gemeinsam mit ihrem Bruder und Projektleiter Ali Özbas hat sie das Projekt vor zwei Jahren ins Leben gerufen. Seitdem recherchierten die Jukus-Mitarbeiter und interviewten 30 türkische und kurdische Migranten. Beratend zur Seite stand der Verein "Initiative Minderheiten" (IM), der im Jahr 2004 zum 40. Jubiläum des Anwerbeabkommens mit der "Gastarbajteri"-Ausstellung im Wien Museum einen enormen Erfolg verbuchte und die Arbeitsmigration aus fokussiert historischer Perspektive erzählte. "Besonders wichtig war der Ausstellungsort, das Wien Museum, wo Wiener Geschichte geschrieben wird und somit auch die ‚Gastarbeiter‘ Teil der Stadtgeschichte sind", betont Cornelia Kogoj vom Verein IM.

Die Wanderausstellung "Avusturya! Österreich!" setzt hingegen die persönlichen Erlebnisse der Türken in den Mittelpunkt, um die vielen Facetten ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit aufzuzeigen. Wie haben sie gelebt? Wie ist es ihnen ergangen? Was haben sie gefühlt? Es sind schöne und traurige Geschichten aus dem Leben von "Menschen, die gekommen waren, um zu gehen", sagt Özbas. Denn keiner hat damals an einen langen oder dauerhaften Aufenthalt in Österreich gedacht. Weder die Einwanderer noch Bürger oder Politik.

Soziale Isolation war für viele Türken ein ständiger Begleiter. "Ich bin richtig deprimiert gewesen. Das war die reinste Folter", erzählt Hasan Yilmaz, der 1972 als Jugendlicher in Wien landete. "Ich habe einen Kassettenspieler genommen und bin auf den Berg gegangen. Hier habe ich mit Bäumen gesprochen." Einen ersten Freund fand er nach zwei Jahren. Anknüpfmöglichkeiten in der Gesellschaft gab es kaum. "In einigen Gasthäusern herrschte sogar Gastarbeiter-Verbot, die Menschen waren explizit aus der Gesellschaft ausgeschlossen", erzählt Özbas. Nach einigen Jahren waren es die Lebensumstände, die nach einem funktionierenden Miteinander und Integration drängten. Der Lebensmittelpunkt der "Zeitarbeiter" wanderte zunehmend nach Österreich.

Direktes Gespräch

Die Migranten der ersten Generation investierten ihr erspartes Geld zunächst in der Türkei. Bis ihnen klar wurde, dass eine Rückkehr für ihre Kinder nicht in Frage kam. Sie kauften Wohnungen und begannen, sich dauerhaft niederzulassen, soziale Bindungen einzugehen und weiterzubilden.

Durch die lebensnahe Dokumentation zur Ankunft der Migranten, ihrer Wohnverhältnisse, Verträge und Arbeitssituation können die Besucher in diesen sehr bedeutenden Teil der österreichischen Geschichte eintauchen. Spannend, weil man direkt "vor Ort" sei, seien etwa die Rundgänge durch einige Wiener Bezirke, erzählt Özbas. Zu den Stationen zählen ehemalige Zinshäuser in Ottakring und die alte Fischfabrik Warhan in Favoriten, die aufgrund ihrer prekären Arbeitsverhältnisse eine der ersten legalen Beschäftigungsmöglichkeiten für Migranten bot.

Bei den Roundtables hat man die Möglichkeit, direkt mit Gastarbeitern der ersten Stunde ins Gespräch zu kommen. Dort können sie Mahmut Alban zuhören, der 1973 in die Steiermark kam: "Ich habe 1986 eine Firma gegründet, die es heute noch gibt. Nachdem das Unternehmen Konsum in Konkurs ging, hatte ich hohe Schulden bei einem niederösterreichischen Familienbetrieb. Als ich mit Schuldscheinen zum Firmenchef kam, zerriss er sie und sagte: Schau, junger Mann, du bist Ausländer. Hättest du vorgehabt wegzurennen, wärst du nicht mit den Schuldscheinen zu mir gekommen. Fahr nach Graz zurück und arbeite weiter." Mahmut hat seine Schulden bezahlt. Die zwei Männer sind heute noch befreundet.

Wanderausstellung "Avusturya! Österreich!" des Vereins Jukus
Wien: 2. 9. - 28. 9. 2014
Linz, Innsbruck und Graz:
6. 10 - 21. 12. 2014
www.jukus.at/avusturya