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Von Gerhard Steger

Wirtschaft

Aus den Fehlern anderer lernen. | Aber nicht alles bei uns umsetzbar. | Wien. Gerade in Zeiten von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Reformen und Kulturveränderungen im öffentlichen Dienst sind Verwaltungen gefordert: Sie müssen sich rasch auf neue Gegebenheiten einstellen und gleichzeitig Innovationen entwickeln.


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Dabei empfiehlt es sich, herauszufinden, ob bereits eine Lösung für das eigene Problem existiert. Es kann schon lohnend sein, andere Verwaltungen im eigenen Land zu kontaktieren. Besonders fruchtbar ist meiner Erfahrung nach der Blick über die Grenze. Man findet nicht immer im selben Land wertvolle Hinweise, aber es gibt kaum Themen, wo es sich nicht auszahlen würde, Erfahrungen anderer zu Rate zu ziehen. Übrigens: Auch wir in Österreich sind ja immer wieder mit Anfragen aus anderen Staaten konfrontiert, die zeigen, dass wir in einer Reihe von Themen als interessante Ansprechpartner gelten, von denen andere zu lernen hoffen.

Um von anderen lernen zu können, braucht man Anknüpfungspunkte. Die finden sich oft schon in Publikationen, besonders im Internet. Meist empfiehlt es sich aber, Hinweise, die man in der Literatur oder anderen Quellen gefunden hat, durch persönliche Kontakte mit Kollegen anderer Staaten zu vertiefen. Veröffentlichungen neigen oft dazu, die jeweiligen Projekte besonders attraktiv darzustellen. Wie es wirklich aussieht, erfährt man meist nur von Angesicht zu Angesicht - und direkt bei den Praktikern vor Ort. Dies ist nicht zuletzt deshalb bedeutsam, weil Fehler, die andere gemacht haben (und die man daher selber vermeiden kann), meist mindestens ebenso wichtige Lernerfahrungen generieren wie Erfolge.

Internationale Netzwerke nützen

Viele Netzwerke entstehen in der Verwaltungsarbeit gleichsam automatisch. Wer in EU-Gremien sitzt, ist bereits Teil eines Netzwerkes, das es zu nützen gilt. Internationale Organisationen wie die OECD oder der Internationale Währungsfonds geben Plattformen ab, um Interessierten Erfahrungen anderer zugänglich zu machen. Oft treten aber Probleme auf, wo geeignete Ansprechpartner nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Hier gilt es, selbst zu recherchieren und herauszufinden, wer sich mit dem jeweiligen Problem schon herumgeschlagen hat und welche Ergebnisse dabei erzielt wurden.

Wirklichkeit ist der Beweis der Möglichkeit

Ist man einmal fündig geworden, bedeutet das nicht notwendigerweise, dass Erfahrungen anderer unbesehen übernommen werden können. Unterschiede in der politischen oder Verwaltungskultur können Lösungen, die anderswo erfolgreich umgesetzt wurden, bei uns sehr schwierig machen. Ideologische Barrieren können sich als zähe Hindernisse für anderswo erfolgreiche Reformoptionen erweisen. In letzterem Fall muss man zuweilen die Hegelsche Erkenntnis bemühen, dass die Wirklichkeit der Beweis der Möglichkeit ist. Gibt es also keine sicheren Adressen, wo für alle Probleme bereits eine Lösung gefunden wurde, sind doch bestimmte Staaten für gewisse Problemstellungen ein "heißer Tipp". Für moderne Verwaltungsreformen im Sinne der Verknüpfung von Ergebnis- und Ressourcenverantwortung gibt der angloamerikanische Bereich vieles her, was auch bei Berücksichtigung von System- und Kulturunterschieden wertvoll ist. Aber auch von Erfahrungen einzelner Regionen und Kommunen aus Deutschland sowie den Eidgenossen kann man Wichtiges lernen.

Bei Reformen etwa im Sozial- oder Bildungsbereich empfinde ich skandinavische Staaten und deren praxisbezogene, ergebnisorientierte, nicht ideologisierende Zugänge als besonders spannend und lehrreich.

Gerhard Steger ist Fachbuchautor und Sektionschef im Finanzministerium.